Kolumne

Nichts gelernt aus Corona

Die Ergebnisse des Bund-Länder-Gespräches bieten keine Überraschung, meint unser Redakteur Jochen Grabler. Er findet, es wäre Zeit für einen Lerneffekt.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Unser Redakteur Jochen Grabler wartet bislang vergeblich auf einen Hoffnungsträger. Bild: Radio Bremen

Finger hoch, wer überrascht ist! Kanzlerin und Ministerpräsidentinnen und -präsidenten haben beraten, diesmal mit fast sieben Stunden Pause, weil gar nichts voranging. Beim letzten Mal gab's Ergebnisse kurz vor Geisterstunde, diesmal mitten in der Nacht – aber im Grunde war alles wie immer. Zwischendurch soll es auch hoch hergegangen sein – wie immer. Rausgekommen ist irgendwas mit irgendwelchen Einschränkungen bei einer Inzidenz von irgendwie, wenn Bürgermeister, Landräte, Landesfürstinnen und -fürsten mitmachen.

Na, wer hätte das angesichts mal wieder explodierender Infektionszahlen gedacht? Und dann leiert die Kanzlerin ihr blutleeres Technokratendeutsch. Söder erklärt wortreich, jetzt habe man eine klare Linie. Aha. Und der regierende Müller aus Berlin macht wieder mal ein Gesicht, als hätte er drin geschlafen.

Kein Lerneffekt

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Lage ist ernst. Sie ist todernst. Wieder mal. Wie erwartet stecken wir in der dritten Welle, die Zahl der Infektionen wird absehbar für volle Intensivstationen sorgen. Und für Tote. Jüngere, diesmal. Wäre es nicht doch langsam mal an der Zeit, etwas zu lernen? Zum Beispiel aus der Zeit seit Oktober, als die zweite Welle rollte. Was ist passiert? In fünf Monaten? Nach all den Maßnahmen, all der zähneknirschenden Disziplin seitdem kommt jetzt Welle Nummer drei. Haben wir was gelernt? Wollen wir eigentlich was lernen? Ändert sich was? I wo! 

Die einen haben mal wieder Wahlen vor der Nase oder einzelne Branchen wie den Tourismus im Nacken und beharrten auf dieser oder jener Sonderregelung. Was dann dazu führt, dass die eigenen längst gefassten Beschlüsse (Notbremse!) nicht mehr das Papier wert sind und nochmal und nochmal diskutiert werden müssen. Tests und Impfstoffe sind immer noch nicht hinreichend vorhanden. Und überhaupt fällt der Runde nichts mehr ein, als sich wieder und wieder aus demselben Werkzeugkasten zu bedienen. Jetzt also soll es Ostern einen noch lockdownigeren Lockdown geben. Einfallsloser und verhakter geht es kaum. 

Weiter wie gehabt

Finger hoch, wer ernsthaft was anderes erwartet hat! Intelligente Vorschläge, zum Beispiel. Einen Strategiewechsel, zum Beispiel. Mit Lernerfolgen aus Weltgegenden, die deutlich besser durch diese Menschheitskrise kommen, zum Beispiel. Weil man doch nach über einem Jahr voller Erfahrungen irgendwann vielleicht auf die Idee kommen könnte, dass Lockdown auf Lockdown auf Lockdown doch kein sonderlich erfolgsversprechender Plan ist. Von wem sollte dieser Schub an politischer Kreativität eigentlich kommen? Tja, von wem denn bloß?

Es geht weiter wie gehabt. Und das ist bitter! In der ersten Phase der Pandemie war die allgemeine Unsicherheit ja nachvollziehbar. Aber jetzt? Die politische Elite des Landes irrlichtert, wie sie seit Monaten irrlichtert. Zweite Welle im Oktober – Lockdown light – ach nee, geht nicht – Lockdown verschärft – Lockerungsübungen – ach nee, geht nicht – jetzt wieder Lockdown verschärft. Das Land taumelt durch die Pandemie. Führungslos, ideenlos, kraftlos. Und will uns jetzt verkaufen, dass die Infektionswelle mit fünf traurigen Ostertagen gebrochen werden kann. Als ob wir vor einem Jahr geistig stehen geblieben wären! Als ob es seitdem keine Erfahrungen mit dem Virus gäbe! 

Deutschland meistert die Krise nicht gut

Vor langer Zeit wurde mal ein Kanzler mit den ätzenden Worten versenkt, der "Herr badet gerne lau", er sei "abgeschlafft". Könnte man in diesen Tagen glattweg wiederholen. Mit der leichten Variation, dass der "Herr" nun eine "Dame" ist. Wenn Personaldebatten denn was bringen würden. Die bringen aber nichts. Das Elend ist nämlich: Damals stand Helmut Schmidt bereit, das Ruder zu übernehmen. Heute ist weit und breit kein Schmidt zu sehen. Nicht mal ein Schmidtchen. Im Gegenteil. Seit Monaten schlägt die Stunde der Opposition, die Stunde für diejenigen mit den besseren Ideen, mit Tatkraft und Durchsetzungsvermögen – es kommt nur keiner.

Wir stellen fest, dass Deutschland diese Weltkrise nicht gut meistert. Was passiert? Die Union ist mit korruptem Personal, ihren Wahlchancen und damit mit sich selbst beschäftigt. Die SPD guckt der Union beim Niedergang zu und freut sich, dass keiner auf die SPD guckt. Der FDP gelingt das Kunststück, sich intellektuell immer wieder selbst zu untertunneln. Bald sind sie am Erdkern angelangt. Die Linken – ach ja, die Linken, gibt‘s die noch? Die Grünen beschäftigen sich mit der rasend interessanten Frage, ob Habeck oder Baerbock, und ansonsten sagen sie, wer so alles unter der Pandemie leidet. Und diese andere Partei...? Nee, so tief komme ich gedanklich und moralisch nicht runter in meinem Alter.

Ich würde so gerne 'ne andere Bilanz aufmachen und eine/n strahlende/n Hoffungsträger*in präsentieren. Kann ich nicht. Hab' ich nicht.

Politisches Spiegelbild der Gesellschaft

Was also würde es bringen, jetzt nach Rücktritten und Personalwechseln zu schreien? Verdammt wenig. Wobei, kleine Einschränkung: Wenn ich die Wahl zwischen Scheuer oder nicht Scheuer hätte... Seit dem 3.3. leitet besagter Scheuer neben Jens Spahn die "Taskforce Testlogistik". Die Tests sollen jetzt in ausreichender Menge kommen. Hört man. Also bald. Läuft, würde ich mal sagen. So viel zu "Staatsversagen".

Weshalb wir uns jetzt bequem zurücklehnen und mit dem Finger auf "die da" zeigen könnten. Aber das wäre ja auch gelogen. Denn genau betrachtet ist die politische Lähme ja auch nur das Spiegelbild der gesellschaftlichen Lähme.

Warum gibt es keine funktionierende Warnapp? Weil die sogenannten sozialen Medien und die sogenannten klassischen Medien hysterisch geschäumt hätten, weil doch der heilige Datenschutz geschändet worden wäre. Will man in einer solchen Lage Politiker*in sein und sich diesen Konflikt an die Backe kleben? Bei Strafe des eigenen Untergangs?

Bloß nicht laut über Impfpflicht nachdenken

Warum sind denn nicht mal die aktuell rudimentären Test- und Impfstrategien wirklich sicher? Weil sich nicht mal Personal im Gesundheitswesen oder in Altenheimen testen und impfen lassen muss. Da freut man sich als Altenheimbewohner oder Patient doch ganz tüchtig, wenn man erfährt, dass das Fachpersonal vielleicht ansteckend ist! Und bedankt sich bei den Richterinnen und Richtern, die sich immer finden lassen, um entsprechende Urteile zu fällen. Und wer im politischen Raum ist so bescheuert, über Impfpflicht auch nur laut nachzudenken? Keiner! Im Gegenteil! Es gab tausend Beteuerungen, dass es keine Impfpflicht niemals nicht geben wird. Sonst: Shitstorm, Ende der politischen Karriere.

Warum gab es nie eine ernsthafte Diskussion über „"Zero Covid"oder wenigstens das Ziel einer extrem niedrigen Inzidenz, um die Ausbreitung der Mutante kontrollieren zu können? Weil es mehr Sympathiepunkte gibt, Lockerungen zu versprechen. Und weil mutige Leute wie Karl Lauterbach jetzt ganz offen Morddrohungen erhalten.            

Warum dringen tatkräftige Menschen wie der Oberbürgermeister von Rostock mit ihren Vorschlägen so wenig durch? Weil es kaum jemanden gibt, der ihnen offen nacheifert und die Ideen übernimmt und weiterträgt. Morgen sitzt ja eh' der nächste Talkshowgast bei Lanz und dann der übernächste, sehr wahrscheinlich wieder mal jemand, der sich beschwert. Und in der Disziplin Beschwerde scheinen wir Deutschen wirklich Weltniveau zu haben. Vergangene Woche hat sich zum Beispiel der Philologenverband beschwert. Bitterlich! Der Philologenverband ist, wie soll man das ausdrücken, der Verein für Lehrer mit Abitur. Und findet die Tests an Schulen ganz blöd: "Zudem ist es auch nicht hinnehmbar, dass Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer im Klassenraum einer Situation der Beunruhigung und Verunsicherung ausgesetzt werden, da in jedem Fall mit positiven Testergebnissen zu rechnen ist." Ich dreh' durch! 

Jedes Land hat die Pandemie, die es sich verdient

Jetzt können wir schön weiter mit dem Finger auf "die Politiker" zeigen und weiter gemütlich vor uns hin beschweren. Wir gucken dabei aber nur in den Spiegel. Wer mit mutigen Vorschlägen um die Ecke kommt, wird im besten Fall ignoriert, im schlechtesten gibt‘s Morddrohungen. Die Zeit dazwischen wird verquatscht. Willkommen in Deutschland!

Was mich so langsam zu der Erkenntnis bringt: Jedes Land hat die Pandemie, die es sich verdient. Finger hoch, wen das überrascht!

Buten-un-binnen-Kolumnist: "Ich finde die Beschlüsse unfassbar"

Video vom 23. März 2021
Radio Bremen Mitarbeiter Jochen Grabler im Interview im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. März 2021, 19:30 Uhr