Wie ein Dorf bei Bremerhaven zum Kunst-Hotspot wurde

Audio vom 5. September 2021
Kuratorin Elke Prieß steht in der Kunstausstellung
Hat die Ausstellung erstmals konzipiert: Kuratorin Elke Prieß Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens
Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Internationale Kunstausstellungen finden sich in Metropolen wie Berlin oder Bremen. Doch der kleine Ort Ihlienworth zeigt, dass das auch auf dem Land möglich ist.

40 Minuten dauert die Fahrt von Bremerhaven nach Ihlienworth, einem 1.500-Einwohner-Dorf. Auf dem Weg begegnen einem viele Kühe, wenig Menschen und noch weniger Supermärkte.

Und auch in Ihlienworth ist, jetzt zur Mittagszeit, wenig los. Autos brausen über die Hauptstraße, Hundegebell ist zu hören. Ein kleiner Fluss führt durch den Ort, darüber wölbt sich eine malerische Holzbrücke. Daneben weist ein Schild den Weg zum Tierarzt, ein anderes zur Hengststation. Frische Eier gibt’s am Straßenrand, die Kasse steht daneben. Hier scheint man einander zu vertrauen.

"Die schlafen alle noch", erklärt Simone Haase lachend auf die Frage, warum niemand im Ort anzutreffen ist. Haase und ihr Mann stehen in einem weißen Festzelt, hölzerner Schmuck ziert den Garten. "Wir haben gestern hölzerne Hochzeit gefeiert." Erst vor wenigen Stunden seien alle ins Bett gegangen. Ob sie schon bei der Kunstaustellung waren? Nee, sagen die zwei, das sei nichts für sie.

Wellblech-Halle hinter dem Autohaus

Die Kunst-Ausstellung ist in einer Straße hinterm Autohaus zu finden, in einem grünen Wellblechgebäude, an dessen Fassade ein Schild angebracht ist. In bunten Buchstaben steht darauf "RE-Art Halle". In der Halle stellt sonst der Bauhof seine Geräte unter. Im Gegensatz zum Dorfkern ist es hier proppevoll.

Die grüne Wellblech-Halle, in der die RE-Art in Ihlienworth zu sehen ist, von außen
Etwas trostlos von außen: die grüne Wellblech-Halle mit den bunten Buchstaben Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Kulturerbe ist dieses Mal das Thema der Schau. In einer Ecke zeigt ein Monitor eine Koreanerin, die Übungen macht zur Entspannung der Augen. Daneben stehen Fotografien einer iranischen Künstlerin. Davor mehrere Toaster. Sie sollen eine moderne Feuerstelle symbolisieren, an der Menschen sich zum Reden und Essen treffen, erklärt Kuratorin Elke Prieß. Insgesamt 50 Künstlerinnen und Künstler haben erarbeitet, was sie unter Kulturerbe verstehen.

Dass es eine internationale Schau in Ihlienworth gibt, war Zufall, erzählt Peter von Spreckelsen, der Vorsitzende des Vereins, der die RE-Art organisiert. "Also angefangen hat es damit, dass der langjährige Ausstellungskurator Samuel Fleiner eine Ausstellungsfläche suchte".

Samuel Fleiner ist Konzeptkünstler und Komponist aus Heidelberg. Die frühere Recycling-Halle in Ihlienworth passte genau in sein Konzept einer Ausstellung über Kunst aus nachhaltigen Materialien. Eine Mitarbeiterin im Landkreis Cuxhaven habe den Aufruf gesehen und Kontakt aufgenommen. Fleiner sei begeistert gewesen, sagt von Spreckelsen. Die Gemeinde kaufte die Halle, der eigens gegründete Verein warb Geld ein. Gleich die erste Schau war ein Riesenerfolg, wurde in Nairobi und San Francisco gezeigt.

Seitdem findet die RE-Art alle zwei bis drei Jahre statt. Einige Ausstellungen erhielten schon Auszeichnungen von den Vereinten Nationen. Dieses Jahr hat erstmals Kuratorin Elke Prieß aus Bremen die Ausstellung konzipiert. Sie will Einheimische und Fachpublikum gleichermaßen begeistern.

Den Ort lebenswert halten

Blick in die Kunst-Halle in Ihlienworth
Wo sonst die Geräte des Bauhofs stehen, ist nun Kunst zu sehen: die RE-Art Halle in Ihlienworth bei Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Es profitieren aber nicht nur Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber von der Schau, sondern auch das Dorf. Den Ort lebenswert halten, damit er nicht ausstirbt, auch darum gehe es, sagt von Spreckelsen. Im Nachbarort Osterbruch, dessen Bürgermeister er ist, sei ein Großteil der 500 Bewohner älter als 60 Jahre.

Ich glaube, dass über Kultur sozusagen aus der Provinz auch wieder eine progressive Provinz werden kann. Weil wir durch diese völlig anderen Zugänge es Menschen ermöglichen, hier einfach neue Identitäten zu schaffen für sich selbst. Und dass wir auch Leute für die Region gewinnen können.

Organisator Peter von Spreckelsen

Im Dorf jedenfalls kommt die regelmäßige Kunstschau gut an. Viele Besucherinnen und Besucher sagen, sie kämen jedes Jahr, die meisten klingen begeistert und stolz, dass es eine so hochkarätige Schau auf dem Land gibt. Einige Besucher sind aus Cuxhaven oder Bremen angereist. Auch Simone Haase und ihr Mann, die sich nicht für Kunst interessieren, finden, das Projekt sei "eine feine Sache fürs Dorf", weil der Verein mit den Kindern ein Schulprojekt erarbeitet und ein Gottesdienst in der Halle angeboten wird.

Kontroverse über Kuhdung-Wurfmaschine

Dass er nicht alle für die Kunst begeistern kann, ist sich Organisator Peter von Spreckelsen bewusst. Die Diskussion "Ist das Kunst oder kann das weg?" habe Ihlienworth schon geführt, als vor einigen Jahren ein Künstler mit einer Kuhdung-Wurfmaschine Kuhfladen aufs Dach geschossen habe. "Da gabs in der Presse einen Leserbrief, ganz große Furore: Wie kann man sowas finanzieren mit öffentlichen Geldern?", erinnert sich von Spreckelsen.

Letztlich jedoch, sagt von Spreckelsen, hätte diese Kontroverse eine Debatte entfacht und Neugier geweckt. Und das sei doch ein großer Gewinn.

Autorin

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 05.09.2021, 10:40 Uhr.