Kommentar

Stillstand ist keine Mobilität

In einer Mobilitätsstudie des ADAC ist Bremen auf Platz vier gelandet, hinter Hannover, Dresden und Leipzig. Um die Befindlichkeiten der Autofahrer kann es dabei nicht gehen, findet unser Autor Marcus Behrens.

Viele Autos stehen in einer langen Schlange auf einer Straße in Bremen.

Schnell offenbart sich beim Lesen der Ergebnisse dann auch, dass vor allem die Zufriedenheit der unterschiedlich mobilen Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt stand – und die Zufriedenheit ist vor allem eine individuelle Gefühlssache. Die am Verkehr teilnehmenden Menschen in Bremen sind also zufrieden?! Nicht ganz so zufrieden wie in Dresden, Leipzig und Hannover – aber viel zufriedener als in allen anderen Großstädten Deutschlands?

Ich laufe in Bremen, ich fahre hier mit Stadt- und Regionalbus – mit Straßen-, Regional- und Fernbahn – und auch mit dem Auto bin ich unterwegs. Und zufrieden bin ich eigentlich nur, wenn ich zur Frühschicht fahre, und zwischen vier und fünf Uhr morgens durch die Straßen gleite, dann bin ich nämlich fast alleine dort, die Ampeln sind nicht gegen mich geschaltet, niemand nimmt mir die Vorfahrt, steht im Weg oder springt unvermittelt auf die Fahrbahn. Aber vermutlich wäre ich zu dieser Zeit auch in allen anderen Städten des Landes zufrieden unterwegs…

Dass an der Studie irgendwas nicht stimmen kann, mache ich auch an der Tatsache fest, dass ich früh morgens etwa zwanzig Minuten für den Weg vom Stadtrand ins Zentrum brauche, nach Schichtende am Mittag in der Regel aber eine Stunde – für den gleichen Weg und ohne die Verkehrsregeln zu biegen oder zu brechen. Das Straßennetz in Bremen ist zu klein und nicht für den Verkehr im Jahre 2017 ausgelegt. Im Gegenteil: Es wurde bewusst vor einigen Jahrzehnten immer weiter zurückgebaut. Das trifft auch Busse und Straßenbahnen – denn nicht überall haben sie eigene Spuren, und selbst auf denen stehen nicht selten Autos im Weg. Außerdem sind Busse und Bahnen in Bremen eigentlich immer hoffnungslos überfüllt. Auch hier zeichnet sich keine Besserung ab, und die Laune wird auch nicht besser.

Fahrrad ist keine Universallösung

Ich kann die Leserinnen und Leser schon jetzt beim Schreiben spüren, die mir jetzt das Wort "Fahrrad" zuwerfen – zuschreien – wollen, mit Kopfschütteln und allem, was dazu gehört. Nein. Das Fahrrad ist in Bremen keine Option für mich. Ich wohne nicht in der Neustadt und arbeite in der Altstadt oder andersherum. Ich brauche nicht nur fünf oder zehn Minuten mit dem Rad zur Arbeit, und ich bin nicht bereit, mich in einer vom Regen geliebten Stadt, die Bremen nun mal ist, ständig wasserfest an- und wieder auszuziehen oder nass und krank zu werden. Das ist meine Entscheidung, und es ist aus meiner Sicht nicht der Preis, den man zahlen muss. Das ist mein Gefühl, meine (Un)zufriedenheit – und somit genau das, was der ADAC abgefragt haben will, oder?

Köln habe ich übrigens in bester Erinnerung, was jegliche Mobilität angeht – und diese Stadt landet in der ADAC-Umfrage auf dem letzten Platz.

  • Marcus Behrens

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 29. November 2017, 14 Uhr