Von Kälberstall bis Schlachthof: Das Leben einer Kuh im Milchbetrieb

Die Milchwirtschaft ist ein riesiger Markt. In Riede bei Bremen haben wir uns angeschaut, wie Milch in großem Stil hergestellt wird – und wie die Tiere ihr Leben verbringen.

Eine Michkuh

Um den Weg von der Kuh zur Milch nachzuvollziehen, beginnen wir den Kreislauf bei der Geburt eines Kälbchens. Namen haben die Kälber nicht, dafür Nummern. Das imaginäre Kalb in diesem Beispiel nennen wir 0815. Und so könnte sein Leben aussehen.

Kälbchen Nummer 0815 ist gerade frisch geboren. Noch ganz zauselig steht es in einer kleinen Box – ohne Mutter. Muttermilch trinkt es die ersten Tage trotzdem, verabreicht von den Hofangestellten. Später bekommt es dann Milchersatz, Austauscher genannt. Kälber, erklärt Landwirt Kai Glander, würden ohne Abwehrkräfte geboren und werden daher zunächst entfernt von älteren Tieren gehalten, die Erreger an sich tragen könnten.

Kälbchen in einer Box
Frisch geboren leben die jungen Kälber die ersten Tage in einer vorher desinfizierten Box aus Plastik.

Die Mutter des Kalbes liegt unterdessen auf einem Strohbett und ruht sich aus – inmitten von anderen jungen Müttern. Die Gruppe ist von den anderen Milchkühen für die erste Zeit separiert, damit die Tiere besser beobachtet werden können und mehr Liegeflächen haben.

Die Mutterkühe sollen nämlich schnell wieder auf die Beine kommen und viel Milch produzieren. Das ist die Einnahmequelle des Landwirts. Kälbchen Nummer 0815 wird nach zirka einer Woche mit 14 anderen Kuh-Kindern zusammengebracht. Sie wachsen jetzt gemeinsam auf. Ihre tägliche Ration Milchersatz bekommen sie portioniert passend zu Alter und Gewicht von einer Maschine.

Keine Verwendung für männliche Kälber

Milchviehhaltung in einem Laufstall
In einem großen Laufstall leben teilweise bis zu 200 Kühe zusammen.

0815 hat übrigens Glück. Es ist ein weibliches Kalb und darf im Betrieb zwei Jahre lang aufwachsen und im Sommer teils auf die Weide. Für die männlichen Kälber hingegen gibt es keine Verwendung. Für die Fleischproduktion ist die Rasse der Milchkühe nicht geeignet – es würde zu lange dauern, bis sie genug Masse ansetzen. Sie werden in die Kälbermast verkauft und geschlachtet, wenn sie zwischen sechs und acht Monate alt sind.

Nach 15 Monaten, Nummer 0815 ist noch lange nicht ausgewachsen, wird die junge Kuh das erste Mal besamt. Nicht mit irgendwelchen Samen, sondern mit eigens ausgewählten, damit ihr zukünftiges Kalb möglichst viele gute Eigenschaften hat.

Die ideale Milchkuh ist leistungsbereit, langlebig und gesund. Da gehören viele Dinge zu wie Knochenbau, Beckenneigung oder eine gute Beinstellung.

Kai Glander, Landwirt

Es gebe sogar die Möglichkeit gesextes Sperma zu verwenden, bei dem zu 90 Prozent ein weibliches Kalb herauskommt, erklärt der Landwirt. Dieses Sperma sei aber teurer und die Kühe würden seltener tragend. Er verwende es nicht. So kommen auf seinem Hof im Schnitt 800 Kälber pro Jahr zu Welt – rund die Hälfte ist männlich.

0815 wird gleich nach ihrer ersten Besamung tragend, also schwanger. Die nächsten zehn Monate läuft sie im Aufzuchtbetrieb herum. Auch ihre Gruppengenossinnen sind alle tragend. Wenige Wochen vor der anstehenden Geburt zieht 0815 mit anderen jungen Kühen, die Färsen genannt werden, in den großen Laufstall des Melkbetriebs um. So hat der hofeigene Tierarzt sie im Blick.

Dann ist es soweit. Kuh Nummer 0815 steht kurz vor der Geburt. Ausgewachsen ist die Zweijährige aber noch nicht – das dauert noch einige Monate. Schon längst hat 0815 ein Halsband mit einem Computerchip um. Damit sehen Tierarzt und Landwirt beispielsweise das Aktivitätsprotokoll, also wieviel sich eine Kuh bewegt. Gibt es Ausschläge nach oben oder unten, schickt der Rechner eine Warnung raus. Viel Aktivität kann eine anstehende Geburt anzeigen, zu wenig eine Krankheit.

Das Leben als Milchkuh: Es wird ernst

0815 bekommt planmäßig ihr erstes Kalb. Nach der Geburt wird das junge Kalb von der Mutter getrennt. Das Leben von 0815 als Milchkuh beginnt.

Großer Stall für Milchkühe
350 Kühe leben in diesem Stall. Direkt daneben steht ein weiterer mit derselben Anzahl.

Die ersten Tage erholt sie sich im Kreis von anderen Kühen, die gerade gekalbt haben in einem separierten Teil des Stalls, bis sie wieder ganz fit ist und in die große Herdenhaltung umzieht. Die junge Mutter wird nun auch dreimal täglich gemolken. 0815 lebt in einem großen Laufstall mit hundert anderen Kühen zusammen. Ihr Tag besteht aus fressen, gemolken werden und schlafen. Dafür gibt es Liegeplätze, die mit Stroh eingestreut sind. 0815 ist noch neu in der Gruppe und muss sich in die Herdenstruktur einordnen. Juckt ihr das Fell, kann sie zu einer großen Bürste gehen, die an einer Wand angebracht ist und sich schubbern. Nur raus auf die Weide kann sie nicht. Das passt in einen so großen Betrieb mit fast 800 Milchkühe nicht hinein. Die Abläufe seien zu getaktet, sagt der Landwirt.

Das liegt an der Betriebsgröße, das liegt an der Milchleistung, das liegt an dem dreimaligen Melken – da passt es nicht rein.

Kai Glander

Damit es im Sommer nicht zu heiß wird, gibt es Ventilatoren im Stall und eine Beregnungsanlage. Noch ein Grund, warum die Tiere nicht raus aufs frische Gras kommen, ist das Futter, das sie im Stall kriegen – ein Hochleistungsgemisch aus Maissilage, Grassilage, Luzernen, Biertreber, Stroh und Kraftfutter – das bekommen die Kühe angepasst nach Milchleistung. Gras von der Weide würde weniger Energie liefern, sagt der Landwirt, und damit weniger Milchleistung.

Milchviehhaltung in einem Laufstall
24 Kühe gleichzeitig können hier gemolken werden. Insgesamt kommen auf diesem Hof 24.000 Liter Milch am Tag zusammen von 720 Kühen.

Dreimal am Tag wird Nummer 0815 nun mit 23 anderen Kühen gemolken. Dafür geht es in einen Melkstand, in dem zwei Melker sechs Stunden am Stück die bis zu 800 Kühe des Betriebes melken – im Schichtbetrieb von 2:30 in der Nacht bis 23 Uhr. Im Schnitt gibt eine Kuh hier 34 Liter Milch täglich. So kommen um die 24.000 Liter Milch zusammen. Neben der vielen Milch produzieren Kuh 0815 und ihre Genossinnen auch 60.000 Liter Gülle pro Tag. Die werden in einem großen Bottich gelagert. Der Landwirt nutzt sie zum Düngen der Felder und gibt sie an weitere Landwirte ab, die Futter herstellen.

Nach wenigen Wochen wird 0815 das zweite Mal besamt, damit sie in zehn Monaten das nächste Kalb bekommen kann. Denn ohne Kalb keine Milch. Im zweiten Jahr steigt 0815 auf, in die Liga der besten Kühe im Stall. Sie gibt nun 50 Liter Milch am Tag. Ein Spitzenwert.

Ihre Milch fließt zusammen mit den weiteren 24.000 Litern pro Tag der anderen Kühe in einen großen Tank und wird von einer Molkerei abgeholt. Wieviel ihre Milch wert ist, steht bereits fest. Den Preis bestimmt zwar die Molkerei, doch auch die steht unter einem hohen Preis- und Konkurrenzdruck bei den Einzelhandelsketten, da in Deutschland mehr Milch produziert wird als benötigt.

Grafik: Fakten zu deutschlands Milchkühen. (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2010) 4,1 Mio Milchkühe in Deutschland 71,9% Laufstall 27,4% Anbindestall 0,7% andere Haltungsverfahren Bis 50 Liter Milch am Tag Jeder zweite Liter wird exportiert Erstes Kalb mit ca. 2 Jahren Lebenserwartung: 5-6 Jahre Bei natürlicher Lebensweise bis 20 Jahre
BHZ, ZMB

Rechnerisch bleibt nur jeder zweite Liter Milch von Kuh 0815 in Deutschland – die Hälfte wird ins Ausland exportiert. In die EU, nach Asien, China und Afrika. Als Milch, Käse, Milchpulver oder in einer anderen Form. Deutschland importiert zwar auch Milchprodukte, aber deutlich weniger als in den Export gehen.

Sechseinhalb Jahre im Dienst der Milch

So geht es für 0815 die nächsten Jahre weiter. Fressen, schlafen, melken. Doch als sie fünf Jahre alt ist, 0815 hat schon vier Kälber zur Welt gebracht, gibt sie immer weniger Milch und wird auch nicht wieder tragend. All das bemerkt der Landwirt durch die Computerüberwachung. Die jahrelange Milchproduktion macht sich bemerkbar bei 0815. Sie wechselt die Gruppe, lebt nun mit Kühen zusammen, denen es genauso geht wie ihr oder die generell nicht viel Milch geben.

Immer öfter kommen nicht mehr als 18 oder 19 Liter Milch am Tag zusammen – nun rechnet sich 0815 für den Landwirt nicht mehr. Er muss mehr Geld für sie ausgeben, als er einnimmt. Eines Tages rollt ein Lkw auf den Hof und holt 0815 ab. Sie kommt zum Schlachthof. Unter natürlichen Lebensumständen können Kühe um die 20 Jahre alt werden. 0815 ist sechs Jahre alt. Ihr erstes Kalb ist jetzt vier und bekommt bereits das zweite Mal Nachwuchs.

Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Oktober 2019, 19:30 Uhr