Kolumne

Wir müssen die Schule in der Corona-Krise neu erfinden

Mit dem aktuellen Plan zur Öffnung der Schulen werden Kinder und Lehrer ins Feuer geschickt. Da müssen andere Lösungen her, meint Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Redakteur Jochen Grabler stellt fest, dass sich die Stimmung im Kampf gegen das Virus gedreht hat.

Hotels und Restaurants dürfen bald wieder öffnen, alle Einzelhandelsgeschäfte auch, und bald dürfen auch wieder alle Schüler in die Schule gehen. Natürlich nur, wenn die Hygieneregeln eingehalten werden, sagt der Bürgermeister.

Das Frühstücksbuffet im Hotel entfällt, Restauranttische müssen zwei Meter Abstand haben, die Zahl der erlaubten Kunden in den Geschäften richtet sich danach, dass genug Abstand gehalten werden kann. Weil ja die Hygieneregeln eingehalten werden. Sagen die zuständigen Senatorinnen, sagt auch der Bürgermeister. Heißt es analog in anderen Bundesländern. Hygieneregeln, das ist das Mantra der Zeit. Und das ist ja auch gut so.

In vielen Betrieben passiert 'ne ganze Menge. "Lockerung“ heißt vielerorts: Betriebsärzte sorgen für Abstand zwischen Arbeitsplätzen und für ordentlich Frischluft. Manche werden ins Homeoffice geschickt, Zweierbüros nur mit einer Person besetzt... haltet Abstand! Da wird jeder Arbeitsplatz ganz genau angeguckt. Und wenn dann mal ein Großschlachter oder ein Spargelbauer gefunden wird, der seine Arbeitssklaven immer noch so drangvoll hält wie vor Corona – dann ist der Skandal aber groß. Und das ist sowieso gut so. Wir wissen doch alle, was passiert, wenn sich neue Ausbruchsherde bilden. 

Werden Schulen zu Infektionsherden?

Aber Moment mal! Ist das wirklich so? In all den Bereichen, in denen jetzt wieder gearbeitet wird? Sind denn alle so gut geschützt, wie es irgend geht? Nun ja, es gibt einen Bereich, da will ich mal ganz vorsichtig sagen: Hygieneregeln – vergiss es! Ich würde mich sehr, sehr gerne täuschen, aber ich ahne dunkel, dass wir demnächst von ein paar neuen Ischgls hören werden. Notieren Sie sich schon mal die Schulstandorte.

Übertrieben? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein kleines Gedankenexperiment: Gesetzt den Fall, Sie nehmen das Virus und den Stand der Forschung ernst, würden Sie in diesen Zeiten bedenkenlos einen Arbeitsplatz betreten, bei dem sie über längere Zeit mit vielen Menschen in einem Raum sind, von denen Sie annehmen müssen, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden? Würden Sie vielleicht nicht doch lieber mit ihrem Chef reden? Oder: Was würden Sie von einem Gastronomen halten, dem die jetzt ausgerufene Sitzplatzpflicht egal ist und die Gäste munter durch und beieinander stehen? Würden Sie da gerne hingehen?  

In solche Verhältnisse aber schicken wir gerade die Kinder. Und die Lehrerinnen und Lehrer. Gerade sind es nur die vierten und zehnten Klassen und die vorm Abitur. Noch ist Platz in den Schulen. Aber schon jetzt kann man gerade bei den älteren Schülerinnen und Schüler beobachten, dass das mit den Abstandsregeln ungefähr so ausgeht, wie Zimmer aufräumen. Wenn aber die anderen Klassen dazukommen, der Platz enger wird, sodass jetzt die halbe Klassenstärke im Raum ist, dann kann man das Mantra von der Hygiene gleich ganz vergessen.

Zu viele Kinder auf zu engem Raum

Mal kurz daran erinnert: Läden dürfen jetzt pro zehn Quadratmetern Fläche einen Kunden reinlassen. Die Kunden sind in Bewegung, es wird ziemlich wenig geredet, und sie tragen alle Mundschutz. So ein Klassenraum hat ungefähr siebzig Quadratmeter, es wird pausenlos gesabbelt und Mundschutz ist mal da, mal auch nicht. An Grundschulen liegen die Klassengrößen bei 24, an Oberschulen bei 25, an Gymnasien bei 30. Oh, Mist, das ist Mathe! Also 12 Grundschüler auf siebzig Quadratmetern... Ääh. Vielleicht sollte der Unterricht besser bei Karstadt stattfinden. Oder bei Rewe.

Was gar keine so doofe Idee ist. Da hätten die Lehrerinnen und Lehrer wenigstens einen halbwegs sicheren Platz. Jede Käsetheke, jeder Kassenbereich ist mittlerweile hinter Plexiglas. Haben Sie mal was von Spuckschutz für Lehrertische gehört? Nicht? Könnte daran liegen, dass es keine gibt. Aber die Schulen werden doch wenigstens mit Desinfektionsmitteln versorgt, oder? Na, eher nicht. Müssen sich die Schulen selbst drum kümmern. Maskenpflicht? Gibt's im Supermarkt und im ÖPNV. In den Schulen werden Masken "dringend empfohlen". Die schärfste Waffe für Hygiene an den Schulen ist die Verordnung der Bildungsbehörde. Die schreibt 'ne Mail, die Schulen müssen machen. Und alle hoffen, dass das Virus in seine Mails guckt.

Kinder und Lehrer werden ins Feuer geschickt

Pandemievorsorge in Schulen? Läuft, würd ich mal sagen. Mal kurz zusammengefasst: Kinder und Lehrerinnen und Lehrer werden gerade ins Feuer geschickt. Und sie lassen es mit sich machen. Personal aus Risikogruppen darf daheim bleiben, Kinder, die mit Menschen aus Risikogruppen zusammenleben, auch. Immerhin. Aber das ist schon alles.

Das ist der Stand der Forschung:

  1. Man infiziert sich vor allem durch Tröpfchen (zum Beispiel beim Anhusten) und durch Aerosole. Die entstehen beim normalen Sprechen und können über Stunden in der Luft schweben.
  2. Kinder und Jugendliche zeigen seltener Symptome, noch viel seltener werden sie ernsthaft krank. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Kinder und Jugendliche sind, wenn sie sich infiziert haben, mindestens so starke Corona-Schleudern wie Erwachsene. Heißt konkret: Ein putzmunteres aber infiziertes Kind kann das Virus fröhlich in die Welt blasen. Merkt erstmal niemand. Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Großeltern, je nachdem, wer so im Haushalt lebt – all diese Menschen gehen ein großes Risiko ein. Je mehr Kontakte, desto größer ist die Chance, dass an einer Schule ein Hotspot entsteht, der blitzschnell in die ganze Stadt ausstrahlen kann.
  3. Gerade Schulen können sich zu gewaltigen Infektionsherden entwickeln. In einer großen Studie in Nordfrankreich wurde das Infektionsgeschehen in einem Gymnasium untersucht, also in einer Schule mit älteren Kindern und Jugendlichen. In der Woche vor den Ferien, also in einer Zeit ohne Hygieneregeln, haben sich 38,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler, 43,3 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, 60 Prozent des sonstigen Schulpersonals, 10,2 Prozent der Geschwister und 11,4 Prozent der Eltern infiziert. Mit halben Hygieneregeln werden diese Zahlen vielleicht nicht erreicht. Aber die Gefährdung liegt auf der Hand.

Wird das irgendwo diskutiert? Regt sich jemand auf? Stürmt irgendein Betriebsarzt die Schule und rettet das Personal? Klagt irgendwer den Schutz von Lehrerinnen und Lehrern ein? Wird das Bundesverfassungsgericht nervös? Ist das ein Skandal? I wo! Diese Gefahr steht seit Wochen als Elefant im Raum. Jeder weiß es, keiner redet drüber.

Unterricht am Wochenende?

Ja, der Druck auf die Bildungsbehörden ist irre groß. Ja, Familien sind wegen der Schulschließungen maximal belastet. Ja, gerade Frauen werden häufig zu den großen Verliererinnen der Krise, weil es eben meist noch die Frauen sind, die im Zweifel daheim bleiben. Ja, der Gedanke ist nicht auszuhalten, dass viele Kinder in dieser angespannten Zeit Gewalt ausgesetzt sind. Ja, ja, tausendmal ja. Diese Bedrückungen sind ja mindestens so groß, wie die Furcht vor weiteren Ausbrüchen des Virus. Und ich kann auch keine Lösung aus dem Zylinder zaubern. Aber wenn wir das Virus und die voraussichtliche Dauer der Pandemie ernst nehmen, sollte dann nicht über Unterricht am Wochenende oder die Anmietung zusätzlicher Räume wenigstens nachgedacht werden? Zu teuer? Zu umständlich? Wie viel Mühe ist uns die Schule wert?

Klar ist: Die aktuell vor sich hindilettierende Organisation von Schule ist nicht die Lösung. Was machen wir denn, wenn das Virus zuschlägt? Dann können alle wieder daheim bleiben. Verlierer sind dann abermals Familien, Frauen, Kinder in prekären Verhältnissen. Mal ganz davon abgesehen, dass Eltern, Kinder, Personal, Angehörige schwer erkranken können. 5,3 Prozent der Infizierten in Frankreich sind im Krankenhaus gelandet. Wir wissen, das Virus kann schwere Folgeschäden verursachen. Besser, man kriegt es nicht.

Wir müssen die Schule neu erfinden

Ist denn wirklich keine bessere Lösung denkbar? Wir müssen Schule doch sowieso neu erfinden. Soll doch keiner glauben, die Pandemie wäre mit dem neuen Schuljahr beendet. Was soll dann passieren? Weiter volles Risiko? Oder sollen die Kinderchen im Winter die Fenster vom Klassenraum aufreißen, damit die Frischluft die Aerosole wegpustet?

Woran mich das erinnert? An die Dauerversprechen von allen Seiten, wie wichtig Bildung doch ist und die Kinder sind doch unsere Zukunft und Blabla. Geht allerspätestens seit Pisa so. Und das ist fast 20 Jahre her. Nur leider hat sich dieser enorme politische Schwerpunkt noch nicht so richtig bis in die Schulklos und die Wlan-Anschlüsse rumgesprochen. So geht es eben weiter. Schule, ist ganzganzganz wichtig, gerade jetzt, denn "die Kinder sollen nicht die Leidtragenden dieser Situation sein", wie die Bildungssenatorin sagt. Wer wollte da widersprechen? Außer, man achtet mal auf die Details. Und die Wirklichkeit. Mannmann, der Staat spannt einen Schutzschirm nach dem anderen auf, gerade wird mal wieder über Kaufprämien für Autos gesprochen, der Spargelbauer wird schwer kritisiert. Da fällt uns zu Schule nichts Besseres ein? Setzen! Ungenügend!

So trifft die Corona-Krise junge Familien in Bremen

Video vom 10. Mai 2020
Eine Familie, mit drei Kindern, sitzt auf ihrer Terrasse. Die Mutter hält ein Buch in der Hand, welches sie den Kindern vorliest.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler