Ein "lebendiges Quartier": Streit um Klimaschutzsiedlung in Bremen

Modell einer Wohnsiedlung
Die Pläne für diese Klimaschutzsiedlung an der Konrad-Adenauer-Allee sorgen in der Nachbarschaft für reichlich Zündstoff. Bild: Gete Projekt GmbH

Um die Pläne für ein Wohnquartier in der Vahr erhitzen sich die Gemüter. Anwohner fürchten Schäden an Häusern und an Bäumen. Es geht um eine Klimaschutzsiedlung.

Ein "lebendiges Quartier" entstehe mit der Klimaschutzsiedlung Ecke Ostpreußische Straße/Konrad-Adenauer-Allee. So hat es der Architekt Matthias Rottmann Ende April bei einer digitalen Einwohnerversammlung des Ortsamtes Schwachhausen/Vahr formuliert. Neben einer Seniorenwohnanlage samt Tagespflege und Pflegeheimzimmern soll in der 2,4 Hektar großen Siedlung auch eine Kita entstehen. Hinzu kommen 41 Reihenhäuser und rund 70 teils geförderte, teils freifinanzierte Geschosswohnungen. Ein autofreier Hofgarten im Zentrum des Mehrgenerationen-Quartiers werde "Gemeinschaft und Identität" stiften, so die Idee.

Statt für Gemeinschaft und Identität sorgt das Bauvorhaben derzeit aber vor allem für Streit und Ärger, zumal mit vielen Anwohnern der geplanten Siedlung. In diversen Protestschreiben an das Ortsamt (die buten un binnen vorliegen) machen sie ihrem Ärger Luft. Die Anwohner fürchten etwa, dass sich der Grundwasserspiegel durch den Bau der Siedlung senken wird, und dass in der Folge Schäden an den umliegenden Häusern und am Baumbestand entstehen könnten. Auch das Verkehrsaufkommen in der Region werde infolge des neuen Quartiers drastisch zunehmen, so die Sorge.

Zum Hintergrund: Das betreffende Areal liegt in einem Parzellengebiet. Auf dem Grund ungenutzter Parzellen hat sich hier über die Jahre ein Wald entwickelt, der nun, von geschützten Bäumen abgesehen, weichen soll. Insbesondere die Größe der geplanten Siedlung bereitet einigen Anwohnern Bauchschmerzen. Sie fühlen sich hinters Licht geführt.

Immer größere Pläne?

Animation eines Hofeingangs mit flanierenden Menschen
So stellen sich die Architekten der Büros De Zwarte Hond und Kraftraum den Hof der Klimaschutzsiedlung an der Konrad-Adenauer-Allee vor. Bild: Gete Projekt GmbH

"Der ursprüngliche Bebauungsplan sah 80 Wohneinheiten vor", sagt Anwohner Bernhard Ostertag dazu. "Nun sollen hier 160 bis 180 Wohneinheiten entstehen." Es wäre sinnvoller, leerstehende Büros in der Innenstadt zu Wohnungen umzuwidmen, statt eine Waldfläche für den innerstädtischen Wohnungsbau zu roden. Ostertags Nachbarn Laura und Felix Hoffmann fürchten zudem eine Wertminderung der bestehenden Immobilien in ihrer Nachbarschaft durch den Bau des neuen Quartiers: "Eine Bebauung im präsentierten Umfang lehnen wir ab", haben sie dem Ortsamt Schwachhausen/Vahr daher geschrieben.

Dass im Aufstellungsbeschluss für die Siedlung tatsächlich nur von 80 statt von 150 oder mehr Wohneinheiten die Rede gewesen ist, bestreitet auch Olaf Mosel nicht. Der Geschäftsführer der Gete Projekt GmbH, die die Siedlung plant, betont aber auch: "Wir haben nie gesagt, dass wir nur 80 Wohneinheiten bauen würden." Viel mehr habe sich die konkrete Planung für das Quartier erst aus dem städtebaulichen Wettbewerb heraus ergeben. Genau, wie es üblich sei.

Über den Widerstand gegen das Projekt durch die Anwohner wundert sich Mosel dennoch nicht.

Man kann nirgendwo ohne Gegenwind aus der Nachbarschaft bauen. Dabei sagen alle auch immer: Es wird mehr Wohnraum gebraucht.

Olaf Mosel, Gete Projekt GmbH

"Nicht wirklich verdichtet"

Gerodete Fläche zwischen Laubbäumen
Für Wirbel in der Nachbarschaft der neuen Klimaschutzsiedlung sorgt auch, dass Teile der Fläche bereits gerodet sind. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Nicht nachvollziehen kann Mosel vor diesem Hintergrund die von einigen Anwohnern formulierte Kritik, dass das neue Quartier besonders eng und dicht bebaut werde: "Wir reden hier von 150 oder 160 Wohneinheiten auf etwa 24.000 Quadratmetern. Das ist nicht wirklich verdichtet." Auch entspreche es den baupolitischen Leitlinien Bremens, Wohnungen statt Einfamilienhäuser zu bauen, zumal für eine Klimaschutzsiedlung. Jene an der Konrad-Adenauer-Allee ist bereits die dritte von insgesamt vier in Bremen, die Mosel und sein Team planen.

Zwar sprechen viele Anwohner dem Bauvorhaben die Klimafreundlichkeit ab. Auch, weil es sich bei dem Areal an der Konrad-Adenau-Allee um eine bislang unversiegelte Fläche handelt. Alina Fischbeck von der Klimaschutzagentur Bremer Energiekonsens zeigt sich von dem Projekt dennoch überzeugt. "Es kommt uns vor allem auf niedrige C02-Emissionen an und auf einen langfristig niedrigen Energieverbrauch", erklärt sie die Idee hinter dem Label "Klimaschutzsiedlung". Und für niedrige CO2-Emissionen schaffe die Gete Projekt GmbH im neuen Quartier alle Voraussetzungen.

Auch die mehrgeschossige Bauweise sieht Fischbeck nicht als Nachteil an – im Gegenteil: "Je weniger Fläche eine Person benötigt, desto energieeffizienter. Daher ist eine kompakte, mehrgeschossige Bauweise vorteilhaft und allemal besser als Einfamilienhäuser", sagt sie.

"Noch am Anfang des Verfahrens"

Wie das Mehrgenerationen-Quartier Ostpreußischer Straße/Konrad-Adenau-Allee aber letztlich genau aussehen wird, ist ungewiss. "Wir befinden uns noch am Anfang des Verfahrens", sagt Karin Mathes, Leiterin des Ortsamts Schwachhausen/Vahr: "Es gibt noch keinen Bebauungsplan, sondern einen Planvorentwurf, der jetzt vom Bauressort abgearbeitet werden muss."

Das formelle Beteiligungsverfahren, im Rahmen dessen die Bürgerinnen und Bürger ihre Einwände vorbringen könnten, komme erst noch. Mathes rechnet damit, dass sich die Baudeputation am 30. September mit dem Bauvorhaben befassen werde. Danach würden die Pläne vier Wochen öffentlich ausgelegt, und in dieser Zeit könnten Kritiker ihre Änderungswünsche einbringen.

Davon unberührt rechnet Olaf Mosel damit, dass die Gete Projekt GmbH bis Mitte 2022 das Baurecht für das Areal erhalte und dann mit den Erschließungsarbeiten beginnen könne. 2024 könnten die ersten Einheiten bereits bezugsfertig sein, hofft er. Ortsamsleiterin Karin Mathes hält dieses Zeitmaß allerdings für "sehr ambitioniert" – unabhängig davon, welche Einwände die Anwohner gegen das Projekt noch vorbringen werden.

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Bild: Radio Bremen
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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 28. Mai 2021, 2021