Kommentar

Wir sind coronamüde – aber es kommt wieder auf uns an

Es hilft nichts. Jeder in Bremen sollte sein Verhalten hinterfragen. Egal was die Politik wann entscheidet, meint der stellvertretende Chefredakteur von Radio Bremen Frank Schulte.

Vier junge Menschen mit ausgestreckten Armen halten Abstand voneinander und tragen Atemschutzmasken.
Die Stadt Bremen hat am Mittwoch die Corona-Obergrenze von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gerissen. Bild: Imago | Westend61

Es bestehe kein Anlass zu hektischem Aktivismus, hat Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) im buten-un-binnen-Studio gesagt. Nach dem Gespräch twitterte eine Zuschauerin: "Allein diese Stimme ist ja schon beruhigend." Ach Gott. Und die nächste Stufe ist Handauflegen?

Ich bin mir nicht so sicher, ob man tatsächlich die Zeit hat, jetzt erstmal Stück für Stück abzuwarten, wie einzelne Maßnahmen wirken. Nein, das wage ich sogar sehr zu bezweifeln. Die Ausbrüche in Bremen sind nicht mehr klar auf Cluster zurückzuführen, die Ausbrüche finden breit gestreut statt. So etwas in einer sozial hoch verdichteten Großstadt wie Bremen einzudämmen, scheint mir eine ganz besondere Herausforderung zu sein. Ich wünsche mir, dass Bremen das besser und entschlossener hinkriegt als Berlin. Der Faktor Zeit ist da entscheidend. Was man jetzt versäumt, das bezahlt man später umso teurer.

Politik ist wichtig – individuelles Verhalten wichtiger

Klar, jetzt schauen wir alle wieder auf die Politik: Was entscheidet sie? Was gibt sie vor? Wichtig ist das, ohne Frage. Aber vielleicht schauen wir alle auch mal wieder verstärkt auf uns selbst: Wie sollten wir uns jetzt verhalten? Abstand, Maske, Hände waschen, Lüften – klappt´s damit noch? Ehrlich gesagt, tut das doch nicht wirklich weh, das ist doch von jedem leistbar.

 

Schon schwieriger wird es bei anderen Dingen: Braucht es diese und jene private Feier oder Party? Meide ich vielleicht bewusst Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen? Und natürlich darf man sich ruhig mal fragen, ob das mit dem Reisen gerade sein muss? Klar, ist (fast) alles noch erlaubt. Aber ist es in dieser Situation auch sinnvoll?

Ich merke an mir, dass ich mich damit eigentlich gar nicht beschäftigen möchte. Ich fühle mich coronamüde, ich fand das schon ganz gut, wie das seit dem Sommer gelaufen ist. Geschäfte offen, Restaurants offen, die Kinder gehen wieder regelmäßig zur Schule. Ja, das hatte was von Normalität, auch wenn ich schmerzlich darauf blickte, wie es der Veranstaltungsbranche, der Gastronomie und manchem Selbstständigen erging.

 Ich will jetzt nicht so richtig an mich ranlassen, dass es offenbar wieder der Zeitpunkt ist, eigenes Verhalten zu verändern. Wenn ich auf die Fakten schaue, dann komme ich da aber nicht drum herum.

Entscheidend ist, was in den Krankenhäusern passiert

Trend und Schnelligkeit – das sind die Begriffe der Stunde. Über den Trend haben wir in den vergangenen Wochen schon vieles gesagt: die täglichen Neuinfektionen steigen stetig. Aber waren Sie nicht auch erschrocken, welchen Sprung diese Zahlen in Bremen plötzlich gemacht haben? Quasi von einem Tag auf den nächsten und dann immer weiter? 

Das muss ja auch erst mal alles nicht schlimm sein, solange die Krankheitsverläufe tendenziell harmlos bleiben. Zum Gradmesser wird deshalb jetzt die Situation in den Krankenhäusern. Leider gilt hier, was ich oben zum Trend beim Infektionsgeschehen geschrieben habe. Zeigt nach oben, wenn auch auf niedrigem Niveau. Aber: Wie schnell die Situation kippen kann, haben wir ja nun einmal gerade bei den täglichen Neuinfektionen gesehen. Das weiß schlichtweg kein Mensch, wie sich das entwickelt. Vorsichtig zu sein, ist aber ganz bestimmt nicht verkehrt.

Ach ja, eines kommt ganz sicher, ganz ohne politisches und persönliches Dazutun: In den Schulen sind bald Herbstferien. Das könnte helfen.

Bovenschulte: "Jetzt nicht in hektischen Aktivismus verfallen"

Video vom 7. Oktober 2020
Mehrere geschlossenen Läden im Bremer Freipaark.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Frank Schulte Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Oktober 2020, 19:30 Uhr