Interview

Klartext und Geldentzug: Bremer wollen katholische Kirche reformieren

Der "Katholische Klartext" aus Bremen und Köln will ein Umdenken erzwingen. Mitgründer Carl Kau: "Wenn die katholische Kirche so weiter macht, ist sie in 20 Jahren leer."

Ein Jesuskreuz steht währen der feierlichen Christmette in der römisch-katholischen Kathedralkirche Sankt Sebastian.
Seit den 1960er-Jahren verlieren die großen Kirchen in Deutschland an Bedeutung. Carl Kau und seine Mitstreiter möchten dem mit ihrer Initiative etwas entgegensetzen. Bild: DPA | Ronny Hartmann

Der Bremer Carl Kau hat zusammen mit anderen die Seite www.katholischer-klartext.de ins Leben gerufen. Nutzer können dort über strittige Themen in der katholischen Kirche abstimmen. Es geht um demokratische Mitbestimmung, Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, das Zölibat, Frauen in Kirchenämtern und Transparenz der Kirchen-Finanzen. Userinnen und User können mit einem Mausklick angeben, wie wichtig ihnen ist, dass sich bei dem jeweiligen Thema etwas verändert. Rund 5.500 Menschen haben bisher mitgemacht. Im Gespräch mit buten un binnen erklärt Kau die Motive der Initiative – und welches Ziel sie verfolgt.

Herr Kau, Sie sind Katholik, kommen ursprünglich aus Köln, waren aber auch Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Was bedeutet Ihr Glaube für Sie?
Der Glaube ist mein großes Lebensfundament. Ich bin aufgewachsen mit dem rheinischen Katholizismus – und da hat man in der Jugend in dem Dreieck zwischen Elternhaus, Schule und Pfarrgemeinde eigentlich sein ganzes Leben verbracht. Dazu gehörten nachmittags Jugendarbeit, Jugendfreizeiten, frühe Verantwortung für Jüngere – bis hin zu der Tatsache, dass ich meine Ehefrau aus diesem Kreis kenne und heute noch viele Freunde aus dieser Zeit habe. Das war unsere Lebensgrundlage. Und es bedeutet mir auch heute noch viel, weil ich an die Heilsbotschaft Christi glaube.
Und was hat Sie persönlich dazu bewogen, dieses Initiative mit anzustoßen?
Das hat verschiedene Anlässe. Einmal war ich zu Weihnachten geschockt, dass ich unsere drei christlich erzogenen Töchter und meine Enkel nicht mehr in die Kirche bekommen habe. Zum zweiten gab es eine Umfrage von St. Johann von der Propstei zur Zufriedenheit der Katholiken. Da ging es aber nur um katholische Details – und die ganzen kritischen Fragen, die uns alle beschäftigen, kamen darin gar nicht vor. Und dann hatte ich Bischof Bode in Osnabrück angeschrieben – und bis heute keine Antwort erhalten.
Das hat mich dann in diesem Dreiklang motiviert zu sagen: "Jetzt musst du mal eine Website schaffen, wo Menschen ihre Meinung über die Kirche äußern können zu den Punkten, die uns zurzeit wirklich alle beschäftigen."
Die Forderungen oder Kritikpunkte Ihrer Initiative sind nicht neu. Was ist denn anders?
Neu ist doch, dass man sich zu diesen Themen überhaupt einmal äußern darf. Ich bin seit 67 Jahren in der katholischen Kirche und bin noch nie nach meiner Meinung zu diesen Themen gefragt worden. Und völlig neu ist auch die Frage, ob man bereit wäre, finanziellen Druck auszuüben – und vorübergehend auszutreten, um diese Forderungen zu unterstreichen. Die Idee ist, erst wieder einzutreten, wenn die Kirche Reformen durchgeführt hat.
Sie nennen dieses finanzielle Druckmittel eine "Auszeit". Wie realistisch ist es denn, dass das tatsächlich etwas bewirkt? 2019 sind schließlich so viele Katholiken aus der Kirche ausgetreten wie noch nie, nämlich mehr als 270.000, – und trotzdem hat das nichts verändert. Warum sollte die Auszeit, die Sie ins Spiel bringen, etwas verändern?
Die Kirche hat jetzt noch etwas über 22 Millionen Mitglieder. Eine Million verschwindet im Jahr durch Alter, Tod und Austritt. Das kann die Kirche also maximal noch 20 Jahre durchhalten, dann ist sie leer. Nachwuchs von unten kommt wenig. Das gilt sowohl für die geistlichen Berufe als auch für die Kirchen-Teilnehmer. Und in allen Lebensbereichen ist Geld ein Mittel, mit dem man etwas bewirken kann – entweder durch Förderung oder durch Weglassen. Und ich glaube, das gilt auch für die Kirche. Deshalb bin ich schon zuversichtlich, dass sich etwas bewegen wird. Die Kirche wird sich diesen Reformen nicht auf Dauer verschließen können – es sei denn, sie will völlig leere Reihen und leere Kassen.
Nun können bei der Umfrage ja alle mitmachen. Also auch ich als Nicht-Katholikin. Was passiert dann mit diesem Ergebnis?
Ich sehe das so: Die katholische Kirche ist eine so wichtige Institution und steht so massiv in der Öffentlichkeit, da kann jeder seine Meinung äußern, auch wenn er selbst nicht Mitglied ist. Wir werden die Abstimmung bis über den Ökumenischen Kirchentag im Mai offen halten und das Ergebnis dann im September der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda übermitteln. Außerdem werden wir es parallel auch in Rom in den entsprechenden Gremien platzieren, damit dieses ständige Versteckspiel aufhört – Rom hinter Deutschland, Deutschland hinter Rom. Wir werden das den Verantwortlichen medienwirksam übergeben.

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Und was erhoffen Sie sich davon? Sie haben ja konkrete Forderungen formuliert.
Wir erhoffen uns ein Umdenken. Beim Thema Missbrauch findet es langsam ja auch statt. Das heißt, so etwas zu vertuschen geht in Zukunft gar nicht mehr. Und die Kirche hat enorme Maßnahmen angeleiert, um Prävention zu bieten und die Geschehnisse aufzuarbeiten. Warum sollte das in anderen Bereichen nicht auch möglich sein?
Vor 100 Jahren gab es die ersten Olympischen Frauenspiele in Monte Carlo – und heute haben wir Frauen wie selbstverständlich im Sport. Es wird höchste Zeit, dass zum Beispiel Frauen die gleichen Rechte in der Kirche bekommen wie die Männer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Themen, die sich in allen anderen Lebensbereichen geändert haben, sich in der katholischen Kirche nicht auch ändern können.
Für Sie als gläubiger Vater und Großvater, sprechen Sie doch noch einmal Klartext: Wie ist die katholische Kirche für die kommenden Generationen noch zu retten?
Sie müssen anders auftreten. Sie dürfen nicht 50 Prozent der Gläubigen ausschließen, nur weil sie weiblichen Geschlechts sind. Sie dürfen auch homosexuelle Paare und Paare anderer sexueller Orientierung nicht den Segen verweigern, nur weil es nicht zu ihrer Sexualmoral passt. Sie müssen offener sein wie beim Zweiten Vatikanischen Konzil gefordert. Wir müssen aktiv Jugendarbeit betreiben, so wie wir sie genossen haben. Und dann glaube ich, ist die Botschaft Jesu Christi nach wie vor so aktuell, dass sie eigentlich jeden interessieren müsste.
Sie haben eine Heimat in der Kirche gefunden und das wünschen Sie sich eigentlich auch für Ihre Enkel. Verstehe ich Sie da richtig?
Ja, das wünsche ich mir. Die Kirche hat so viel Tradition und sie ist so weltumspannend. Wenn Sie in fremde Länder reisen, wenn Sie fremde Gottesdienste besuchen, wenn Sie die Kirchen und alten Stätten aufsuchen, dann stellen Sie fest, dass diese Geschichte so universell ist und auch so lange schon überlebt hat. Es kann nicht sein, dass ein Klerikalismus im 21. Jahrhundert den Weg der Gläubigen behindert.

Wie ein Bremer einen Ort für Kritik an der katholischen Kirche schafft

Video vom 28. März 2021
Ein Kruzifix hängt an der Wand.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. März 2021, 19:30 Uhr