Kolumne

Corona-Politik gescheitert: Dann schützt sich eben jeder selbst

Das "Wir"-Gefühl im Kampf gegen Corona ist verflogen. Jochen Grabler sieht nur eine Lösung: Der Staat ist raus. Verantwortlich ist nun der mündige Bürger – mit allen Konsequenzen.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Redakteur Jochen Grabler stellt fest, dass sich die Stimmung im Kampf gegen das Virus gedreht hat.

Die Ü-65-Runde trifft sich wieder. Nach wie vor ist die Bierkneipe am Rande des Marktes geschlossen. Aber die sechs, sieben fröhlichen Zecher haben ihre eigenen Pullen mitgebracht und erfreuen sich der Sonne und intensiver Gespräche – mit 60 Zentimetern Abstand, der Mundschutz baumelt unterm Kinn. Von solchen Runden gibt es einige am Samstagmorgen.

Auch auf dem Markt selbst haben viele die Abstandsregeln glattweg vergessen. Die Frau an der Kasse vom Supermarkt unterhält sich mit ihrer Kollegin über Masken. "Na, ich trag ganz bestimmt keine." Überall im Land wird demonstriert. Gegen "die Maßnahmen", mit dem Grundgesetz in der Hand und Plakaten gegen den großen Weltenlenker Bill Gates vor der Brust. Tausende Hamburger haben die Sonne genossen. Von Abstandsregeln war eher wenig zu sehen. Da stehen wir also gerade.

Gescheitert: Corona-Maßnahmen stoßen nur noch auf Protest

Zu den wichtigsten Übungen dieser Tage zählt die Zähmung der Amygdala. Da sitzt im Gehirn die Angst. Da sitzt die Aggression. Neutraler gesagt: Hier wird eine Situation emotional bewertet. Es ist also sehr hilfreich, die Amygdala so gut es geht in den Urlaub zu schicken und die Welt maximal nüchtern zu betrachten. Beobachte! Bewerte nicht! Vergiss alle Wünsche, in welcher Gesellschaft Du selbst gerne leben möchtest!

Darum ganz nüchtern: Das Experiment, mit einer Mischung aus staatlichem Handeln und Selbstdisziplin die Pandemie in den Griff zu bekommen, ist gescheitert. Jegliche Einschränkung trifft auf massiven Protest und auf eine hinreichende Zahl von Menschen, die sich nicht an die Regeln halten. Ob all das berechtigt ist oder nicht, ist völlig unerheblich. Keine Bewertung, nur eine Beobachtung: Es ist so.

Der große gesellschaftliche Konsens, den es unter dem Eindruck der Bilder aus Italien, Spanien und New York vor einigen Wochen noch gab, hat sich aufgelöst. Das "Wir" gibt es nicht mehr. Das kann man im Parlament genauso gut beobachten wie auf der Straße oder in den Medien.

Corona spaltet unsere Gesellschaft

Das wäre in normalen Zeiten kein großes Ding. Aber die Zeiten sind nicht normal. Unter den Bedingungen der Pandemie ändert diese sogenannte "Stimmung" aber alles. Wir wissen: Die Ausbreitung des Virus kann unter Kontrolle gehalten werden, wenn alle die einfachen Hygiene-und Abstandsregeln einhalten. Man schützt sich, man schützt die anderen. Wenn sich aber 20 oder 30 Prozent verweigern – aus welchen Gründen auch immer – dann kündigen sie einseitig die Solidarität auf. Die Pandemie gerät schon deshalb wieder außer Kontrolle. Und gleichzeitig entsteht eine explosive Lage. Die Gesellschaft spaltet sich in diejenigen, denen der Schutz der Gesundheit am wichtigsten ist und diejenigen, die keine Einschränkungen mehr wollen. Und sich genau so auch verhalten.

Die Wut verbreitet sich gerade noch schneller als das Virus. Man ahnt schon die nächste Welle. Die aktuellen Demonstranten nehmen sich das Recht heraus, auf den Staat wütend zu sein, weil der ihre Freiheit einschränkt. Künftige Demonstranten hätten allen Grund zur Wut, weil der Staat nicht verhindert, dass sich ganze Gruppen nicht pandemiekonform verhalten und damit möglicherweise eine nächste Infektionswelle provozieren. Irgendwann ist jeder gegen jeden. Geht schon los: Warum bloß soll ich mich zum Schutz der fröhlichen Zecher einschränken, wenn die doch auf meine Solidarität pfeifen?

Jeder gegen jeden in der Krise?

Was also tun? Zum millionsten Mal mit der Spritzpistole der Aufklärung und einem Stapel von Forschungsberichten gegen den emotionalen Buschbrand vorzugehen bringt nichts. Mit diesem politischen Angang ist die Kanzlerin gerade krachend gescheitert. Dass jetzt 16 Ministerpräsidentinnen und -präsidenten oder gar Landrätinnen und -räte für sinnvolles staatliches Handeln sorgen sollen, ist ja nicht wirklich der Weisheit letzter Schluss. Zur Erinnerung: In Deutschland gibt es 294 Landkreise.

Gesucht wird vor diesem Hintergrund also eine Neuausrichtung der Corona-Politik insgesamt. Ist es denkbar, dass alle so unterschiedlichen Interessen zu ihrem Recht kommen? Können wir die Gräben in der Gesellschaft wieder zuschütten und die hochkochenden Emotionen eindämmen, bevor sie zu einem Flächenbrand werden?

Ich sehe tatsächlich nur eine Möglichkeit. Der Staat sollte sich weitgehend aus der Welt der Verordnungen, Verbote und Pflichten zurückziehen und diese Verantwortung an die Gesellschaft zurückgeben. Wer sich schützen will, soll als mündiger Bürger selbst für diesen Schutz sorgen. Ansonsten kann alles so sein wie zuvor.

Mit diesem Modus könnten Restaurants wieder öffnen, Konzerte und Fußballspiele wieder stattfinden, geimpft wird, wer will (irgendwann), die Kontaktbeschränkungen wären aufgehoben, Ordnungsämter und Polizei müssten keine Bußgelder mehr aussprechen und so weiter und so fort.

Statt jeder gegen jeden lieber jeder für sich

Wer nun sagt, das wäre der maximale Irrsinn und damit würden wir sehenden Auges in italienische Verhältnisse rennen – mag sein. Ich persönlich gehe fest davon aus, dass wir ohnehin gerade in eine zweite Infektionswelle rennen. Aber ich gebe zu bedenken, dass sich die Welt seit dem Anfang der Pandemie mehrfach gedreht hat.

Im Gegensatz zu den Wochen im März liegen hinreichend Erkenntnisse vor, wie sich Menschen schützen können. Und die sind keine Raketentechnologie. Abstand, Hände waschen, möglichst wenig direkten Kontakt, möglichst keine langen Gespräche ohne wirksamen Atemschutz (FFP3) in geschlossenen Räumen, möglichst keine großen Menschenansammlungen. Das weiß mittlerweile jedes Kind.

Wenn ich also die Hygieneregeln einhalte, bin ich weitgehend geschützt. Wenn ich all diese Regeln nicht einhalte, dann weiß ich, welches Risiko ich eingehe.

Anders ausgedrückt: Ich kann in Restaurants gehen, in der Ostkurve singen, beim pickepackevollen Konzert hopsen – oder ich kann es lassen. Ich kann mich mit jeder Menge Leuten privat treffen und Bussibussi machen – oder auch nicht. Ist meine freie Entscheidung. Die Verantwortung liegt allein bei mir, weil der Staat aus dieser Verantwortung entlassen ist. Ich habe die freie Entscheidung: Virologisches Roulette oder Schutz.

Staat übernimmt nur Schutz derer, die nicht dafür sorgen können

Der Staat würde sich dann nur noch um die Menschen kümmern, die sich nicht selbst schützen können. Das wären zum Beispiel Menschen in Pflegeheimen, die nicht für sich selbst sorgen können. Das wären Kinder in Schulen und Kitas. Das wäre die Organisation des Gesundheitssektors.

Zudem müsste der Staat sicherstellen, dass die Freiheit der einen nicht die Freiheit der anderen massiv einschränkt. Aber das ist zu machen. Wenn der Bus ohne Maskenpflicht kommt, kann ich gerne ein paar Minuten auf den nächsten warten. Der ist dann mit Maskenpflicht. Übrigens: Mit "Maske" wäre die FFP3-Maske gemeint. Die dient dem Selbstschutz. Davon müssten hinreichend viele vorrätig sein. Die Organisation von Arbeitsplätzen nach den Regeln des Infektionsschutzes wäre dann Aufgabe der Unternehmen.

Ziemlich sicher wird das Rechtswesen personell aufstocken müssen. Wenn sich ein Arbeitnehmer weigert, aus Gründen des Infektionsschutzes an einem Teamgespräch teilzunehmen, dann muss eben Recht gesprochen werden. Mal sehen, ob sich Richter eher an wissenschaftliche Studien oder an YouTube-Videos halten.

Selbstverständlich würden damit auch alle staatlichen Wirtschaftshilfen entfallen. Zur Freiheit gehört auch, dass sich der Markt wieder von selbst regelt. Wenn sich dann das eine oder andere Geschäftsmodell nicht mehr halten lässt, dann passiert das, weil sich die Bedingungen verändert haben. Das Schicksal der Gastronomie beispielsweise entscheidet sich nach einer Abstimmung mit den Füßen: Kommen Gäste oder kommen sie nicht? Aber keinesfalls könnte der Staat in die Verantwortung gezogen werden. Und es wäre wieder Frieden im Land. Deal?

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Video vom 7. Mai 2020
Mehrere unterschiedliche Menschen am Weserdeich.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler