Kommentar

Das Angebot muss stimmen: Lockt die Gutverdiener nach Bremerhaven!

Dass Bremerhavens Ruf nicht besonders gut ist, darüber sind sich die Meinungsmelder weitgehend einig. Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen, meint Elke Berthin. Sie ist Radio-Bremen-Studioleiterin in Bremerhaven und seit vielen Jahren Bürgerin der Stadt.

Blick vom Bremerhavener Richtfunkturm in Richtung Havenwelten
Blick auf Bremerhavens Havenwelten: Hier bündelt sich der touristische Erfolg der Stadt.

Image entsteht aus einem Gefühl und ist daher gnadenlos subjektiv. Dass Bremerhaven an der Küste liegt, verbinden die einen mit maritimem Flair und frischer Luft. Die anderen denken an schlechte Verkehrsanbindungen. Die einen freuen sich über den entspannten Wohnungsmarkt und schätzen die billigen Mieten, die anderen hätten gerne mehr Komfort und rügen die verfallende Bausubstanz. Über die Hälfte der befragten Nicht-Bremerhavener findet, die Stadt sei kein empfehlenswerter Wohnort. Tja, man kann es halt nicht allen recht machen. Achsel zucken, Thema durch.

Aber so einfach ist es nicht: Image mag schwer fassbar sein, hat aber handfeste Konsequenzen – und Bremerhaven spürt sie mit jedem Jahr deutlicher. Hochqualifizierte Fachkräfte sagen schon vor dem Vorstellungsgespräch ab. Junge Familien ziehen gleich ins Umland und kommen gar nicht erst nach Bremerhaven. Die Suche nach Lehrern und Ärztinnen nimmt beinahe verzweifelte Züge an.

Kein Platz mehr für die bürgerliche Mitte?

Natürlich ziehen auch Menschen in die Stadt, darunter jene, die sich mit dem Image gar nicht erst auseinander setzen müssen, weil sie Bremerhaven kennen und zurückkommen in ihre Heimatstadt. Aber auch Migranten finden Bremerhaven attraktiv und schätzen die Möglichkeiten, die die Schulen ihren Kindern bieten. Ärmere Bevölkerungsgruppen finden in der Stadt Angebote, die zu ihren finanziellen Möglichkeiten passen und erleben weniger Ausgrenzung.

Wer aber eher nicht kommt, sind die allseits umworbenen Gutverdiener mit hoher Kaufkraft, die an ihrem Wohnort dann auch ordentlich Steuern zahlen. Und auch die bürgerliche Mitte scheint in Bremerhaven nicht mehr das zu finden, was sie braucht. Image ist milieuabhängig. Jede Gruppe, jedes Milieu hat eine eigene Lebenswelt und setzt andere Prioritäten. Bremerhaven muss Angebote machen – Angebote, die passen.

Townhouse-Baugebiete ausweisen reicht nicht

Es reicht eben nicht, hinter der Arbeitsagentur schnell ein Baugebiet für teure Townhouses auszuweisen und sich dann zu wundern, warum keiner kauft. Diejenigen, die sich für schicke Stadthäuser interessieren, legen in der Regel auch Wert auf ein repräsentatives Umfeld und wollen dann noch auf hohem Niveau shoppen. Das kann Bremerhaven so nicht bieten. Womöglich ist das Milieu dieser hochfliegenden Performer nicht die richtige Zielgruppe.

Bremerhaven will nun mehr Bauland für Einfamilienhäuser bereitstellen, doch die jungen Familien, die die Stadt dabei im Blick hat, schauen nicht nur auf den Kaufpreis für Grundstücke. Sie wollen auch Kitas und Schulen – und zwar solche, die ihren Ansprüchen genügen. Und auch da hat jedes Milieu andere Schwerpunkte. Es würde sich lohnen, genau zu fragen, welche Erwartungen im Spiel sind. Sonst setzt sich die nächste Gruppe ab nach Niedersachsen und verdirbt das Image.

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Autorin

  • Elke Berthin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Februar 2020, 19.30 Uhr