Kolumne

Wir müssen handeln! Jetzt!

Unser Kolumnist ist überzeugt, dass es einen Plan aus der Mitte der Gesellschaft braucht, um aus der jetzigen Lage herauszukommen. Eine Kolumne in zehn Punkten.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Wir müssen jetzt handeln – und zwar alle. Davon ist unser Redakteur Jochen Grabler überzeugt. Bild: Radio Bremen

Haben wir uns genug erregt? Ja, die Corona-Beschlüsschen von Montagnacht waren furchtbar, was dann folgte, ebenso, und wir könnten jetzt noch ne kleine Ewigkeit unserer Wut freien Lauf lassen und von ganz oben auf der Palme mit Kokosnüssen werfen. Wenn es was bringen würde. Bringt aber nichts.

Also klettern wir von der Palme runter, orientieren uns zwischen all den rauchenden Trümmern und tun, was zu tun ist. Möglichst nüchtern, denn an Hysterie und Kopflosigkeit ist nirgendwo Mangel. Was sehen wir?

1 Die Infektionslage ist dramatisch!

Die britische Mutante ist deutlich ansteckender, sorgt für deutlich mehr Krankenhausaufenthalte und ist deutlich tödlicher. Und wir erleben exponentielles Wachstum. Das führt absehbar in die Katastrophe. Erst recht apokalyptisch ist die Vorstellung, dass sich die brasilianische Mutante auch noch massenhaft verbreitet. Wäre ganz gut, das abzuwenden.

2 Von der Politik ist nichts zu erwarten

Von den politischen Machteliten ist absehbar nichts zu erwarten. Der Versuch, mit halbgaren Lockdowns eine Balance zwischen belegten Intensivbetten und allen möglichen Einzelinteressen hinzukriegen, ist gescheitert. Und weit und breit ist niemand zu sehen, der an überzeugenden politischen Auswegen arbeiten würde. Im Gegenteil. Gestern haben FDP, Linke und AfD gemeint, dass die Kanzlerin nun ganz schnell die Vertrauensfrage stellen müsste. Trüber kann ein politisches Süppchen nicht sein. Gerade diese Herrschaften haben in den vergangenen Monaten nicht gerade mit konsistenten Vorschlägen geglänzt. Von diesen Geisterfahrern ist keine Orientierung zu erwarten.

3 Welchen Anteil hat die Wirtschaft an der 3. Welle?

Die wirtschaftlichen Machteliten könnten nun einen guten Plan vorlegen, tun sie aber nicht. Aus dieser Ecke hören wir lediglich, was wir immer hören: Eigennutz und Profitstreben. Wer nach intelligenten Öffnungen schreit, sollte vorher mal sagen, wie die dritte Welle gebrochen werden kann. Und was der eigene Anteil daran sein könnte. Wir wissen, dass die Ansteckungsgefahr in Betriebshallen und Büros deutlich größer ist als in Museen oder Theatern. Machen Kammern und Verbände Druck für Homeoffice und für besseren Infektionsschutz in Betrieben? Das Schweigen dazu ist erbärmlich! Und nicht zu vergessen: Dass die Coronagewinner unter den Unternehmen mit dem solidarischen Kraftakt der Pandemiebekämpfung so gar nichts zu tun haben – gibt‘s irgendwo doch noch ne Kokosnuss zum Schmeißen? 

4 Wir haben keine Zeit!

Jeder mit Vertrauensfrage oder sonstigem Gerede verdödelte Tag ist ein Feiertag für das Virus. Es muss gehandelt werden! Und zwar schnell! Was auf keinen Fall mehr passieren darf: Dass die Zahlen erst in Katastrophenhöhen steigen müssen, bis dickbräsige Verantwortliche endlich mal reagieren. Schönen Gruß nach Bremerhaven in diesem Zusammenhang!

5 Ein Plan aus der Mitte der Gesellschaft muss her

Es braucht jetzt gute Ideen, Verlässlichkeit im Handeln, Klarheit in der Kommunikation und Perspektive. Also nichts weniger als einen glaubwürdigen Plan, die Welle zu brechen und dann einen nicht minder glaubwürdigen Plan, wie die neu gewonnenen Freiheiten gestaltet werden. Wenn die Eliten aber gerade unpässlich sind, muss so ein Plan aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Wenn sich die Verantwortlichen nicht bewegen, müssen sie eben mit guten Ideen bewegt werden.

6 Im ersten Schritt muss die 3. Welle gebrochen werden

Wir haben den Zeitpunkt verpasst, die Ausbreitung des Virus so abzubremsen, dass die Lage beherrschbar wäre. Das ist zum Verzweifeln, aber nicht mehr rückgängig zu machen. Hohe Impfgeschwindigkeit, massenhafte Testungen, effektive elektronische Nachverfolgung, schlaue Öffnungskonzepte kriegen wir in der nötigen Geschwindigkeit nicht hin. Das sind Themen für den zweiten Schritt. Im ersten Schritt muss die Welle gebrochen werden. Gibt es jemanden der Lockdowns irgendwie gut findet? Ich kenne keinen. Lamentieren hilft aber nicht. Wir müssen da jetzt durch.

7 Es braucht eine Doppelstrategie.

Jetzt! Schnell! Nicht lang schnacken, denn, siehe viertens, wir haben keine Zeit!

8 Wir müssen durch einen konsequenten Lockdown

Im ersten Schritt muss die Welle gebrochen werden. Die bittere Wahrheit ist, das geht nur mit einem konsequenten Lockdown. Portugal hat es vorgemacht: Grenzen dicht, Land runterfahren, zur Arbeit fährt nur, wer unbedingt muss, keine Reisen im eigenen Land.

In Portugal lag die Inzidenz (britische Mutante!) bei beinahe 900. Aktuell liegt sie bei etwas über 30. Warum hat das funktioniert? Weil auch die Bevölkerung voll mitgezogen hat. Wie das? Weil der Kollaps der Krankenhäuser und die Todeszahlen so dramatisch waren.

Wir können darauf warten, bis auch bei uns diese Lage eintritt. Oder wir können jetzt handeln. Ich bin für jetzt! Ja, das ist hart. Und vielleicht kriegen wir es ja hin, mit täglicher Testpflicht wenigstens Kitas und Schulen offen zu halten. Aber viel mehr Ausnahmen kann und soll es nicht geben. Mit allem "geht nicht" und "Ausnahme" und allen Talkshowweisheiten sind wir da gelandet, wo wir gerade sind. Das muss ein Ende haben. Ich jedenfalls will keinen oberschlauen Landesfürsten mehr sehen, der fünf Minuten nach dem Beschluss das Gegenteil verkündet. Und dickbräsige Bürgermeister gleich gar nicht.

9 Impfen, impfen, impfen

Wir lassen diese zwei bis drei Wochen nicht ungenutzt verstreichen, sondern impfen, bis die Nadel glüht. Und vor allem: Die Vorbereitungen auf intelligente Lösungen für die dann einsetzende Normalität können getroffen werden. Freigetestet und elektronisch nachvollziehbar ins Restaurant, ins Museum, zum Klamottenkauf und was noch alles. Dazu braucht es die nötige App, hinreichende Mengen von Schnelltests und eine gute Idee, wie die am besten verteilt werden.

10 Bundestag und Landtage müssen die Entscheidungen treffen

Darüber entscheidet der Bundestag. Darüber entscheiden die Landtage. Und das Gerede, dass die Parlamentarier ja gar gar keine Einflussmöglichkeiten haben, hört auf. Was auch ganz schön wäre.

Wir haben die Wahl

Die Lage ist verfahren, zum Verrücktwerden, aber nicht aussichtslos. Denn wir haben die Wahl. Wir haben immer die Wahl. Wir können jetzt noch abwarten, bis der absehbare Katastrophenfall wirklich eintritt, bis Menschen sterben, die Panik hochkocht, das Vertrauen in uns selbst ganz und gar zerbricht. Oder wir handeln jetzt. Entschlossen. Und mit einem Ziel. Dass danach diese elende Abfolge von halbgaren und unwirksamen Quälereien endlich aufhört.  

Buten-un-binnen-Kolumnist: "Ich finde die Beschlüsse unfassbar"

Video vom 23. März 2021
Radio Bremen Mitarbeiter Jochen Grabler im Interview im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. März 2021, 19:30 Uhr