Kommentar

Corona-Notbremse: Erbsenzählen als lebensferne Lockerungs-Hürde

Die Notbremse sieht vor, dass vor Lockerungen der Inzidenzwert fünf Tage unter 100 fallen muss. Niedersachsen darf schon lockern, Bremen muss noch warten. "Formalismus?", fragt Martin Busch in seinem Kommentar für Bremen Zwei.

Audio vom 11. Mai 2021
Eine Hand legt Erbsen zu einem Pfeil, der nach unten zeigt (Symbolbild)
Bild: Imago | Shotshop
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Wissen Sie, wie mein Tag gestern aussah? Morgens war ich für das Homeschooling meines jüngeren Sohnes zuständig. Neunjährige sind noch nicht in der Lage, diszipliniert alles abzuarbeiten, was ihnen auf ihrem Schul-iPad aufgetragen wird. Vor allem, wenn dieses Gerät noch jede Menge anderer Inhalte bereithält. Da bedarf es einer ziemlich engen Begleitung durch einen Erziehungsberechtigten.

Parallel zu dieser Betreuung musste ich den Whatsapp-Chat seiner Fußballmannschaft verfolgen. Die beiden Trainerinnen waren verhindert, so dass es – wie so oft beim Kinder-Sport in Deutschland – auf die Flexibilität der Eltern ankam, damit die zwei Fünfer-Gruppen, die für gestern vorgesehen waren, wenigstens zu je 40 Minuten Bewegung kamen. Fünfer-Gruppen, weil mehr im Moment nicht erlaubt ist. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr unter freiem Himmel, Sie wissen schon. Kurzum: Am Nachmittag fungierte ich auch noch als Fußball-Ersatztrainer.

Einfach keinen Bock mehr

Wir haben mittlerweile eine Inzidenz von 92. Aber selbst in Stadtteilen, die mit am besten dastehen, sprich: deutlich unter diesem Mittelwert sind, taucht die Polizei auf und droht Teenagern, die sich zum Klönen oder Kicken treffen, mit einem Bußgeld von 150 Euro. Das ist der Stand der Pandemie-Dinge im Mai 2021. Weitere Lockerungen nur, wenn der Inzidenzwert fünf Werktage am Stück kleiner ist als 100.

Ein einziger dreistelliger Ausrutscher und die Geschichte beginnt wieder von vorne – wie bei diesem Würfelspiel, das wir seit meiner Kindheit haben: Max und Moritz heißt das. Da kannst Du kurz vor dem Ziel wieder ganz, ganz weit zurückgeworfen werden. Wir haben aber – salopp gesagt – keinen Bock mehr, zurückgeworfen zu werden. Vollkommen egal, ob Eltern oder nicht. Aber Mamis und Papas brauchen die Gewissheit, dass es jetzt Stück für Stück bergauf geht, mit am dringendsten. Und die Kinder ebenso. Es existieren nämlich nicht nur drei G, sondern vier: Geimpfte, Genesene, Getestete und Genervte.

Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben

Über 75 Prozent der Bremerinnen und Bremer über 60 sind mindestens einmal geimpft, also die Gruppe, bei denen ein schwerer Krankheitsverlauf am wahrscheinlichsten ist. In den Betrieben ist ein Corona-Test mittlerweile obligatorisch. Und die Zeit, die draußen verbracht wird, nimmt kontinuierlich zu. Der Bundesgesundheitsminister sagt: "Die dritte Welle scheint gebrochen." Und auch Mr. Corona Christian Drosten strahlt endlich Zuversicht aus.

Er betont allerdings zugleich: Selbst mit einer Herdenimmunität wird die Krankheit nicht komplett verschwunden sein. So tragisch jeder einzige Todesfall im Zusammenhang mit Covid-19 ist und auch das Phänomen Long-Covid, also mögliche Spätfolgen der Infektion und so beklemmend die Schilderungen von den Intensivstationen sind – 14 Monate nach Beginn dieser Ausnahmesituation müssen wir langsam lernen, mit dem Virus zu leben.

Appell an die Politik: Aufhören mit dem Erbsenzählen

Also, Bovenschulte und Co: Verlangt für die nächsten Monate ein entsprechendes Hygienekonzept, tut Geld raus für ausreichend Tests vor Ort, werbt weiter für eine hohe Impfbereitschaft, sorgt, soweit Ihr Einfluss habt, dafür, dass genügend Impfstoff vorhanden ist und lasst die Menschen wieder das tun, was sie normalerweise tun: Einkaufen, ins Theater, Kino, Konzert, die Kneipe oder das Restaurant gehen und – zumal an der frischen Luft – sich verabreden und, wichtig: Sport treiben.

In Niedersachsen können jetzt wieder 30 Jugendliche bis einschließlich 18 Jahren draußen mit getesteten, geimpften oder genesenen Betreuungspersonen Kontaktsport ausüben, auch Mannschaftssportarten. Das ist für meinen älteren Sohn seit Oktober tabu. Seit Oktober! Und nach diesem halben Jahr heftigen Verzichts für große Teile der Bevölkerung, in denen das, was Heinrich Bedford-Strohm "die seelische Inzidenz" nennt, exponentiell gewachsen ist, meint Ihr, immer noch auf Erbsenzähler machen zu müssen?

Lebensferne Prioritäten

Meine Eltern schickten gestern per WhatsApp ein Foto: Sie saßen in der Innenstadt von Stade und genossen ein gezapftes Bier. Stichwort Außengastronomie. Ob der Inzidenzwert nun fünf Werktage hintereinander unter 100 liegt oder nur fünf Irgendwas-Tage – das ist so was von schnuppe. Und wenn er vier Tage in den 90ern ist und durch einen lokal sehr überschaubaren Ausbruch einmalig wieder die Notbremsen-Marke reißt? So what? Diese Pedanterie, nach über einem Jahr mit so vielen Zumutungen, belegt nur ein weiteres Mal, dass Politik und Verwaltung dazu neigen, die falschen Prioritäten zu setzen, lebensferne.

Bremer Senat beschließt nächste Öffnungsschritte

Video vom 11. Mai 2021
Die Strandbar am Lankenauer Höft in Rablinghausen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Martin Busch Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 11. Mai 2021, 7:47 Uhr