Meinungsmelder

Darum wird echter Klimaschutz uns allen richtig wehtun

Freiwilliger Klimaschutz ist gut gemeint, aber deshalb noch lange nicht gut. Warum laut Bremer Experten nur Gesetze und radikale Preiserhöhungen helfen.

Ein Kupferschwamm, der über einem Wasserhahn hängt.

Wir müssen das Fliegen deutlich verteuern. Vor 30 oder 40 Jahren hätte auch niemand davon gesprochen, dass es quasi ein Menschenrecht ist, zweimal im Jahr nach Südostasien zu fliegen. Das ist ein Ergebnis eines kulturellen Wandels.

Klaus Fichter, Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit, Uni Oldenburg
Was bringen gesetzliche Regelungen für den Klimaschutz?
Für viele Teilnehmer des Radio Bremen Meinungsmelders ist Klimaschutz vor allem dann erfolgreich, wenn Wirtschaft und Industrie ihn ernst nehmen (71 Prozent). Als erfolgversprechend eingestuft werden Verhaltensänderungen jedes Einzelnen von 69 Prozent der Befragten. Demgegenüber glaubt nur die Hälfte an den Erfolg, wenn die Politik nationale Regeln festlegt und Gesetze erlässt. Genau das ist aber aus Sicht von Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema Klimaschutz beschäftigen, besonders wichtig.

Doris Sövegjarto-Wigbers, Umweltkoordinatorin an der Uni Bremen, sagt ohne Umschweife: "Auf freiwilliger Basis passiert gar nichts". Erst wenn Grenzwerte festgelegt würden, ändere sich etwas. Sie ist daher dafür, Kerosin, Benzin und Diesel zu besteuern. Hingegen sollte ihrer Meinung nach der öffentliche Nahverkehr deutlich billiger werden. "Wir müssen die Klimafreundlichkeit über den Preis regeln." Erst dann änderten Menschen ihr Verhalten.

Ähnlich sieht es Klaus Fichter, Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Uni Oldenburg. Er ist dafür, Flugreisen drastisch zu verteuern. "Vor 30 oder 40 Jahren hätte auch niemand davon gesprochen, dass es quasi ein Menschenrecht ist, zweimal im Jahr nach Südostasien zu fliegen. Das ist ein Ergebnis eines kulturellen Wandels. Damit es am Ende eine Verhaltensänderung bei den Menschen gibt, reden wir nicht über eine Verteuerung von zehn Prozent oder ähnlichem, sondern über eine Verdoppelung der Preise." Christian Hamm, der sich am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven mit umweltfreundlichen Bauweisen zum Beispiel im Fahrzeugbau beschäftigt, meint: "Die CO2-Kompensation beim Fliegen sollte verpflichtend sein." Kompensieren kann man den CO2-Ausstoß zum Beispiel über Internetplattformen. Sie vermitteln Spenden an Klimaschutzprojekte weiter.

Durchschnittlicher CO2-Fußabdruck pro Person und Jahr

Durchschnittlicher CO2-Fußabdruck pro Person und Jahr St r om 0,76 t Mobilität 2,18 t Ernährung 1,74 t Heizung 1,64 t 11,61 t CO2 Gesamt:
Quelle: CO2-Rechner Umweltbundesamt Quelle: CO2-Rechner Umweltbundesamt, Stand Januar 2019

Strecken unter drei Kilometern kann man gehen.

Doris Sövegjarto-Wigbers, Umweltkoordinatorin Universität Bremen
Wo gibt es noch Spielraum, etwas fürs Klima zu tun?
"In Deutschland gibt es noch einen erheblichen Verbesserungsbedarf, wenn es um eine klimaneutrale Wärme- und Kälteversorgung von Gebäuden geht. Dänemark und Schweden machen vor, wie es geht. In Schweden wird beispielsweise die Abwärme von Rechenzentren umfangreich genutzt", sagt Klaus Fichter, Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Uni Oldenburg. "In Deutschland wird die Wärme einfach rausgeblasen. Das ist verschwendete Energie." Um dafür zu sorgen, dass Abwärme tatsächlich sinnvoll genutzt wird, müssten Betreiber von Rechenzentren verpflichtet werden, sie ins Energienetz einzuspeisen, erklärt Fichter. Andererseits müsse es aber auch positive Anreize geben, so dass dies für die Unternehmen wirtschaftlich ist.

Auch beim Thema E-Mobilität hätten Länder wie Norwegen Deutschland einiges voraus. Das liege allerdings auch an der wirtschaftsstarken Autoindustrie in Deutschland. "In Deutschland haben wir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren Lobby-Arbeit von den großen Automobilherstellern vom Feinsten erlebt, um die E-Mobilität zu verhindern", wirft er Lobbyisten vor. Der Verband der Deutschen Automobilhersteller (VDA) hingegen kritisierte kürzlich beschlossene CO2-Grenzwerte als unerreichbar. Bis 2030 sollen neue Fahrzeuge europäischer Hersteller 37,5 Prozent weniger Kohlendioxid (CO2) ausstoßen. Für mehr E-Mobilität auf den Straßen müsse es auch mehr Ladestationen geben, die hohen Strompreise schreckten Menschen zusätzlich ab, heißt es von Seiten des VDA. Gewerkschaften sehen außerdem Jobs in Gefahr.

Um in puncto Mobilität klimafreundlicher unterwegs zu sein, gibt es aber auch ganz andere, kleinere Ansätze. Sharing-Angebote machen eigene Fahrzeuge zum Teil überflüssig, doch für das tägliche Pendeln wird dann doch meist darauf verzichtet. Hamburger Entwickler einer neuen App wollen das ändern. Die App berechnet Anfahrten und bezieht dabei auch Sharing-Angebote mit ein. Fichter hält das für einen Ansatz, der Schule machen könnte und vielleicht zu einem Umdenken führt.
Elektroauto wird aufgeladen.
Beim Thema E-Mobilität hat Deutschland Nachholbedarf, finden Experten. Bild: Imago | Jürgen Schwarz
Können wir den CO2-Ausstoß bei Autos nur über den Treibstoff verringern?
Nein. Eine andere Möglichkeit, den CO2-Ausstoß von Fahrzeugen zu verringern, ist es, sie anders zu bauen. "Das Thema Leichtbau hat ein Riesen-Potenzial für die CO2-Einsparung. Leichtere Fahrzeuge verursachen weniger Ausstoß und brauchen weniger Energie", erklärt Christian Hamm. Er leitet die Forschungsgruppe Bionischer Leichtbau am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Die Idee ist, konventionelle Stoffe wie Metall, Kunststoff und Beton zu ersetzen: durch Kunststoffe, die abbaubar sind, durch die Beimischung von natürlichen Stoffen wie Cellulose oder auch durch Kalziumkarbonat."

Für reichlich Kritik sorgt im Rahmen der aktuellen Debatte um Klimaschutz auch der CO2-Ausstoß von Kreuzfahrtschiffen. Auch auf diesem Gebiet sieht Fichter Nachholbedarf. "Flüssiggas ist für den Antrieb von Kreuzfahrtschiffen wesentlich umweltfreundlicher als Schiffsdiesel oder Schweröl. Die Politik müsste konkrete Vorgaben machen, damit die Infrastruktur für das Betanken mit Flüssiggas in den Häfen geschaffen wird."

Eine zentrale Maßnahme wäre hier, die Arbeitszeit zu reduzieren, dann würde auch das Konsumniveau sinken.

Michael Bilharz, Experte für nachhaltige Konsumstrukturen beim Umweltbundesamt.
Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat .
Fleisch sollte aus Klimaschutzgründen nur selten auf den Tisch kommen. Bild: Imago | Chromorange
Worauf müssen wir wirklich verzichten?
Erst einmal die unbequemste aller Fragen: Müssen wir überhaupt verzichten? Die Anwort ist denkbar kurz: Ja. "Wir sollten Fleisch so weit wie möglich vermeiden", sagt Doris Sövegjarto-Wigbers. Ihrer Meinung nach könnte auch das zu Fuß Gehen ein Revival gebrauchen. "Strecken unter drei Kilometer kann man gehen", meint die Umweltkoordinatorin. "Und das Reisen eindämmen. Fernreisen sind hardcore für das Klima." Ein Flug von Deutschland nach New York und zurück verursacht pro Passagier schon bis zu vier Tonnen CO2, sagt Michael Bilharz, Experte für nachhaltige Konsumstrukturen beim Umweltbundesamt.

Bilharz hat eine ganz eigene Haltung zum Thema Verzicht. "Wenn ich auf etwas verzichte, gewinne ich gleichzeitig etwas anderes. Kauft jemand ein Auto, dann sagt auch niemand, 'Jetzt hast du auf 20.000 Euro verzichtet'." Außerdem lässt noch ein anderer Zusammenhang aufhorchen: Je höher das Einkommen, desto mehr CO2 wird verursacht, hat eine Studie des Umweltbundesamtes ergeben. "Eine zentrale Maßnahme wäre hier, die Arbeitszeit zu reduzieren, dann würde auch das Konsumniveau sinken", sagt Bilharz. Also weniger Gehalt gleich weniger Konsum gleich weniger CO2 verursachen? Bilharz selbst teilt sich nach eigener Aussage seine Stelle beim Bundesumweltamt. Daher stelle sich die Frage, ob es nun noch eine Flugreise sein solle, häufig erst gar nicht – weil dafür kein Geld mehr übrig sei. "Wir müssen Tricks im Alltag etablieren, die uns dazu bringen, vernünftig zu handeln, ohne jedes Mal darüber nachzudenken", sagt der Konsumexperte.

Das tut die designierte Umweltsenatorin Schaefer für den Klimaschutz

Maike Schäfer im Gespräch im Studio von buten un binnen.
  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Juli 2019, 19:30 Uhr