Kolumne

Ein Elefant steht im Raum: "Das Ende aller Corona-Maßnahmen"

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
"An den Erfolg der x-tausendsten Impfkampagne soll glauben, wer will", sagt Radio-Bremen-Redakteur Jochen Grabler. Bild: Radio Bremen

Darf man sich als mündiger Bürger frei für Lebensgefahr entscheiden? Und müssen alle leiden, weil sich wenige verweigern? Das fragt Radio-Bremen-Redakteur Jochen Grabler.

Kennen Sie das Bild vom "Elefant im Raum", den niemand sehen möchte? Gemeint ist: Man diskutiert sich die Köpfe heiß, aber niemand traut sich, das eigentliche Problem anzusprechen. Das passiert, wenn keine einfachen oder moralisch vertretbaren Lösungen auf der Hand liegen. Ehe man sich wahnsinnig unbequemen Fragen stellt, auf die man keine Antwort hat, redet man lieber drumherum, stellt vielleicht noch ein paar unrealistische Forderungen auf – und ist irgendwie raus. Blöd nur, dass der Elefant dann nicht weggelabert ist. Im Gegenteil. Wir alle wissen: Er holt einen ein. Garantiert.

So etwas passiert gerade in dieser neuen Phase der Pandemie. Und mir ist es auch passiert. Ich hab' am vergangenen Freitag eine Impfpflicht gefordert – wusste aber da schon haargenau, dass diese Forderung in den Wind gepupst ist. Weil es nirgendwo im politischen Raum auch nur den Hauch eines Impulses für eine Debatte zur Impfpflicht gibt. Was für ein Quatsch! Was für eine Zeit- und Energieverschwendung!

Also lassen Sie uns doch lieber über den Elefanten reden. Der Elefant heißt: Soll man sich als mündiger Bürger nicht auch frei für Lebensgefahr entscheiden dürfen? Und müssen alle leiden, weil sich wenige verweigern?

Die Lage hat sich im Vergleich zum Frühjahr radikal geändert

Es ist doch so: Die Zahl der Infektionen steigt wieder, die Impfquote ist aber immer noch niedrig, also wird jetzt wieder appelliert, aufgerufen und gebettelt, dass sich doch bitte mehr Leute impfen lassen, überall wird "nie wieder Lockdown" versprochen (den es in Deutschland eh nie gab), aber selbstverständlich wird es die bekannten "Kontaktbeschränkungen" und "Maßnahmen" geben. Warum? Weil die Intensivstationen überlastet werden, wenn sich eine Infektionswelle aufbaut, die zu viele Infizierte mit schweren Symptomen in die Krankenhäuser spült.

Alles wie gehabt – nur, dass sich im Vergleich zum Frühjahr und erst recht zum vergangenen Jahr die Lage radikal geändert hat: Die schutzlosen Schwachen gibt es nicht mehr (bis auf die Kinder bis 12 Jahren, da komme ich später drauf). Wir schwimmen in Impfstoffen, es braucht nicht einmal einen Termin, jeder Feld-, Wald- und Wiesenarzt um die Ecke kann impfen, es kostet nichts. Noch niedrigschwelliger kann man sich den Zugang zum Impfstoff kaum vorstellen. Gleichzeitig sehen wir in den Intensivstationen: Das Risiko einer schweren Erkrankung liegt zu rund 90 Prozent bei den Ungeimpften.

Gibt es wirklich noch Informationsdefizite?

Wir kommen dem Elefanten im Raum langsam näher: Gibt es nach anderthalb Jahren einer weltweiten Pandemie und x-tausend Medienberichten, Informationskampagnen, Alltagserfahrungen wirklich noch Informationsdefizite? Muss man mündigen erwachsenen Bürgerinnen und Bürgern wirklich nochmal und nochmal und nochmal erklären, dass die Impfung nicht unfruchtbar macht und die Krankheit wirklich schlimm ist? An den Erfolg der x-tausendsten Kampagne soll glauben, wer will. Ich glaube das nicht.

Ich stelle dagegen fest: Die Menschen, die sich gegen das Impfen entschieden haben, wissen haargenau, was sie tun. Es handelt sich um mündige Bürger, die sich trotz aller Erfahrungen mit der Pandemie, trotz aller Appelle, trotz all der schmerzhaften vergangenen Monate genau so entschieden haben. In Freiheit und Selbstbestimmung. Sie wissen haargenau, dass sie einen schweren Krankheitsverlauf riskieren, vielleicht sogar das eigene Leben. Und entscheiden sich trotzdem so.

Querdenker auf der Intensivstation

Die Kollegen von Spiegel TV waren in einer Covid-Station in Darmstadt. Man sieht den Wirtschaftsprofessor Werner Müller, der auf Querdenker-Demos gesprochen hat und nun mit Sauerstoffmangel im Krankenhausbett liegt. Er habe gewusst, dass das passieren kann, sagt er. Und dann wird er gefragt, was er den immer noch demonstrierenden Querdenkern sagen möchte. Die Antwort: "Macht weiter!"

Auf meine Kolumne zur Impfpflicht schreibt mir Herr R. aus Bremen. Er gehört zu denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich frage zurück, ob er im Zweifel auch auf eine intensivmedizinische Hilfe verzichten würde. Seine Antwort: "Selbstverständlich muss ich gegebenenfalls auf eine intensivmedizinische Behandlung nach einer Infektion mit Covid-19 verzichten, wenn ich von meinem Recht auf freie Entscheidung Gebrauch mache und mich nicht impfen lasse!"

Man kann den akademischen Darmstädter Querdenker und Herrn R. aus Bremen für irre und verantwortungslos halten. Man kann sie aber auch respektieren und ernst nehmen.  

Warum sollen sich alle Vorsichtigen das nun eigentlich noch bieten lassen?

Wenn wir die Lage also mit Respekt und dem nötigen Ernst betrachten: Warum muss eine ganze Gesellschaft in Geiselhaft genommen werden, um Menschen in Darmstadt, Bremen oder sonst wo zu retten, die sich gar nicht retten lassen wollen, die sich dafür frei und selbstbestimmt entschieden haben? Warum sollen sich jetzt alle Vorsichtigen, Vernünftigen, die sich anderthalb Jahre schwer am Riemen gerissen und sich über ihre Impfung gefreut haben, das nun eigentlich noch bieten lassen? Warum sollen sie die Einschränkung ihrer Grundrechte abermals hinnehmen? Warum sollen ganze Wirtschaftszweige weiter hinnehmen, dass ihre Existenz bedroht wird? Warum soll die ganze Gesellschaft irre Summen dafür ausgeben? Das ist der Elefant im Raum.

Es tut sich ein moralischer Abgrund auf, wenn man so fragt. Ich weiß. Es werden Menschen schwer erkranken. Es werden Menschen sterben. Ich weiß. Auf die Intensivstationen werden schlimme Zeiten zukommen. Ich weiß das sehr genau. Und gerade das treibt mich tatsächlich sehr um. Genauso wie die Tatsache, dass es ja noch eine große Gruppe von Menschen gibt, die noch nicht geimpft werden können, die sich nicht selbst schützen können. Vor allem die Kinder unter zwölf Jahren.

Alle Maßnahmen beenden

Also schlage ich vor: Wir beenden alle "Maßnahmen". Die allgemeinen Coronaverordnungen sind Geschichte, bis auf sehr genaue und eng getaktete Testungen in Schulen mit klaren Quarantäneregeln. Ansonsten ist der Kleinkrieg um die Pandemie vorbei. Frieden! Dadurch werden gewaltige finanzielle und personelle Mittel frei. Diese Mittel nutzen wir. Und zwar genau für die Bereiche, in denen die Beschäftigten ohnehin am Rande des Nervenzusammenbruchs arbeiten und in dieser neuen Lage am meisten belastet sein werden: Pflege, Gesundheitsdienste, Schulen, Kitas. Da muss jetzt ganz schnell Personal und Geld hin. Da ist die gesellschaftliche Solidarität jetzt gefragt.

Es gibt keine moralisch unbedenkliche Politik in einer Pandemie. So oder so zahlt die Gesellschaft insgesamt einen Preis. Und jede Bürgerin und jeder Bürger zahlt noch ganz persönlich obendrauf, egal welchen Weg durch die Pandemie Deutschland nun einschlägt. Wir können uns aber entscheiden: Zahlen wir lieber den Preis der Freiheit – oder den bekannten Preis der Unfreiheit. Wir haben die Wahl. Ich entscheide mich für die Freiheit.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor