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Trendthema nachhaltige Lebensmittel – was heißt das eigentlich genau?

Eine Frau bestellt an der Obsttheke bei einem Mann.
Die regionale Herkunft von Lebensmitteln spielt für die Nachhaltigkeit eine große Rolle. Bild: DPA | Sven Simon

Bremerhaven will Vorreiter für nachhaltige Lebensmittelproduktion werden. Ein breites Bündnis bewirbt sich als Modellregion. Aber was ist eigentlich nachhaltig?

Eine regionale und nachhaltige Ernährung gilt als Schlüssel zu einer Zukunft, in der auch künftige Generationen und deren Enkel noch gut leben können. Darum haben sich zahlreiche Akteure aus Bremerhaven und der Region als Zukunftsprojekt "Wissen schafft Lebensraum" zusammengeschlossen. Gemeinsam setzen sich Bürger, Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik für eine Modellregion der nachhaltigen Lebensmittelversorgung ein – und bewerben sich beim Bundesministerium für Bildung und Forschung um 15 Millionen Euro Fördergelder für die nächsten sechs Jahre.

Aber das Trendthema Nachhaltigkeit ist so allgegenwärtig wie komplex. Das Technologie-Transfer-Zentrum (TTZ) in Bremerhaven hat das Projekt angestoßen und dort laufen viele Fäden des Bündnisses zusammen. Linda Böhm ist Kompetenzfeldmanagerin für Lebensmitteltechnologie am TTZ und ihr Kollege Martin Schüring Leiter Innovation. Beide beantworten wichtige Fragen zum Thema.

Was bedeutet überhaupt das Konzept Nachhaltigkeit?
Das ist ein sehr häufiger und auch sehr missverständlicher oder für Werbezwecke genutzter Begriff, sagt Schüring. "Die englische Übersetzung 'sustainable' bedeutet 'erhaltend', das erklärt es ganz gut." Was man der Natur entnehme, gebe man ihr nachhaltig auch wieder zurück – und zwar nicht als Müll sondern so, dass es wiederverwendet werden könne. Am besten mit regenerativer Energie genutzt. "Aber da geht das Dilemma los", so der 52-Jährige. Denn sogenannte klimaneutrale Mobilität gelte zum Beispiel als nachhaltig, habe aber ihrerseits katastrophale Folgen. Der Abbau dazu notwendiger Rohstoffe wie zum Beispiel Lithium, die in den Batterien stecken, führe häufig zu ökologischen und sozialen Folgen, die in den Bilanzen nur unzureichend berücksichtigt würden. "Man muss diesen Kreislauf bedenken."

Auch Böhm bezeichnet Nachhaltigkeit als komplexes Thema. "Die drei Säulen sozial, ökologisch und ökonomisch in Einklang zu bringen, das wäre die Vision von Nachhaltigkeit." Oft genannte Begriffe seien auch "zukunftsorientiert" und "enkeltauglich". Doch dies zu messen sei schwer, weil ein Maßstab fehle, findet Schüring. "Wir müssen uns um eine ehrliche Kostenrechnung bemühen und zum Beispiel fragen: Was kostet uns Wasserverschmutzung oder was passiert, wenn Ländereien für Mastbetriebe aufgekauft werden?"

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Grafik: Nachhaltigkeit unterteilt in Sozial, Ökonomisch und Ökologisch. Ökologisch Sozial Fair,Gerecht, Ethisch Transparenz,Regionale Wertschöpfung Schutz von Umwelt, Natur und Tier Ökonomisch
Und was sind dann nachhaltige Lebensmittel?
Alles, was in der Region angepasst an die Standortbedingungen natürlich wächst, kann dort auch nachhaltig produziert werden, sagt Böhm – wenn es sozial, ökologisch und ökonomisch im Einklang ist. Oft seien anderswo produzierte Lebensmittel billiger, da überwiege dann die Ökonomie dahinter. Darum würden hier zum Beispiel Gurken oder Salat aus Spanien gegessen. Schaue man sich aber an, wie man dabei mit Wasserressourcen und häufig auch mit Arbeitskräften umgehe, sei das nicht zukunftsorientiert, so Schüring. Der grundsätzliche Kreislaufgedanke zur Nachhaltigkeit gilt also auch für Lebensmittel und deren Herstellung sowie Logistik. Werden bei der Produktion beispielsweise Pestizide und importierte Düngemittel genutzt oder Humus aus der Region? Ist eine Wasserzugabe nötig oder reicht Regen? Welcher Aufwand wird für die Ernte betrieben und welcher für den Transport?

Ein aus Südamerika verschiffter Apfel kann im Vergleich eine günstigere Klimabilanz haben als einer aus der Region, der lange gekühlt gelagert werden muss, sagt Schüring. "Wenn der Transport über ein Containerschiff läuft, bleibt nicht viel Energie pro Apfel übrig. Bei einem Trecker, der nur ein paar Kisten transportiert, sieht das anders aus." Ein Problem, das auch beim Online-Handel oder dem Pizzalieferanten bestehe: Die sogenannte letzte Meile auf dem Weg zum Konsumenten ist besonders Energie raubend.
Eine Frau mit Brille lächelt in die Kamera.
Linda Böhm ist Kompetenzfeldmanagerin für Lebensmitteltechnologie am Technologie-Transfer-Zentrum in Bremerhaven. Bild: Linda Böhm
Nachhaltige Lebensmittel sind oft teuer, was muss passieren?
Viele Menschen können sich Bio und regional nicht leisten, häufig aus einer prekären Lebenssituation heraus, sagt Böhm. "Wissen schafft Lebensraum" will daher auch fairen Zugang zur Selbstversorgung und Produktion von Lebensmitteln schaffen, um Ernährungsarmut entgegen zu wirken. "Ich würde aber auch sagen, dass bestimmt 70 Prozent der Menschen die finanziellen Mittel dazu haben, allerdings andere Prioritäten setzen." Es gehe oft eher um fehlende Wertschätzung und darum, dass zum Beispiel der Stellenwert von Markenklamotten höher sei. Böhm und Schüring sind sich jedoch einig, beide Seiten dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Lösungsansätze sieht der Leiter Innovation am TTZ in mehr Information. "Man kann mit einfachen Dingen gutes Essen kochen und da sind wir schnell beim Thema Bildung." Denn das Wissen für eine günstige und nachhaltige Ernährung fehle oft. So lange der Zugang zu nicht nachhaltigen Lebensmitteln so einfach ist, sei es schwer das Problem zu überwinden. Hier sei auch die Politik gefragt, die beispielsweise Agrarsubventionen anders einsetzen könne oder mit Handelsabkommen die Einfuhr nicht nachhaltiger Lebensmittel begünstige. Je mehr von weiter weg kommt, umso stärker geht dies zu lasten lokaler Wirtschaft und eben auch der Preise, sagt Böhm. "Das ist ein Hamsterrad." Nachhaltigkeit müsse wettbewerbsfähiger werden, glaubt Schüring. Eigentlich sei schon alles nötige dafür erfunden, es müsse nur richtig angewendet werden.
Worauf sollte man also für einen nachhaltigeren und gesünderen Einkauf achten?
Grundsätzlich gilt laut Schüring: Regionale Produkte sind nicht schlecht. "Wenn ich für Bio-Eier allerdings erstmal weit mit dem Auto fahre, ist das weniger nachhaltig." Wichtig sind also auch die selbst zurückgelegten Wege. Eine Faustregel kann außerdem sein, Produkte von kleineren oder Familienunternehmen zu kaufen, sagt Böhm. Denn die erfüllten von der Struktur her meist per se viele Bereiche der drei Säulen der Nachhaltigkeit. Ein weiterer Tipp von Schüring ist es, auf kurze Zutatenlisten zu achten. "Und bei Inhaltsstoffen, von denen man noch nie gehört hat, sollte man schon etwas genauer hinschauen", so der 52-Jährige.

Ebenfalls sollte viel Verpackung vermieden werden, insofern seien Unverpacktläden empfehlenswert. Allerdings: "Wenn dadurch zu viel verdirbt, ist es auch schlecht." Es gelte also der Grundsatz, die Dinge differenziert zu betrachten. So auch beim Trendthema vegetarischer oder veganer Produkte. Ohne tierische Inhaltsstoffe wirken sie nachhaltig, sind es aber teilweise nur oberflächlich. Denn der Anteil an stark verarbeiteten oder eigentlich als künstlich zu bezeichnenden Produkten sei in diesem Bereich hoch.
Ein Mann lächelt in die Kamera.
Martin Schüring ist Leiter Innovation am TTZ und im Vorstand des Verbands Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft Bremen (Nageb), der die Förderung regionaler Kreisläufe unterstützt. Bild: Martin Schüring
Womit kann man im Sinne der Nachhaltigkeit besonders viel falsch machen?
Bei nachhaltigen Lebensmitteln geht es nicht ausschließlich um Bio sondern auch darum, wie stark sie verarbeitet sind, sagt Böhm. Da gebe es wenig hochwertige Produkte, ein großer Hersteller mit besseren Ansätzen komme aus der Region. "Tendenziell gilt: Je mehr etwas verarbeitet ist, desto mehr Energie musste dafür aufgewendet werden", erklärt Schüring. "Und desto weniger nachhaltig ist es auch." Das Gegenteil von nachhaltig ist nach Meinung des Experten zum Beispiel Bio-Analogkäse auf einer Tiefkühlpizza. Also ein im Wesentlichen aus Pflanzenfetten und Stärke bestehender Käseersatz, zwar mit Bio-Rohstoffen, aber ansonsten ein ernährungsphysiologisch praktisch wertloses Produkt mit begrenztem Genusswert, so der 52-Jährige. "Das führt den biologischen Nachhaltigkeitsbegriff eigentlich ad absurdum."

Besser als künstliche oder stark verarbeitete Produkte zu produzieren sei es, Rohstoffe wie zum Beispiel die Ackerbohne technologisch so zu bearbeiten, dass daraus schmackhafte Produkte entstehen, sagt Schüring. Statt Lebensmittel neu zusammenzusetzen, könnten sie beispielsweise geröstet oder fermentiert werden. "Chemie raus, Biologie und Physik rein", nennt das Schüring. Dann erhalte man "ehrliche" Lebensmittel. Dies würde tierischen Produkten vielleicht nicht komplett gleichen, sei aber "einfach nur lecker".
Welche besonders bemerkenswerten Beispiele nachhaltiger Lebensmittel gibt es?
Bei den Lebensmitteltrends spielen zum Beispiel Proteine aus Insekten oder Algen eine große Rolle, sagt Böhm. Das sei interessant, aber müsse dann auch nachhaltig produziert sein. Dabei können Insektenproteine einerseits als Tiernahrung in der Fleischproduktion dienen, andererseits aber auch als Nahrungsmittel für den Menschen direkt. "Algen sind auch gut, wenn der Kreislauf stimmt", so die Lebensmitteltechnologin. Etwa, wenn überschüssige Energie aus der Windkraft in die Produktion fließe. "Das sind spannende Kreisläufe, da ist Musik drin", glaubt die 40-Jährige. Die Kunst sei es, möglichst immer die drei Säulen der Nachhaltigkeit zu beachten. "Damit das klappt, braucht es Innovation und Pioniergeist."
Wie will das Projekt "Wissen schafft Lebensraum" zu mehr Nachhaltigkeit beitragen?
Es geht dem bereits jetzt vom Forschungsministerium geförderten Projekt besonders darum, die Akteure in der Region Bremerhaven zu vernetzen. Außerdem sollen die Aktivitäten in der nachhaltigen Lebensmittelproduktion wissenschaftlich begleitet werden. Das lokale Know How mit Institutionen wie der Hochschule, dem Alfred-Wegener-Institut, dem Thünen-Institut, der Uni Bremen oder eben dem TTZ sei riesig, sagt Böhm. Doch um Theorie und Praxis zu verbinden müsse man das erst einmal verstehen.

Praxisbeispiele aus der Region sind der Anbau von Ackerbohnen, Hanf und Hafer zur Produktion von Milchersatz oder eine Pilzzucht auf Bio-Stroh. Wichtig sei aber auch zu vermitteln, was dahinter stecke, so Böhm. "Wir müssen also Bildung mitdenken und aufklären, warum die Pilze von hier es wert sind 20 Cent teurer zu sein", sagt die 40-Jährige. "Das muss man im Blick behalten und ein Bewusstsein schaffen, auch durch Veranstaltungen oder andere Formate." Außerdem müsse die Gastronomie mit ins Boot geholt werden. Es sei auch wichtig, dass zum Beispiel Produktionsorte dort entstehen, wo die Menschen leben, um nachhaltige Lebensmittel leichter zugänglich zu machen. Mit all diesen Ansätzen bewirbt sich "Wissen schafft Lebensraum" um die Zuschüssen in Millionenhöhe. "Die Etablierung soll aber nicht an der Förderung alleine hängen", sagt Schüring. Sie würde das Projekt beschleunigen, aber in der Region gebe es auch so schon eine große Motivation.

Rückblick: Nachhaltigkeit, Veganismus, Klima – Entwicklung neuer Jugendkulturen

Video vom 4. Dezember 2020
Ein Schild mit der Aufschrift "unverpackt einkaufen".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 29. April 2021, 16:45 Uhr