Sagt nicht Danke – bezahlt uns besser: Der Frust der Bremer Helfer

Applaus, Musik und Dankeschön-Plakate: Bremen bedankt sich bei seinen Ärzten und Krankenpflegern für deren Einsatz. Das allein reicht aber nicht, sagen die Pflegekräfte.

Krankenschwester auf Isolierstation
Viele Bürger drücken in diesen Tagen ihre Dankbarkeit gegenüber den Pflegern aus – doch das alleine wird den Fachkräftemangel nicht lindern, sagen Gewerkschaft und Betroffene. Bild: DPA | Jens Büttner

Nicht nur Applaus, sondern bessere Bedingungen: Das ist offenbar die Forderung vieler Pfleger in der Corona-Zeit. Symbolische Gesten seien zwar schön und gut gemeint, doch bessere personelle Ausstattung, eine gute Ausrüstung und ein höheres Gehalt wären als konkrete Maßnahmen hilfreicher – so lässt sich die Meinung einiger Fachkräfte zusammenfassen, die buten un binnen befragt hat.

Der Krankenpfleger Dennis Dependahl aus dem Landkreis Cuxhaven sagt, die Dankbarkeit sei spürbar – doch eine vernünftige Bezahlung und eine bessere Ausstattung sei viel wichtiger. Ähnlich sieht das eine Bremer Krankenschwester, die anonym bleiben möchte. "Man freut sich darüber, aber eigentlich müssten wir mehr Geld verdienen", erzählt sie. "Vom Applaus kann ich meine Miete nicht bezahlen."

Der Dank kommt schon an. Es ist schön, dass man diesen Dank erfährt, aber eine vernünftige Bezahlung und eine bessere Ausstattung in personeller sowie materieller Hinsicht wäre viel, viel wichtiger.

Dennis Dependahl, OP-Pfleger und Pflegeleiter

Bessere Bezahlung könnte den Beruf attraktiver machen

Wie viel ein Pfleger verdient, hängt von vielen Faktoren ab. Laut Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst fange man als Berufseinsteiger je nach Qualifikation mit zwischen 2.800 und 3.300 Euro brutto an. Allerdings kann die Vergütung je nach Vertrag und Betriebszugehörigkeit nach unten schwanken. Die Arbeit sei schon anstrengend - wenn man mehr Geld bekäme, könnte man mehr Arbeitskräfte gewinnen, meint die anonyme Krankenpflegerin.

"Der Knackpunkt ist, dass wir zu wenig Pflegekräfte haben und dadurch die Anforderungen an die einzelne Pflegekraft total hoch sind." Weil die Arbeitsbelastung zu hoch sei, würden die Menschen überfordert und krank. Es sei dann schwierig, neue Arbeitnehmer für den Job zu begeistern. "Es ist wie ein Teufelskreis."

Irgendwann weißt du nicht mehr, wieso du deinen Job machst. Deswegen brechen viele ab.

Krankenpflegerin aus Bremen

Die meisten Häuser seien zwar noch in der Lage, ihre Patienten gut zu versorgen, teilt der Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe Nordwest (DBfK) mit. Die Unsicherheit angesichts der Corona-Krise ist jedoch groß. "Die Personaldecke ist dünn, trägt aber nur solange, bis nicht durch Infizierungen oder Quarantänemaßnahmen viele Kollegen auf einmal ausfallen", so die Sprecherin.

Fachkräftemangel in der Pflege kein neues Thema

Die Unterbesetzung in der Pflege ist kein neues Thema. "Der Ruf 'Die Pflege ist am Limit' kam schon vor zehn Jahren. Und es hat sich eigentlich nichts getan", sagt die Krankenpflegerin. Die Gewerkschaft Verdi fordert ebenfalls schon länger eine Aufwertung sämtlicher Pflegeberufe. "Wir brauchen überall eine gute Personalbemessung, die sich an dem Bedarf misst – an dem, was die Patienten brauchen. Und nicht an aktuellen Personenuntergrenzen", sagt Kerstin Bringmann, Sekretärin für Gesundheit und Soziales bei Verdi-Bremen. Teilweise sei bereits in der Vergangenheit in Krankenhäusern die Untergrenze nicht erreicht worden, sodass Stationen schließen mussten.

Dass das Problem schon länger vorliegt, weiß auch Dependahl: "Das hätte schon viel, viel früher erfolgt sein müssen. Hier ist an vielen Stellen was verschlafen worden." Ein mögliche Lösung sieht Bringmann in Investitionen, um Fachkräfte zurückzugewinnen oder neu anzuwerben. Der DBfK lenkt außerdem den Fokus auf die gesellschaftliche Anerkennung sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Wenn man immer zur Verfügung steht, wenn man immer einsatzbereit ist, dann soll es auch entsprechend honoriert werden.

Dennis Dependahl, OP-Pfleger und Pflegeleiter

Einige Arbeitgeber wollen Sonderprämien zahlen

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat den Pflegern Steuerfreiheit auf eventuelle Boni in einer Höhe von bis zu 1.500 Euro zugesagt. Die Arbeitgeber der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) hatten sich in Verhandlungen mit Verdi bereits Anfang der Woche bereit erklärt, Sonderprämien zu zahlen. Doch Dependahl bezweifelt, dass dies überall passieren wird, wenn die Arbeitgeber nicht dazu gezwungen werden.

In Bremen begrüßt das Gesundheitsressort die Einigung. Zu einem allgemeinen Zuschuss vom Land wie in Bayern äußerte sich die Gesundheitsbehörde nicht. Der Senat hatte diese Idee laut Weser-Kurier jedoch bereits in den vergangenen Tagen abgelehnt.

Eine langfristige Aufwertung ist auch in den Pflegeberufen dringend notwendig. Dazu gehören auf jeden Fall auch höhere Löhne, die vor allem über tarifliche Steigerungen erfolgen müssen. Deswegen ist zum Beispiel der aktuellste Tarifabschluss und die Forderung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung dieses Tarifvertrags voll umfassend unterstützenswert.

Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

Honorierung nicht nur für Pflegekräfte

Eine Sprecherin der Bremer Gesundheit Nord teilte buten un binnen mit, man denke gerade über eine finanzielle Anerkennung nach. In welcher Form dies geschehen solle, sei jedoch noch nicht klar. "Allerdings nicht nur für Pflegekräfte, sondern für alle Mitarbeiter, die sich in dieser Zeit über das normale Maß hinaus engagieren", sagte sie.

Die Gewerkschaft Verdi in Bremen findet die Idee einer Prämie gut, jedoch nicht nur für Pfleger und nicht nur in der Corona-Krise.

In den Krankenhäusern arbeitet Personal am Empfang, in der Küche, als Reinigungskraft. Man hat mit der Corona-Krise gesehen, dass sie systemrelevant sind. Die Bedingungen müssen im systemrelevanten Bereich verbessert werden.

Kerstin Bringmann, Gewerkschaftssekretärin für Gesundheit und Soziales (Verdi)

Kritisch äußert sich der DBfK: Sonderprämien seien eine Anerkennung in dieser Ausnahmesituation, doch sie genügten keinesfalls.

Ausreichend finden wir das auf keinen Fall, es kann allenfalls eine kleine Anerkennung in diesen Ausnahmezeiten sein.

Katharina von Croy, Sprecherin des DBfK Nordwest

Besondere Lage in der Corona-Krise

Problematisch sei auch das Thema Ausrüstung, sagt Dependahl – nicht nur in der Corona-Krise, sondern auch für die Zeit danach. "Irgendwann kommt auch eine Zeit nach Corona und dann ist das Problem: Wie komme ich an mein Material ran? Es hapert an vielen Ecken und Enden", sagt er. Ähnliche Sorgen hat der DBfK.

Es ist illusorisch zu glauben, dass diese Krise bald vorübergeht. Wir alle und insbesondere unser Gesundheitssystem werden damit noch viele Monate leben müssen. Insofern muss die Ausstattung – sprich die notwendige Schutzausrüstung – auch langfristig verfügbar sein.

Katharina von Croy, Sprecherin des DBfK Nordwest

Meine Mitarbeiter müssen sich komplett umorientieren. Von jetzt auf gleich neue Techniken lernen. Wir müssen uns für die Beatmung umschulen, müssen fit werden in der Notaufnahme, um in Notfall überall eingesetzt werden zu können.

Dennis Dependahl, OP-Pfleger und Pflegeleiter

Die Gewerkschaft berichtet ebenfalls von Sorgen in der Belegschaft der Kliniken, dass sie nach dem Corona-Notstand längere Schichten leisten müssten, um die Behandlungen und Operationen nachzuholen, die verschoben worden seien.

Nicht jede helfende Hand hilft wirklich

Den Vorschlag vom Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), auch Medizinstudenten im Notfall einzusetzen, bewerten die Krankenpfleger kritisch. "Es besteht die Gefahr, dass man die Lage noch verschlimmert, wenn die Richtlinien nicht eingehalten werden, die vorgeschrieben sind. Wenn jemand kommt, der gar keine Erfahrung damit hat", sagt Dependahl.

Ähnlich sieht es die Bremer Krankenpflegerin. "Es wichtig, dass sie schon Kontakt zu Patienten hatten und das nötige Hintergrundwissen haben, vor allem bei den Hygiene-Maßnahmen." Positiver bewertet es hingegen Bringmann Verdi. "Es ist grundsätzlich gut, wenn weitere Hilfe kommt. Es ist großartig, dass sich mehrere Medizinstudenten bereit erklärt haben. Die Bedingungen müssen jedoch erträglich sein."

Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. April 2020, 23:30 Uhr