Interview

Medizinethiker erklärt: So arbeitet die Bremer Corona-Impfkommission

Der Arzt Klaus-Peter Hermes gehört zur Impfkommission, die in Bremen über vorgezogene Impfungen entscheidet. Er verrät, nach welchen Kriterien dies geschieht.

Notfallmediziner Dr. Klaus-Peter Hermes
Der Arzt Klaus-Peter Hermes leitet die Notaufnahme im Bremer Klinikum Mitte – und sitzt als Medizinethiker in der Bremer Impfkommission. Bild: Gesundheit Nord

Der Bremer Arzt Klaus-Peter Hermes leitet die Notaufnahme am Klinikum Bremen Mitte. Als Medizinethiker ist er darüber hinaus Mitglied der fünfköpfigen Impfkommission, die seit einigen Wochen über Anträge von Bremerinnen und Bremern zur vorgezogenen Impfung entscheidet. Inzwischen sind mehr als 1.000 Anträge eingegangen. Viele davon mussten laut Gesundheitsressort allerdings schon vorab aussortiert werden, weil sie unvollständig waren oder zum Beispiel keine medizinischen Gründe für eine vorgezogene Impfung genannt wurden. Bis Ende Februar wurden 44 Anträge bewilligt und 37 abgelehnt. An diesem Freitag trifft sich die Bremer Impfkommission erneut, um sich zu besprechen.

Herr Hermes, wie läuft eigentlich so ein Freitagstreffen ab?
Zunächst einmal beginnt die Arbeit ja nicht erst am Freitag. Ich kriege die Akten vorher. Für diesen Freitag sind es glaube ich 68, inklusive Bremerhaven. Und das kann man sich ja nicht alles erst am gleichen Tag durchlesen. Das haben wir alle unabhängig voneinander im Laufe der Woche studiert und in Kategorien eingeordnet. Wobei wir allerdings nur die medizinischen Gründe prüfen.
Was sind typische Gründe?
Bei den jungen Menschen sind es vor allem jene mit Transplantationen und Dialysepflichtige. Das sind aber auch Menschen, die Tumore haben und laufende Chemotherapien. Manche haben auch Erkrankungen, die sie schon als Kind hatten, zum Beispiel Lungenprobleme. Bei solchen schweren Vorerkrankungen schauen wir uns das an, und diejenigen bekommen dann auch eine Einladung ins Impfzentrum.
Sind Sie selbst schon gegen Corona geimpft?
Ja, bin ich.
Dann haben Sie, wie andere Bremer Ärzte auch, den Impfstoff von Astra-Zeneca bekommen.
Nein, ich war in der ersten Gruppe, die hat Moderna gekriegt. Aber ich hätte mich heute genauso mit Astra-Zeneca impfen lassen. Welche Impfung, das ist mir vollkommen wurscht, weil der Schutz für uns als medizinisches Personal genauso gut ist.
Über den Astra-Zeneca-Impfstoff hieß es anfangs, er sei bei Älteren kaum wirksam. Hat das Ihre Entscheidungen in der Impfkommission beeinflusst?
Nein. Wir entscheiden ja meist nur, ob eine Impfung vorgezogen wird oder nicht. Ganz selten sagen wir, welcher Impfstoff verwendet werden sollte. Und wenn wir das machen, dann hat das nichts mit der Wirksamkeit, sondern eher mit dem Intervall bis zur Zweitimpfung zu tun. Dieses Intervall ist bei Astra-Zeneca mit zwölf Wochen sehr lang. Und wenn wir sehen, dass jemand in den nächsten drei bis vier Wochen eine Chemotherapie braucht oder eine Organtransplantation ansteht, dann empfehlen wir zum Beispiel eher Biontech, wo das Intervall nur zwei bis drei Wochen beträgt.
Erschwert Corona die Situation schwerkranker Menschen?
In der ersten Welle war das sicherlich schwierig. Da sind auch viele Operationen verschoben worden. Da war die Verunsicherung auch bei den anderen Patienten hoch. Wir haben gemerkt, dass sie seltener zum Hausarzt und in die Klinik gekommen sind. Das ist auch jetzt noch so. In der Notaufnahme haben wir ungefähr ein Fünftel weniger Patientenkontakte als vor der Pandemie. Das gilt zum Beispiel bei Brustschmerz in Richtung Herzinfarkt und vor allem auch bei neurologischen Störungen. Da warten die Patienten länger, bevor sie in die Klinik gehen. Drei oder vier Wochen später kommen sie dann mit einem schweren Schlaganfall – das ist natürlich kritisch. Das erholt sich aber jetzt langsam.
Menschen sitzen auf Stühlen im Impfzentrum.
Menschen warten im Bremer Impfzentrum in den Messehallen auf ihre Impfung. Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich
Wie beurteilen Sie die Lockerungen, die politisch trotz weiter hoher Inzidenzwerte beschlossen wurden?
Verstehen kann ich das schon, ich bin ja auch Bürger. Für uns im Krankenhaus bleiben aber die gleichen Maßnahmen bestehen. Im kritischen Bereich der Intensivmedizin sind zwar alle Mitarbeiter durchgeimpft. Trotzdem arbeiten wir weiter durchgehend mit FFP2-Masken. Wegen der britischen Mutation überlegen wir gerade, alle Mitarbeiter mit FFP3-Masken auszurüsten. Denn wir merken das schon, dass im Moment die Zahlen auf unserer Isolier- und der Intensivstation wieder leicht ansteigen. Das ist deshalb problematisch, weil wir noch immer einen riesigen Stau an onkologischen Operationen haben, für die Intensivbetten gebraucht werden und die wegen der ersten Welle verschoben werden mussten.
Im Krankenhaus können Sie sich Lockerungen also nicht leisten?
Nein. Solange keine Herdenimmunität besteht und wir nur einen Bruchteil der Bevölkerung geimpft haben, und das schließt auch eine Impfquote von zum Beispiel 30 Prozent ein, werden wir im Krankenhaus weiter mit besonderen Schutzmaßnahmen arbeiten. Für Menschen, deren Angehörige auf der Intensivstation liegen, ist das allerdings einschneidend, wenn sie nur eine Person als Kontaktperson ins Krankenhaus schicken können. Da vereinsamen die Patienten. Und das ist auch für unserer Mitarbeiter eine Belastung. Deshalb sind wir da ja auch so hinterher, dass die Impfkampagne endlich Fahrt aufnimmt.

Was bringt die Bremer Corona-Impfkommission?

Video vom 5. März 2021
Eine Frau bekommt eine Impf-Spritze in den Oberarm.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. März 2021, 19:30 Uhr