Interview

Bremer Pflegeaussteigerin erzählt: "Ich würde zurückkommen, wenn ..."

Rena Tecklenburg war Krankenpflegerin. Sie stieg aus, obwohl ihr der Job Spaß machte. Die Bremerin würde zurückkommen, wegen Corona einspringen – langfristig nur unter Bedingungen.

Eine Frau trägt eine FFP2-Maske, eine Schutzbrille und einen Schutzanzug.
Laut einer Studie würden Pflegeaussteiger zurück in den Beruf gehen – unter Bedingungen. (Symbolbild) Bild: DPA | ANP

Fast 60 Prozent der Pflegeaussteigerinnen und -aussteiger würden laut einer noch unveröffentlichten Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen und des Forschungszentrums Socium wieder in die Pflege zurückkehren. Allerdings nur, wenn sich etwas ändert. Rund 50 Bedingungen hat die Studie laut Studienleiterin Jennie Auffenberg ermittelt. Fünf der meistgenannten sind Wertschätzung, mehr Zeit für die Arbeit, Tarifbindung, Verlässliche Arbeitszeiten, ein höheres Gehalt.

Rena Tecklenburg ist eine der Studienteilnehmerinnen, eine ehemalige Fachkraft in der Krankenpflege. Im Gespräch mit buten un binnen sagt sie, was passieren muss, damit sie zurückkehrt in ihren alten Beruf.

Frau Tecklenburg, Sie sind vor Jahren aus der Krankenpflege ausgestiegen. Heute sind Sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen. Würden Sie wirklich wieder zurückgehen?
Darauf gibt es zwei Antworten. Jetzt, in der Coronazeit, wo es diese akute Not gibt, da kann ich diese Verantwortung total gut übernehmen und sagen: "Natürlich, ich würde einspringen." Das wäre zeitlich begrenzt. Grundsätzlich in die Pflege zurückgehen, das kann ich nur – und das ist mir besonders aufgefallen nach der Studie der Arbeitnehmerkammer – wenn die Bedingungen umgesetzt werden, die in der Studie vorgeschlagen werden. Dann könnte ich teilweise in die Pflege zurückgehen, nicht Vollzeit im Schichtdienst, auf keinen Fall. Aber das ist eine schöne Arbeit. Als Teilzeitberuf neben meiner anderen Arbeit – ja, das kann ich mir schon vorstellen.
Obwohl Sie inzwischen einen anderen anerkannten Beruf als Wissenschaftlerin haben?
Ja, das ist mein persönlicher Anspruch an Arbeit. Ich werte Arbeit nicht unterschiedlich, nicht eine Arbeit mehr als die andere. Sondern das ist ein ganz hedonistisches Argument, indem ich sage: Hier sitze ich den ganzen Tag am Schreibtisch, mache Denkarbeit und schreibe – und eine Arbeit, in der ich mit Menschen arbeite, die beansprucht mich auf andere Weise. Ich habe auch jetzt noch einen anderen Nebenjob und verkaufe Bioprodukte in einem Hofladen.
Warum sind Sie aus dem Beruf als Fachpflegekraft ausgestiegen?
Es gibt so eine Diskrepanz zwischen der Verantwortung, die man hat in der Pflege, den Anforderungen, denen man ausgesetzt ist auf der einen Seite und der Anerkennung dafür auf der anderen. Das ist ein Grund, weshalb ich ausgestiegen bin. Dann der Schichtdienst: Körperlich und auf sozialer Ebene eine der größten Herausforderungen. Das ist ein Faktor, der für viele Schäden, auch Langzeitschäden bei Pflegekräften mitverantwortlich ist. Dann hat man ein permanentes Stresslevel, man rennt der Arbeit einfach hinterher. Menschen sterben, es gibt Notfälle, man hat psychische Belastungen und keinen Raum, diese zu verarbeiten. Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl, ich bin 24 Stunden in der Pflege, weil der Kopf noch so voll ist davon. Weil das so fordernd ist.
Sie haben auf der Unfall-Chirurgie gearbeitet. Was waren Ihre Coping-Strategien, wie sind Sie klar gekommen?
Was ganz wichtig ist, dass man im Team arbeitet: Also gute Kolleginnen und Kollegen hat, mit denen man sich austauschen kann. Die gut Hand-in-Hand zusammenarbeiten. Das ist wichtig, dass man die hat. Ich hatte immer Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich auch privat getroffen habe. Da spricht man auch über die Arbeit – viel drüber reden hilft. Am Ende war es auch eine Coping-Strategie, den Job zu verlassen (lacht). Ich habe aufgehört, weil ich wissbegierig bin, andere Dinge ausprobieren wollte. Aber auch, weil ich eine Alternative zum Pflegeberuf gesucht habe. Denn das ist Raubbau, und nichts, was durchzuhalten ist, ein ganzes Berufsleben.
Sie haben von einem Ungleichgewicht zwischen Anforderung und Anerkennung gesprochen. Was meinen Sie genau?
Die Anerkennung ist nicht nur das Gehalt. Es gibt das gesellschaftliche Bild von "das kann doch jede*r". Man trägt jedoch sehr viel Verantwortung für die Menschen, die man pflegt, hat innerhalb seines eigenen Arbeitsbereiches aber nur begrenzte Handlungsspielräume. Man hat nur wenig eigene Entscheidungskompetenzen, muss im Zweifel immer rückkoppeln. Ich glaube, das ist schon ein gutes Sicherheitsnetz und ist an manchen Stellen auch richtig. Aber es passt oft nicht zusammen. Die Einschätzung von Pflegekräften auf Station, dass ganzheitliche Pflege unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu leisten ist, wird aber gar nicht wahrgenommen an vielen Stellen.
Es fehlt die oft genannte Wertschätzung?
Es ist definitiv so, dass die Pflegekräfte – das sind ja auch besonders viele – dass die wie das Fußvolk sind. Das ist natürlich Quatsch, examinierte Pflegekräfte haben auch ihr Standing im Krankenhaus. Doch die Ärztinnen und Ärzte sind die Götter in Weiß, das trägt sich ins Krankenhaus weiter. Das ist natürlich nicht bei allen so – es gibt auch tolle Zusammenarbeit in vielen Bereichen. Aber ich glaube, dass die Pflege als niedere Care-Arbeit angesehen wird. Die medizinische und therapeutische Arbeit hat ein höheres Ansehen.

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Wer muss dafür kämpfen, dass sich etwas verändert? Die Gesellschaft, die Pflegekräfte ...
... das sind natürlich auch die Pflegekräfte selbst. Aber was alle Care-Berufe gemeinsam haben, ist, dass sie unheimlich fordernd sind. Die Pflegekräfte alleine dafür verantwortlich machen, das auf sie abwälzen? Das funktioniert nicht. Das lässt der Beruf nicht zu, dass man noch mehr Kraft in den Arbeitskampf steckt. Ich glaube es braucht mehr Interessenvertretung, eine größere Lobby. Die Corona-Zeit hat unbedingte Systemrelevanz und schlechte Arbeitsbedingungen der Pflege sichtbar gemacht. Die Probleme sind bekannt - darauf muss politisch reagiert werden. Es muss mehr Geld in die Pflege fließen – Gesundheit wird kaputtgespart.

Bedingungen für eine Rückkehr in den Pflegeberuf

Pflegeaussteiger TARIF-VERTRAG Mehr Zeit für Patienten Mehr Geld Mehr Zeit für Familie Tarifbindung Mehr Wertschätzung durch Vorgesetzte
Wie kann das aussehen? Es gibt ja schon Gewerkschaften, Berufsverbände.
Ich bin keine Expertin für Organizing… Aber es ist vor allem auch die Gesellschaft, in der sich ein Wandel vollziehen muss, um Care-Arbeit – beruflich und privat – einen anderen Stellenwert zu geben. Der größte Teil an Sorge- und Pflegearbeit wird privat, unbezahlt und von Frauen geleistet und wird gesellschaftlich kaum gesehen und noch weniger anerkannt. Das spiegelt sich in der Anerkennung der Pflegeberufe wider – Sorge-Arbeit wird als Selbstverständlichkeit und "niedere Arbeit" gesehen.

Es geht nicht nur ums Gehalt, sondern auch um die Arbeitsbedingungen, die sich ändern müssen, damit die Krankenpflege ein wirklich attraktiver Beruf wird. Damit Menschen den Beruf nicht nur ergreifen, weil sie gerne helfen oder sich gerne kümmern, sondern weil er auch was bietet.

Rena Tecklenburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Bremen
Können Sie jetzt den Satz für uns vervollständigen: Ich würde zurückkehren in die Pflege, wenn ...
... die für mich utopisch klingenden Möglichkeiten, die die Studie beschreibt, eintreten. Wichtigste Bedingungen wären: Flachere Hierarchien, bessere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen, mehr Handlungsspielraum und Anerkennung, die sich auch im Gehalt niederschlägt.

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Der jüngste Tarifabschluss war ja überraschend für viele Pflegekräfte. Eine ausgebildete Fachkraft kann je nach Zulagen bis zu 8,7 Prozent mehr verdienen in zwei Jahren. Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen, dass sich die Bedingungen für die Krankenpflege nachhaltig verbessern?
Ich glaube, es ist total wichtig und total gut für alle Pflegekräfte, die jetzt arbeiten, dass tatsächlich endlich mal was passiert – das Thema Gehalt gibt es ja schon sehr lange. Ich glaube trotzdem, so lange Pflege, wie viele andere Care-Berufe in der Gesellschaft, einen anderen Stellenwert hat, solange wird es noch ein Kampf bleiben. Es ist ja, wie ich sagte, nicht nur das Gehalt, sondern die gesamten Arbeitsbedingungen. Als ich noch als Pflegekraft gearbeitet habe, war das Gehalt ja noch niedriger. Aber mir war ein freier Ausgleichstag mehr Wert als mir einen Arbeitstag auszahlen zu lassen. Was nützt mir das Geld, wenn ich in meiner Freizeit nicht mehr in der Lage bin, was damit zu machen. Das klingt jetzt etwas dystopisch, aber es muss sich mehr verändern.
Wann glauben Sie, sind die Bedingungen erfüllt, dass Sie Ihre erste Schicht in einem Krankenhaus machen?
Es kommt darauf an, wie schnell die Regierung die Not sieht und das akut und prioritär auf die Agenda setzt, auf die erschwerten Bedingungen in der Pflege reagiert und einspringt – ebenso, wie das von Pflegekräften erwartet wird. Im Moment ist es für mich realistischer aufgrund der aktuellen Corona Situation einzuspringen als tatsächlich wieder nebenberuflich regelmäßig im Krankenhaus zu arbeiten.

Neue Studie: Ex-Pflegekräfte wollen zurück – unter Bedingungen

Video vom 15. November 2020
Eine Hand in blauen Handschuhe an einem medizinischen Gerät.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November 2020, 19:30 Uhr