Kolumne

"Impfunwillige verletzen die Grundrechte von Kindern und Eltern"

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Kinder leiden in der Pandemie besonders: diese mahnenden Worte hört man häufig. Doch nichts folgt daraus, meint Jochen Grabler. Bild: Radio Bremen

Von einer Impfquote, die auch Kinder schützen würde, sind wir weit entfernt. Wann fordert ein Politiker die Impfpflicht für Erwachsene, fragt sich unser Redakteur Jochen Grabler.

Liebe Kinder, liebe Eltern, ist Euch das auch aufgefallen? Dass in allen möglichen Talkshows und im Wahlkampf und so plötzlich über Kinder geredet wird? Sollten die plötzlich wichtig werden?

Ich sag's mal lieber gleich: Vergesst es. Ist nur das übliche folgenlose Gerede. Kennt man schon, dass gerne mal mit bebender Unterlippe über "Kinder – das wichtigste überhaupt" dahergeschwätzt wird – um dann aber zackoflex zu den allerallerwichtigsten Fragen zu kommen. Zum Beispiel dem Gendersternchen. Der Kollege Sascha Lobo hat im Spiegel gerade vorgerechnet, dass die Armutsquote bei Kindern während der Kanzlerschaft Merkel von 19,5 auf 21,3 Prozent gestiegen ist. Hat kaum jemanden ernsthaft gejuckt. Und so wird es auch bleiben.

Massenhafte Quarantäne für Schülerinnen und Schüler

Warum nun plötzlich die Kinder doch als Thema entdeckt werden, ist schnell erklärt. Nun ja, Corona, man kommt halt nicht dran vorbei. Seit die Ferien fast überall um sind, stellt sich – wahnsinnige Überraschung! – heraus, dass erstens in den allermeisten Bundesländern immer noch Luftfilter in den Klassenräumen fehlen. Und dass sich zweitens das Virus in den Schulen gerade rasend verbreitet. Das wiederum sorgt, drittens, dafür, dass Schülerinnen und Schüler massenhaft in Quarantäne geschickt werden müssen. Alleine in Nordrhein-Westfalen aktuell um die 30.000. Man ahnt dunkel das tiefe Tal des Wahnsinns, in das Familien wieder mal geschickt werden.

Also hebt an ein großes moralines Lamento (Achtung! Bebende Unterlippe!). Dass es doch nicht sein kann, dass Kinder und Familien wieder die Hauptleidtragenden der Pandemie sind. Und dass doch verhindert werden müsste, dass so viele Kinder wieder aus ihren Sozialkontakten und aus dem Unterricht gerissen würden. Un-be-dingt verhindern! Findet auch der Virologe Kekulé bei Lanz, und verweist auf die Prognose, dass im Oktober die Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen mutmaßlich bei 500 liegen wird.

Ehe jetzt die ganz Oberschlauen um die Ecke kommen und sagen, dass Kinder ja quasi nie schwer erkranken: Ja, das stimmt, aber erstens ist die Frage der Langzeitfolgen (Long Covid) bei Kindern nicht wirklich beantwortet, zweitens gibt es ernstzunehmende Hinweise auf Folgeerkrankungen, und drittens ist es wohl weder den Verantwortlichen in den Behörden noch gar den Eltern selbst zuzumuten, die Kinder in einen explodierenden Seuchenherd zu schicken. "Hallo, schon zehn nach sieben! Aufstehen! Um acht musst Du zur Durchseuchung!"

Viel Drama, wenig Handlung

Dieses Dilemma wird nun wortreich beklagt. "Durchseuchung durch die Hintertür" geht ja gar nicht – Öha! – das ist dann der Moment, an dem ich mich als Wähler kerzengerade hinsetze, weil doch ganz bestimmt jetzt gleich irgendwer um die Ecke kommt und sagt, was zu tun ist. Kommt nur leider keiner. Der klassische Fall eines Wahlkampfthemas, das so lange unkonkret von allen Seiten belabert und bedampft wird, bis unsereins komplett benebelt wieder aufs Sofa sinkt.

Warum? Weil jedes Land die Pandemie hat, die es verdient. Weil Kinder und Familien einem großen Teil der Bevölkerung schlichtweg piepegal sind. Weil niemand mehr Lust auf die sogenannten "Corona-Maßnahmen" hat, und weil diese Grundstimmung längst bei den politisch Verantwortlichen angekommen ist und deren Handeln bestimmt. Zumal in Wahlkampfzeiten. Die härtesten Versprechen lauten doch "Nie wieder Lockdown!" und "Niemals Impfpflicht". Vom Versprechen "Wir schützen jetzt die Kinder, die haben genug gelitten!" ist eher wenig zu hören.

Mit dem Abschied vom Inzidenzwert als Richtgröße für politisches Handeln wurde schonmal ein Meilenstein für diese Egalpolitik gegenüber Kindern erreicht. Die Inzidenz in Schulen kann 500, 1.000 oder 2.000 sein, es können zehn, zwanzig, fünfzig Prozent der Kinder in Quarantäne schmoren – wurschtegal! Wir gucken nur noch auf die Intensivstationen.

Was ist zu tun?

Das politische Personal hat sich in Versprechen gequatscht, deren Folgen jetzt ungebremst auf Kinder und Familien knallen. Sie haben ihr Wort den Impfunwilligen und Lockdownmüden gegeben, die Kinder haben halt Pech gehabt. Was passieren müsste, wenn man den Schutz von Kindern und Familien endlich ernst nehmen würde, ist längst ausgeschlossen.

Der Reihe nach:

  • Niemand kann vor der Infektion geschützt werden, auch Kinder nicht. Irgendwann wird sich jeder anstecken. Also kann es nur darum gehen, die Folgen der Infektion so weit es irgend möglich ist abzumildern. Das geht nur mit einer Impfung.
  • All diejenigen, die sich impfen lassen könnten, das aber nicht tun, müssen mit einer schweren Erkrankung rechnen. Im schlimmsten Fall mit dem Tod. Ihre Entscheidung, erstmal.
  • Besonders zu schützen sind doch aber bis zum wirklich flächendeckenden Impfangebot diejenigen, für die es dieses Angebot noch nicht gibt. Die größte Gruppe: Kinder bis 12 Jahre. Für die gibt es nach Lage der Dinge erst Ende diesen, Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff.
  • Darum muss es jetzt darum gehen, die Ausbreitung des Virus gerade bei den Kindern so gering wie möglich zu halten. Das Infektionsgeschehen müsste also abgebremst und zeitlich gezogen werden.
  • Die aktuelle Strategie sind: Luftfilter in Klassenräumen (wenn es sie denn gibt), Testungen und Quarantäne. Diese Strategie aber schützt nur halb vor Infektion, weil Kinder die Infektionen ja vor allem von außen in die Schulen eintragen. Also von Erwachsenen.
  • Wer also die Kinder schützen will, muss das Infektionsgeschehen bei den Erwachsenen bremsen.
  • Wie aber bremst man das Infektionsgeschehen bei Erwachsenen ab? Wissen wir schon: Mit wirksamen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung – was in Deutschland ja gerne mal im üblichen hysterischen Ton mit "Lockdown" verwechselt wird. Oder eben mit Impfungen.

Die Erwachsenen entscheiden in der Impffrage nicht nur für sich, sondern auch für die Schwachen. Gerade mal für die Kinder.

So, und jetzt erinnern wir uns alle an die Versprechungen: "Nie wieder Lockdown" und "Niemals Impfpflicht". Was gerne garniert wird mit "Wir müssen mehr für die Impfung werben…" – funktioniert ja schon seit Monaten Bombe. Der Impfstoff ist reichlich vorhanden, wer will, kann sich sofort immunisieren lassen. Machen aber viel zu wenige. Von einer Impfquote, die auch Schutz für die Kinder bedeuten würde, sind wir meilenweit entfernt.

Nicht nur Impfunwillige haben Grundrechte, auch Kinder

Weil das noch nicht irre genug ist, gibt es auch noch vielstimmige Schützenhilfe für diese Null Bock-Haltung: Beim üblichen Gerede wird gerne darüber philosophiert, dass eine Impfpflicht die Grundrechte der Impfunwilligen einschränkt. Da halten die Herrschaften in den Talkshows dann den Kopf schief und finden sowas ganz böse! Dass aber die Impfunwilligkeit die Grundrechte von Kindern und Eltern verletzt, das scheint dann doch wieder ganz ok zu sein.

Ich jedenfalls sehe gerade weit und breit niemanden mit genug Arsch in der Hose, der entweder sagt, dass die nächsten drastischen Maßnahmen vor der Tür stehen, oder eine Impfpflicht fordert.

Es gibt ein neues Wahlkampfthema? Ein relevantes? Ja, das schon. Es wird nur nichts nützen. Wir werden noch ein paar bebende Unterlippen sehen, wie schlimmschlimm es die Kinder trifft. Vielleicht auch mal den einen oder anderen Beitrag zu "Eltern am Limit". Dann lesen wir über Langzeitfolgen bei der jungen Generation. Und dann kommen aber wieder die wirklich wichtigen Themen dran. Kinder? Egal! Lass uns übers Gendern reden.

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Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor