Kolumne

Wie weiter im Corona-Lockdown? Lockern ja, aber mit Augenmaß

Die Sehnsucht nach weiteren Lockerungen ist groß, doch die Lage verlangt Vorsicht. Jetzt muss die Politik Maß halten, meint Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte.

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte warnt vor übereilten Lockerungen. Bild: Radio Bremen

Es ist richtig viel erreicht worden, das gilt es jetzt zu verteidigen. Die Neuinfektionen sind in der Stadt Bremen in den vergangenen Wochen zurückgegangen, der Inzidenzwert ist deutlich gesunken. Die Situation in den Krankenhäusern ist weit entfernt von einer angespannten Lage. Das Impfen der stark gefährdeten Gruppen geht voran, die bremische Impfquote liegt über dem Bundesdurchschnitt. Das alles macht Hoffnung. Aber wir sind nicht durch. Überhaupt nicht.

Bremerhaven ist leider zum bundesweiten Hotspot geworden. Die hoch ansteckende Mutation B.1.1.7 ist im Land Bremen besonders verbreitet. Außerdem sinkt der Inzidenzwert zuletzt nicht mehr deutlich weiter und der R-Wert liegt über 1 – also steckt ein Mensch rein rechnerisch mehr als eine Person an. Das Impfen in allen Bevölkerungsgruppen geht nicht in dem Tempo voran, wie es notwendig wäre, um die Neuinfektionen rasant zu senken. Es bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten, wieviel Impfstoff Bremen in den nächsten Monaten erhalten wird. Und: Die Disziplin, sich an Kontaktbeschränkungen und andere Regeln zu halten, sinkt. Wie soll angesichts dieser Lage der Inzidenzwert weiter fallen?

Der gesellschaftliche Druck ist hoch

Der Trend ist ja ein anderer: Vor Eisläden bilden sich dichte Schlangen, Spielplätze sind teilweise überfüllt, Corona-Verstöße nehmen deutlich zu, Blumenläden durften öffnen, Gartencenter und Frisöre auch, in Bremer Grundschulen wird in voller Klassenstärke ohne Maske unterrichtet. Was das alles für die Neuinfektionen bedeutet, werden wir erst in zwei Wochen wissen. Dass es dazu beiträgt die Werte zu senken, dürfte wohl ausgeschlossen sein.

Gleichzeitig ist der gesellschaftliche Druck hoch: Einzelhändler schalten ganzseitige "Wir wollen öffnen"-Anzeigen, Gastronomen halten Mahnwachen, Psychologen berichten über Corona-Folgeschäden und Wirtschaftsverbände veröffentlichen Horrormeldungen über den Zustand vieler Unternehmen. Alles verständlich, berechtigt und wichtig. Hier braucht es Bewegung. Unbedingt. Aber eben nicht zu viel.

Lockerungen nur mit Augenmaß

Es ist wichtig, jetzt politisch Maß zu halten. Lockern ja, aber mit Augenmaß. Wo ist die Not am größten, wo braucht es klare Signale? Aber wo ist es eben auch nicht vertretbar? Das dürfte noch sehr spannend werden – und teilweise auch sehr unbefriedigend. Es ist beispielsweise nicht die Zeit, um seine persönlichen Kontakte auszuweiten. Kontaktvermeidung ist nach wie vor die effektivste Art der Virusbekämpfung – aber leider auch die schmerzhafteste. Das ist schwer zu akzeptieren, leider führt daran kein Weg vorbei. Wie konsequent wir bleiben, wie standhaft hier aber auch Politik bleibt, das entscheidet darüber, ob die dritte Welle glimpflich verläuft oder voll durchschlägt.

Steigender Inzidenzwert in Bremerhaven: Wie geht es weiter?

Video vom 1. März 2021
Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz im Interview.
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Frank Schulte Redakteur und Autor