Aus Mangel an Pflegekräften: Bremer Kliniken droht Operationsstau

Verschobene Operationen, überarbeitete Schwestern: Wieso die neuen Pflegepersonalvorgaben bislang eher Frust als Freude in Bremens Krankenhäusern hervorrufen.

Eine Krankenschwester kümmert sich um einen Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses.
Auf Intensivstationen gelten besonders hohe Personalvorgaben. Doch gerade der Mangel an examiniertem Intensivpflegepersonal ist eklatant. Bild: DPA | Helmut Fohringer/APA/picturedesk.com

Es sollen sich mehr Pflegekräfte um die Patienten kümmern als zuvor. Das zumindest ist die zentrale Idee hinter Jens Spahns Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG), das seit Beginn des Jahres greift. Doch anders, als vom Bundesgesundheitsministerium geplant, hat sich die Situation für die Patienten durch das neue Gesetz bislang eher verschlechtert als verbessert, wie viele Kliniken jetzt feststellen.

Zwar müssen nicht die Krankenhäuser, sondern die Krankenkassen für das zusätzliche Pflegepersonal in den Hospitälern zahlen. Doch ist der Arbeitsmarkt wie leergefegt. "Gerade an examiniertem Pflegepersonal herrscht ein eklatanter Mangel", berichtet Rolf Schlüter, ein Sprecher des kommunalen Bremer Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno).

Das Personal in der Intensivpflege schiebt Berge aus Überstunden vor sich her.

Rolf Schlüter, ein Sprecher der Gesundheit Nord

Die Folgen sind weitreichend. So hat die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft kürzlich in einer Umfrage ermittelt, dass 34 Prozent der Krankenhäuser Niedersachsens infolge der neuen Personalvorgaben bereits Betten auf ihren Intensivstationen sperren mussten. Denn in der Intensivpflege sind die Personalvorgaben besonders hoch.

Zwar gibt es für Bremen bislang keine vergleichbare Umfrage. Rolf Schlüter aber weiß: "Das Personal in der Intensivpflege schiebt Berge aus Überstunden vor sich her." Auch die Patienten bekämen die Probleme mit den neuen Personaluntergrenzen mitunter unmittelbar zu spüren: "Eingriffe, bei denen es sich nicht um Notfall-Operationen handelt, müssen jetzt oft verschoben werden."

Davon könne nahezu jede Operation betroffen sein, für die eine Vollnarkose vorgesehen sei und die daher unweigerlich einen kurzzeitigen Aufenthalt auf einer Intensivstation nach sich ziehe: von der Knochenbruch- bis zur Bypass-Operation. Die Personalvorgaben ließen den Kliniken keine Wahl, ganz gleich, wie unzufrieden die Patienten mit der Situation seien und wie teuer es die Kliniken auch wirtschaftlich zu stehen komme, Operationen vertagen zu müssen, so Schlüter.

So weit wie in Bremen und in Niedersachsen sei es im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide zwar bislang nicht gekommen, versichert Sprecher Sebastian Dost. Er fügt jedoch hinzu: "Wie jedes Krankenhaus in Deutschland haben auch wir ein paar wenige Stellen in den Berufsgruppen Arzt und Pflege offen." Die Situation sei allerdings bislang "nicht kritisch".

Bremer Krankenhausgesellschaft kritisiert bürokratischen Aufwand

Unabhängig von der Frage, wie Kliniken momentan mit dem neuen Pflegepersonal-Stärkungsgesetz zurecht kommen, hält Uwe Zimmer wenig von der Novelle aus dem Bundesgesundheitsministerium. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft der Freien Hansestadt Bremen spricht vom "falschen Weg", den der Bund eingeschlagen habe, um für eine bessere Versorgung der Patienten zu sorgen.

"Es wäre besser, wenn sich die Krankenhäuser am Bedarf des Patienten statt an der Zahl der Patienten orientieren dürften", so Zimmer. Im Übrigen gingen die derzeitigen Personalvorgaben mit einem gewaltigen bürokratischen Aufwand für die Krankenhäuser einher.

Auch deswegen setze sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und mit ihr der Bremer Landesverband für eine Pflegepersonalbemessung ein, die sich an durchschnittlichen Belastungen des gesamten Hauses orientiere, statt Personalausstattungen pro Station, Schicht und Stunde vorzuschreiben. Zudem, so Zimmer, gelte es, Pflegeberufe wieder attraktiver zu gestalten und die Ausbildung neuer Pflegekräfte voranzutreiben.

Damit liegt Zimmer auf einer Linie mit Bremens Gesundheitssenatorin. Ende Juni habe Eva Quante-Brandt (SPD) eine entsprechende Initiative in den Bundesrat eingebracht, in der die Bundesregierung zur Weiterentwicklung des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes aufgefordert werde, teilt Christina Selzer, Sprecherin des Gesundheitsressorts mit. Es gehe darum, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern. Außerdem erweitere Bremen die Ausbildungskapazitäten in der Pflege, so Selzer.

Im rot-grün-roten Koalitionsvertrag heißt es dazu gar: "Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wollen wir die Ausbildungskapazitäten für Pflegefachkräfte verdoppeln."

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Juli 2019, 23:30