Kolumne

7 Gründe, warum unser Kolumnist nicht corona-optimistisch ist

Jochen Grabler hat gute, schlechte und ganz schlechte Corona-News. Für ihn ist gerade Pandemie-Halbzeit, doch wie kann es weitergehen? Impflicht, Freiwilligkeit,...

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Ich habe eine gute Nachricht. Und eine schlechte. Und eine ganz schlechte. Welche wollen Sie zuerst hören?

Na gut, fangen wir mit der schlechten Nachricht an: Es ist Corona-Halbzeit. Nach jetzigem Erkenntnisstand haben wir nach einem Dreivierteljahr nochmal ein Dreivierteljahr vor uns. Nochmal "Maßnahmen", wirre Debatten, Demos, Gerichtsurteile und politische Hakeleien. Oh! Mein! Gott!

Nun aber zur Entspannung die gute Nachricht: Halbzeit! Das Ende dieser Horrorzeit ist in Sicht. Im Sommer ist alles vorbei. Ich bestell' schon mal den Schampus!

Suchen Sie sich was aus.

Was denn die ganz schlechte Nachricht ist? Kommt noch!

Ethikrat: Wer soll zuerst geimpft werden?

Vor gut zwei Wochen haben der Deutsche Ethikrat und die Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, eine Impfstrategie vorgeschlagen. Sehr vernünftig. Zuerst sollen Hochbetagte und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen drankommen, dann Menschen, die in Krankenhäusern, Schulen, Kitas arbeiten. Und dann so weiter. Wenn alles glatt läuft, dann könnten im Sommer alle geimpft sein, hieß es. Also in einem Dreivierteljahr. Darum: Halbzeit.

Wenn ich doch nur so viel Optimismus aufbringen könnte, dass es sich wirklich um eine Halbzeit handelt! Kann ich aber nicht. Warum? Darum:

1 Falsche Strategie

Deutschland hat sich wie ganz Europa und die Vereinigten Staaten schnell für eine Strategie der Kontaktreduzierung entschieden. Und ist bis heute dabei geblieben. Während im asiatisch-pazifischen Raum wegen der massiven Nutzung moderner Technologie die Pandemie im Alltag kaum noch Einschränkungen mit sich bringt, hat in unserem Kulturkreis kaum jemand Notiz vom Erfolg beispielsweise in Südkorea genommen. "Verbohrt und arrogant" findet das eine Kommentatorin in der "Zeit". Recht hat sie. Und sie trifft damit nicht nur die politischen Entscheidungsträger, sondern auch den Medienbetrieb. Was eigentlich eine breite Berichterstattung und Debatte wert gewesen wäre, wurde monatelang weitgehend ignoriert. Übrigens auch von mir.

2 Keine Fehlerkorrektur

Wir wissen, dass unsere Strategie der Pandemiebekämpfung nicht funktioniert. Dafür funktionieren andere Strategien, die unserer weit überlegen sind. (Siehe 1.) Wechseln wir die Strategie? Gibt es irgendwo die nötige Debatte? Nein! Wir streiten uns lieber über Beherbergungsverbote und Maskenpflicht in Innenstädten.

3 Wenn schon, denn schon

Mehr als drei Wochen nach dem Beginn des November-Lockdown light stellen wir fest: Die Zahl der Neuinfektionen steigt offenbar nicht weiter exponentiell an, bleibt aber auf hohem Niveau. Bei einer 7-Tage-Inzidenz von 50 könnten die Gesundheitsämter die Lage wieder in den Griff kriegen. Aktuell liegt der deutsche Durchschnittswert bei 141,8. Ziel verfehlt. Wenn man sich für die Lockdown-Strategie entscheidet, sollte man sie auch so anwenden, dass sie wirkt.

4 Das App-Desaster

Die App hätte eine politische Wende in der Strategie zur Pandemiebekämpfung werden können. Sie wurde ein weitgehend ungenutztes wie nutzloses wie teures Instrument.

5 Die zweite Welle unterschätzt

Schon im Frühjahr waren sich alle ernstzunehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einig: der Sommer wird relativ entspannt, im Herbst kommt eine zweite Welle. Darauf müssen wir uns einstellen. Was haben wir erlebt? Gesundheitsämter, Schulbehörden, das politische Personal war in Turbogeschwindigkeit von explodierenden Infektionszahlen komplett überfordert. Seit Anfang Oktober ist die Nachverfolgung von Kontakten kaum noch möglich, die gemeldeten Infektionszahlen liefern ein kaum noch verlässliches Bild, der Überblick über das Infektionsgeschehen steht auf einer sehr wackeligen Basis. Und damit alle weiteren Maßnahmen.

6 Die Schnelltests

Die famose Kollegin Mai Thi Ngyen-Kim hat viel Hoffnung auf die Schnelltests gesetzt. Und nicht nur sie. Diese Tests könnten das Leben total entspannen. Wenn in einer Viertelstunde feststeht, ob jemand infektiös ist oder nicht... das könnte alles ändern. Das entsprechende Video hat Mai am 20. August aufgenommen. Vor drei! Monaten. Und die dramatische Verbesserung der Situation ist leider ausgeblieben.

7 Hysterie

Deutschland ist Spitze im Dagegensein. In keinem anderen europäischen Land ist der Protest gegen die Corona-Politik so lautstark. Je länger die Pandemie andauert, desto radikaler werden die Reden, desto massiver die Desinformationskampagnen, desto dreister werden die Lügen. Die Reaktionen: hilflos. In Bussen und Bahnen werden Bußgelder verhängt, die "Querdenker" tanzen dem Staat auf der Nase rum. Wird irgendwer belangt? Werden Demonstrationen aufgelöst, wenn die Protestler auf die Vorgaben pfeifen? Kaum. Im Gegenteil. Der Staat knickt ein, lässt gewähren, und das ermutigt die Szene nur noch weiter. Darüber wundert sich nicht nur der YouTuber Rezo. "Wenn Idioten Deine Freiheit und Gesundheit gefährden", heißt sein jüngstes Video. Lohnt sich! 

Impfungen könnten den Durchbruch bringen

Sooo, und jetzt hoffen wir alle, dass nach Lockdowns, Ansprachen, dringenden Appellen, Pathos, Hoffnung auf Apps und Schnelltests und überhaupt der ganzen schweineteuren Anstrengung und den Demos der vergangenen neun Monate endlich, endlich die Impfungen den Durchbruch bringen.

Ich würde diese Hoffnung so gerne teilen! Aber wenn ich die vergangenen Monate nochmal an mir vorbeiziehen lasse, dann komme ich leider zur ganz schlechten Nachricht: Vergessen Sie den Begriff "Halbzeit"! Denn auch diese Wende zum Positiven wird von Deutschland vergurkt. Der Widerstand gegen die "Maßnahmen" wird sich in einen Widerstand gegen das Impfen ausweiten, die Hysterie erreicht jetzt ihren Höhepunkt.

Die Impfbereitschaft ist in kaum einem europäischen Land so niedrig wie in Deutschland. Aktuell sagen 29 Prozent, dass sie sich wahrscheinlich nicht oder auf gar keinen Fall impfen lassen werden. Tendenz steigend. Um die Pandemie zu besiegen, muss eine Impfquote von 60-70 Prozent erreicht werden.

Und jetzt stellen wir uns mal vor, die Impfungen sind angelaufen und es passiert, was garantiert passiert. Es treten seltene Nebenwirkungen auf. Das wird die Topmeldung überall! Plasberg kann sich den Termin schon mal freihalten und die Kommentarspalten auf Facebook und Co. erreichen Siedetemperatur.

In den Sozialen Medien geht es heiß her

Und dann: Stirbt einer von den geimpften Hochbetagten. Dann ist Facebook kurz vor der Kernschmelze. Leute wie Bodo Schiffmann werden das tun, was sie schon seit Monaten tun. Sie werden lügen, dass sich die Balken biegen. Vor ein paar Wochen waren es die frei erfundenen toten Kinder wegen Maskenpflicht, dann werden es die toten Alten wegen Impfung sein.

Glaubt jemand ernsthaft, gegen diese Lügenkampagnen hilft das Kraut der Aufklärung? Und zwar so, dass die Impfbereitschaft hinreichend hoch bleibt?

Das Wort "Impfpflicht" wird sowieso niemand in den Mund nehmen. Die Freiwilligkeit beim Impfen ist ja genauso heilig wie der Datenschutz bei der App. Mindestens!

Und wenn die ersten Unternehmen bekannt geben, dass sie einen Impfnachweis sehen wollen, dann... Geht nämlich schon los. Mitten im Schreiben dieses Textes ploppt eine Tagesschau-Meldung auf: "Sobald ein Corona-Impfstoff verfügbar ist, will die australische Fluglinie Quantas auf Interkontinentalflügen nur noch geimpfte Passagiere mitnehmen." Und es hebt an ein Jammern und Wehklagen und die Wut schäumt über. Da wollen sich Leute vor dem Virus schützen! Wie gemein!

Glaubt also irgendwer, im Sommer ist alles vorbei?

Schatz, lass uns Weihnachten verreisen! Wir müssen mal raus nach so langer Zeit!

...

Was? Nee! Nächstes Jahr!

Corona-Schnelltests in Altenheimen können starten

Video vom 23. November 2020
Bei einer Frau wird ein Coronatest gemacht.
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor