Kolumne

Datenschutz oder Eindämmung von Corona: Was ist uns mehr wert?

In Deutschland scheint Datensicherheit wichtiger zu sein als die Bekämpfung der Pandemie. Wir sollten abwägen und von Südkorea lernen, meint unser Redakteur Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Ein Blick auf andere Länder könnte sich lohnen, meint Jochen Grabler. Bild: Radio Bremen

Es sieht nicht gut aus. Gar nicht gut. Anderthalb Wochen Kontaktbeschränkungen sind rum, und das Robert Koch-Institut meldet 21.866 Neuinfektionen. Ziemlich viele. Zu viele, wie wir wissen. Immer noch. Zu viele für die Intensivstationen, für die abgesoffenen Gesundheitsämter. Zu viele, um Kontakte nachzuverfolgen, Cluster zu identifizieren, Infizierte schnell in Quarantäne schicken zu können. Mit anderen Worten: Die politisch Verantwortlichen haben gehandelt, die Maßnahmen sind teuer und schmerzhaft, jeder weiß, was auf dem Spiel steht – aber die Pandemie läuft aus dem Ruder. Immer noch. Das ist die bittere Erkenntnis des Tages.

Nun könnte man einwenden, dass es noch zu früh ist für eine Bilanz. Dass es nicht anderthalb, sondern zwei Wochen braucht, um die Effekte des "Lockdown light" wirklich abschätzen zu können. Aber hey, wir wissen aus der ersten Welle, dass viele Menschen schon vor dem Lockdown-Beschluss ihr Verhalten geändert haben und vorsichtiger waren. Die Zahlen explodieren seit mehr als einem Monat.   

Alles andere als hilflos ausgeliefert

Und nun? Kommende Woche sitzen die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen wieder zusammen. Was sollen sie dann tun? Wie würden Sie entscheiden? Soll es im Dezember weitergehen wie im November? Kneipen und Restaurants und Muckibuden und was noch alles zu, Einschränkungen für Familienfeiern... all das? Oder soll es noch drastischer kommen? Für die Schulen, beispielsweise? Und damit für Familien? Und damit für die Betriebe, in denen die Menschen arbeiten, die nun nicht wissen, wie sie ihre Kinder betreuen sollen? Wollen wir auf diesem Weg wirklich weitergehen? Mehr fällt uns nicht ein?

Doch! Es ist nämlich mitnichten so, dass wir dieser Entwicklung hilflos ausgeliefert sind! Es gibt mehr als AHA+L und Einschränkungen und Verbote und all das! Wir müssen nur wollen! Und vielleicht endlich mal wahrnehmen, dass es andere Länder deutlich schlauer anstellen als wir.

Lassen Sie mal ein paar Zahlen auf sich wirken:

  • 21.866: das sind die aktuellen Neuinfektionen in Deutschland
  • 146: das sind die aktuellen Neuinfektionen in Südkorea

Nehmen wir es ganz genau. In Südkorea leben 51,6 Millionen Menschen, in Deutschland 83 Millionen. Wären die Infektionszahlen bei uns auf dem südkoreanischen Niveau, dann... 238.

Hm.

Gab es in Südkorea einen landesweiten Lockdown? Nö! Auch dort durften sich nur 50 Menschen in geschlossenen Räumen und 100 unter freiem Himmel versammeln. Auch dort waren Bibliotheken und Museen dicht. Auch dort gab es strenge Hygieneauflagen für Bars und Restaurants. Aber verglichen mit den aktuellen Maßnahmen in Deutschland klingt das wie ein Paradies. Übrigens: Auch dort gibt es Coronaleugner und Superspreader-Ereignisse, insbesondere bei Freikirchen. Und trotzdem: 146.

Ja, Maskentragen ist in Südkorea nicht ungewöhnlich. Aber kulturelle Unterschiede alleine machen diesen Erfolg nicht aus. Oder den deutschen Misserfolg.

Deutschland: Zettelwirtschaft statt hilfreiche Technik

Die alles entscheidende strategische Maßnahme in Südkorea – wurde in Deutschland (und im Rest von Europa) schlichtweg versemmelt. Südkorea hat früh und sehr konsequent auf den Einsatz modernen Technik gesetzt. Anders ausgedrückt: In Deutschland ist die Corona-App ein Flop, in Südkorea hat die Corona-App einen Nutzen. Und zwar den entscheidenden.

In Deutschland ersticken die Gesundheitsämter in Zettelwirtschaft und telefonieren sich die Ohren blutig, wenn sie Kontakte Infizierter nachverfolgen. Wer in Deutschland infiziert ist und diese Information freundlicherweise per App teilen möchte, braucht einen besonderen Code. Den kriegt er von der Warnapp-Hotline. Irre, oder?

In Südkorea leistet all das die Technik. Sehr verkürzt dargestellt: Wenn eine Infektion festgestellt wird, dann werden die GPS-Daten beim Handy des Infizierten ausgelesen, die Kreditkarten-Daten analysiert und die Kontakte werden benachrichtigt. Dazu wird der Allgemeinheit mitgeteilt, wo das Infektionsrisiko hoch ist (bei Anonymisierung des Infizierten). Die Gesundheitsbehörden haben Zugriff auf die für die Pandemiebekämpfung entscheidenden Daten. Und die werden im Fall der Infektion maximal genutzt.

Und bei uns? Wir haben uns wochen- und monatelang bis zur Lächerlichkeit über Datensicherheit gestritten. Und zwar so, dass am Ende der Chaos-Computer-Club den Segen erteilen konnte. Als ob ein neuer Papst gewählt wurde. Und jetzt ist alles x-mal abgesichert, superhyperduper freiwillig – und damit ziemlich nutzlos. Lustige Nebengeschichte: Sehr heiß wurde diese Debatte in den sogenannten Sozialen Netzwerken diskutiert. Ausgerechnet bei den schlimmsten Datenschleudern unter der Sonne. Datenschutzdebatten auf Facebook – genau mein Humor!

Auf dem Weg in den Lockdown xxl?

Seit Wochen und Monaten reden wir uns die Köppe heiß über Abwägungen. Ist es vertretbar, hier, da oder dort zu schließen? Ist es wichtiger, Kitas und Schulen offen zu halten oder im Sinne des Infektionsrisikos dicht zu machen? Über all diese wirklich groben Maßnahmen. Sie wissen schon. Das alles war und ist anstrengend bis zur Erschöpfung und sauteuer ist es obendrein.

Nun haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir trotz all dieser schmerzhaften Einschnitte genau da gelandet sind, wo wir gerade sind: Wir haben die Lage nicht im Griff. Nach dem Lockdown light droht der Lockdown medium oder gar der Lockdown xxl. Ist es nicht langsam an der Zeit, die Strategie zu wechseln? Ist es nicht langsam Zeit, neue Fragen abzuwägen?

Was ist uns mehr wert? Datenschutz? Oder vielleicht doch eher Kinderbetreuung, Bildung, Restaurants, Treffen mit Freunden? Wäre es nicht klug, zeitlich begrenzt ein Datenrisiko einzugehen und dafür weitgehend so zu leben wie im Sommer? Unbeschwerter? Weil die Pandemie im Griff ist?

Wir sind nicht wehrlose Opfer des Virus. Wir haben nicht mehr viele Optionen, das Virus wirksam zu stoppen. Noch haben wir aber eine Wahl. Was wählen wir?

Röwekamp: "In dieser Situation geht Gesundheit vor Datenschutz"

Video vom 30. Oktober 2020
Thomas Röwekamp im Interview mit Felix Krömer.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Juni 2020, 19:30 Uhr