Infografik

Mobilität der Zukunft? So erobern Lastenräder Bremen und Bremerhaven

Viele Hoffnungen für die urbane Fortbewegung lasten auf Lastenrädern. Die Nachfrage bei Privatleuten und Logistikern im Land Bremen wächst – genau wie das Angebot.

Ein Mann fährt ein Kind in einem Lastenrad.
Das Angebot für Leih-Lastenräder in Bremen soll wachsen. (Archiv) Bild: DPA | Claus Völker

Nur schnell eine Kiste Wasser einkaufen, die Kinder zur Kita bringen oder Möbel abholen – dafür nehmen die meisten Menschen ein Auto. Ein Großteil der Autofahrten im Alltag sind Kurzstrecken. Doch immer mehr Leute schwenken um: auf umweltfreundliche Lastenfahrräder. Noch liegt der Marktanteil bei vier Prozent – aber die Nachfrage steigt rasant laut Zweirad-Industrieverband. 2020 wurden deutschlandweit mehr als 100.000 Stück verkauft, drei Viertel davon mit Elektro-Motor. Je nach Modell kann dabei hinten oder vorne auf einer Ladefläche oder in einer Box schweres und sperriges transportiert werden.

Eine Frau steht neben einem Lastenrad.
Anne Bink vom Unverpacktladen Glückswinkel ist selbst Lastenrad-Fan. Demnächst startet ihr Verleih in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

In Bremen und Bremerhaven gibt es einige Leih-Angebote für Lastenräder, oft kostenlos. In der Seestadt etwa geht demnächst ein neuer Verleih an den Start: Beim Unverpacktladen Glückswinkel in der Alten Bürger können Interessierte kostenfrei Lastenräder leihen, sobald es die Corona-Lage zulässt. Rot sind sie, zweieinhalb Meter lang, samt Holzbox mit Kindersitz. 100 Kilo dürfen dort maximal hinein. "Mit Schwung reintreten, einfach geradeaus gucken, nicht zu sehr aufs Vorderrad konzentrieren, dann funktioniert das", empfiehlt Ladenmitinhaberin Anne Bink. Für die Anschaffung der beiden Räder hat Glückswinkel rund 13.500 Euro aus der Bingo-Umweltlotterie erhalten, als Beitrag für eine umweltbewusste Stadt. "Bremerhaven sagt ja, dass es eine Klimastadt ist", so Bink. "Wir finden, dass es auch eine autofreiere Stadt sein sollte, aber da muss auch ein entsprechendes Angebot da sein."

Bisher wenig Lastenrad-Angebote in Bremerhaven

Ein Lastenrad steht auf einem Bürgersteig.
Bei der Quartiersmeisterei Alte Bürger können Interessierte ein Lastenrad leihen. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

In der Seestadt gibt es bisher nur wenige Lastenrad-Angebote, kritisiert Hans Joachim Schmeck-Lindenau vom Fahrradverband ADFC in Bremerhaven. Dort böten bislang nur die Quartiersmeisterei Alte Bürger und an Wochenenden die Kindertagesstätte Regenbogen in Schiffdorf einen Verleih an. Einsatzmöglichkeiten gibt es viele. "Das fängt an beim Kindertransport zur Kita, bis hin zu gewerblicher Nutzung", sagt die Bremer ADFC-Sprecherin Frauke Maack. Buchhändler hätten in der Corona-Krise so zum Beispiel ihre Bücher ausgeliefert, auch gebe es Handwerksbetriebe, die mit Lastenrädern unterwegs seien.

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Bremen plant Lastenrad-Förderprogramm

In Bremen verleihen unter anderem Stadtteilinitiativen, ADFC und örtliche Geschäftsleute Lastenräder oft kostenlos an alle Interessierten – etwa in Walle, Gröpelingen, Hemelingen, der Neustadt oder dem Viertel. Darunter auch Pedder-Räder für speziellen Anforderungen, zum Beispiel für Rollstuhlfahrer. Städte wie Hamburg und Köln haben bereits Fördergelder für die Anschaffung von Lastenrädern vergeben. Die Nachfrage war riesig.

Auch für Bremen und Bremerhaven würde sich der ADFC so ein Förderprogramm wünschen: "Lastenräder sind in der Anschaffung schon etwas teurer", sagt Maack. "Wobei, wenn man das hochrechnet und vergleicht, dass sie auch ein Auto ersetzen können, dann vielleicht schon gar nicht mehr." Gäbe es eine Unterstützung, fiele vielen Menschen der Umstieg vielleicht leichter, glaubt sie. Auch Bremen plant nun ein Förderprogramm für Lastenräder. Das sagt Michael Glotz-Richter, Referent für nachhaltige Mobilität im Mobilitätsressort. Sie soll noch in diesem Jahr kommen. Mehr will er allerdings noch nicht verraten, Details stünden noch nicht fest.

Engpässe wegen Corona – Produktion in Bremen wächst

Zwei Männer stehen in einer Werkstatt.
Jap Kellner (l.) und Stathis Stasinopoulos in der Velo-Lab-Werkstatt. Bild: Velo Lab

Die Kosten für ein durchschnittliches Lastenrad mit Motor liegen bei 5.000 Euro, eher mehr, sagt Jap Kellner, vom Bremer Hersteller Velo Lab. Bei Unterhaltskosten für ein Auto mit Reparaturen, Versicherung, Steuern und Sprit habe man ein Lastenrad in zwei, drei Jahren wieder drin, rechnet er vor. Doch wer momentan mit dem Kauf liebäugele, sei spät dran. Weil die weltweite Nachfrage nach Fahrradteilen groß sei, liege die Wartezeit für ein neues Fahrrad bei manchen Händlern bei 18 Monaten.

Als kleinerer Player schaffe Velo Lab dies schneller. Auch das junge Unternehmen, das seine Rahmen in Bremen fertigt, wächst. Letztes Jahr waren Keller und Unternehmensgründer Stathis Stasinopoulos noch zu zweit, nach dem kürzlichen Umzug auf die Überseeinsel arbeiten nun zwölf Menschen bei dem Fahrradhersteller. Von 55 Lastenrädern in 2019 soll die Produktion auf nun 400 Stück in 2021 wachsen. "Wegen Corona gibt es momentan sowieso eine riesige Fahrradnachfrage und auch -knappheit", sagt Kellner.

Es kommt in der breiten Bevölkerung an, teilweise sogar als Statussymbol. Vor drei Jahren konnte man vor der Kita noch mit einem SUV punkten, wir hoffen, die Leute schämen sich inzwischen ein bisschen. Jetzt wird vermehrt stolz mit dem Lastenrad vorgefahren. Wichtiger ist uns aber der Effekt für Umwelt und Gesellschaft.

Jap Kellner, Geschäftsführer Velo Lab

Für die Mobilitätswende sollen Autos in Innenstädten ersetzt werden und das geht nur mit Lastenrädern, ist sich Kellner sicher. Doch dafür müsse die Stadt teilweise umgestrickt werden. Cargo-Bikes brauchen mehr Platz auf Radwegen und zum Parken – jedoch weniger als Pkw. "26 Prozent der Autos im Viertel stehen drei Werktage pro Woche am Stück unbewegt herum", sagt Glotz-Richter. "Und die Zahl stammt noch von vor Corona." Natürlich müsse die Radinfrastruktur für solche Ansätze vorhanden sein, so der Referent. Bremen sei da weiter als andere Städte. Laut Kellner spielt auch die Sicherheit der Räder eine immer größere Rolle. "Meinem Bruder wurden dieses Jahr schon zwei Lastenräder in Findorff geklaut", sagt der Fahrradhersteller. "Lastenrad-Diebstahl scheint momentan zu grassieren."

Bremen koordiniert europäisches Forschungsprojekt

Ein Mann sitzt in einem gelben Lastenrad.
Michael Glotz-Richter vom Mobilitätsressort ist selbst gerne im Lastenrad der Behörde unterwegs. Bild: Skums

Ein großes Potenzial als urbanes Transportmittel der Zukunft sieht Glotz-Richter nicht nur für Privatleute sondern auch für Unternehmen. "Schauen Sie sich die Kurierdienste an, die Briefpostzusteller, die mit Lastenrädern unterwegs sind und zunehmend auch Paketdienste, die mit ihren großen Lieferfahrzeugen eine ganze Menge Probleme in den engen Straßen haben", sagt der Experte. "Es gibt richtig große Cargo-Bikes, die ganze Paletten und Rollcontainer transportieren können."

Regale werden nicht mehr so intensiv aufgefüllt, daher sind Lastenräder eine große Entlastung und die Lieferwagen stehen nicht in Fußgängerzonen.

Michael Glotz-Richter, Referent Verkehrsressort

Glotz-Richter ist an der Koordination des europäischen Forschungsprojektes "Urban Logistics as an on-Demand Service" (ULaaDS) beteiligt, das sich mit einer effizienteren Gestaltung urbaner Logistik beschäftigt. Zum Programm gehören auch die neun Fietje-Lastenräder des ADFC, die in Cafés und Geschäften geliehen werden können. Weil der Vorlauf teilweise bereits mehrere Wochen beträgt, soll die Flotte ausgebaut werden, sagt Glotz-Richter. Im Rahmen des Projekts gibt es in der Bremer Innenstadt außerdem einen sogenannten Mikro-Hub, der eine schnelle Umladung von Containern aus dem Güterverkehrszentrum auf Lastenräder ermöglicht. Auf diesem Wege werden bereits Waren an kleinere Geschäfte ausgeliefert. Derzeit wird laut Glotz-Richter ein weiterer Standort am Güterbahnhof geprüft.

Lastenräder als Zukunft der Liefer-Logistik?

Projektpartner ist das Bremer Startup Rytle, das mit seinen Logistiksystemen per Lastenrad laut Glotz-Richter weltweit für Aufsehen sorgt. Sie sind bereits in New York, Miami oder Montreal im Einsatz. Denn die Probleme seien in allen großen Städten die gleichen: Lieferwagen stünden in den Quartieren oft im Weg, blockierten Zufahrten für Müllwagen und Feuerwehr. Nicht zuletzt, weil auch Ladezonen häufig zugeparkt seien. Es gebe großes Interesse an solchen Lösungen aus der Logistikwirtschaft. Weil pandemiebedingt so viel online bestellt werde, sei in den letzten Monaten ein Zustelllevel erreicht worden, wie sonst nur zu Weihnachten. "Das Thema hebt im Augenblick richtig ab", so Glotz-Richter. "Viele Kurierdienste sind in Bremen schon mit Lastenrädern unterwegs, weil es so effizient ist." Die Behörde wolle dazu beitragen, den Straßenraum zu entlasten und zeigen, wie man mit der Zunahme bei der Zustellung umgehen könne. Allerdings seien Lastenräder nicht die alleinige Zukunft, sondern ein Beitrag für eine nachhaltige Logistik.

Eine Frau sitzt auf einem Lastenrad, auf der Ladefläche sitzen Hunde.
Auch Hunde finden Platz auf einem Lastenrad. Bild: Velo Lab

Auch der Unverpacktladen Glückswinkel in Bremerhaven nutzt die Lastenräder teilweise für den Warentransport. Sogar ein Umzug sei damit schon gemacht worden, sagt Geschäftsführerin Bink: "Es geht wirklich fix und man guckt schon, welche Umwege man fahren kann, weil es wirklich Spaß macht." Während in den Nachbarländern Dänemark und den Niederlanden längst eine gewisse Lastenrad-Kultur herrsche, sei Deutschland nun auch auf einem Weg dorthin, findet Kellner. Und Glotz-Richter meint: "Bremen ist da schon recht weit, hat aber auch noch Luft nach oben."

Autorinnen und Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 22. April 2021, 14:40 Uhr