Lohnerhöhungen sorgen für Streit bei Kita-Bremen

Erzieherinnen und Erzieher in sozial schwachen Stadtteilen bekommen in Bremen künftig mehr Lohn. Das sorgt für Unmut in der Belegschaft.

Zu sehen ist ein Erzieher mit drei Kindern um ihn herum.

Erzieherinnen und Erzieher bekommen in Bremen ab 1. April mehr Gehalt. Bis zu 440 Euro zusätzlich im Monat. Doch von der Gehaltserhöhung profitieren nur jene, die in sozial schwachen Stadtteilen arbeiten. Das sorgt für große Unruhe bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Kita-Bremen. Einige haben Versetzungsanträge gestellt. Sie wollen in Einrichtungen arbeiten, in denen sie mehr verdienen können.

Vor zwei Wochen schien die Freude groß zu sein. Senat, Personalrat und Gewerkschaft waren sind einig: Mehr Geld für Erziehende mit schwierigen Tätigkeiten ist eine gute Sache. In Bremen herrscht Fachkräftemangel. Bewerber werden verzweifelt gesucht. Mehr als 100 Stellen sind in den Einrichtungen von Kita-Bremen zurzeit unbesetzt. Die Lohnerhöhungen sollen dabei helfen, Arbeitsplätze an Brennpunkten wie der Grohner Düne oder in sozial schwachen Stadtteilen wie Tenever attraktiver zu machen. Je nach geleisteten Arbeitsjahren liegt die Lohnerhöhung zwischen 50 und 440 Euro im Monat. Laut des Bremer Senats profitieren davon 41 städtische Betriebe mit rund 630 Mitarbeitenden. Dies seien rund 57 Prozent der Beschäftigten.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Pfiffe und Buh-Rufe bei Personalversammlung

Aber nicht alle sind über diese Gehaltserhöhung glücklich. Denn rund 40 Prozent der Mitarbeitenden gehen dabei leer aus. Auf einer Personalversammlung am vergangenen Freitag soll es hoch hergegangen sein. Über 1.000 Mitarbeitende von Kita-Bremen kamen im Pier 2 zusammen. Silvia Streibl beschreibt die Stimmung vor Ort als "brodelnden Vulkan". Sie ist pädagogische Fachkraft an einem Kinder- und Familienzentrum im Bremer Süden. Ihren Angaben nach kam es während der Redebeiträge zu Pfiffen und Buh-Rufen. "Für uns war das eine schlimme Situation. Hier werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt". Sie fühlt sich erpresst: Entweder bekommen jetzt einige mehr Lohn oder gar keiner. Streibl sagt: "Wir haben Angst, dass die Stadtteile so gegeneinander ausgespielt werden."

Auch Renate Drews sieht die Belegschaft gespalten. Sie ist Leiterin des Kinder- und Familienzentrum Fritz-Gansberg-Straße in Schwachhausen. Einem Stadtteil, der als nicht belastend für Erziehende eingestuft wird.

Ich empfinde es als absolutes Unding, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei gleicher Qualifikation, in der gleichen Stadt, beim gleichen Arbeitgeber, unterschiedlich bezahlt werden sollen.

Frau mit blonden Haaren, dahinter sind zwei Bildschirme zu sehen.
Renate Drews, Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Fritz-Gansberg-Straße

Die Belastung sei auch in ihrer Einrichtung groß. Sie seien am Limit was die Ausstattung und das Personal angeht. Unterstützung bekommt sie von Christian Gloede, dem Landessprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er sagt: "Regel-Kitas in Schwachhausen oder Horn bekommen weniger Personal. Jetzt kommt noch eine unterschiedliche Bezahlung dazu." In Brennpunkteinrichtungen seien ein Großteil des Tages zwei Erziehende für 20 Kinder verantwortlich. In den Regel-Kitas sei es nur eine Fachkraft. Er sagt: "Das ist keine Neiddebatte, sondern eine Frage der Wertschätzung."

Unruhe in der Belegschaft

Und da diese Wertschätzung über die Lohnabrechnung geschieht, stellen nun Mitarbeitende Versetzungsanträge. Sie wollen in anderen Stadtteilen arbeiten. In Einrichtungen, in denen sie besser bezahlt werden. Der Geschäftsführer von Kita-Bremen, Wolfgang Bahlmann, gibt zu: "Wir haben eine große Unruhe in der Belegschaft." Große Sorgen machen ihm diese Versetzungsanträge aber nicht. Neben der Lohnfrage würden die Angestellten auch auf einen wohnortnahen Arbeitsplatz achten.

Unsere Beschäftigten schauen nicht nur aufs Geld, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen.

Kopf eines Mannes, der vor einem bunten Bild sitzt.
Wolfgang Bahlmann, Geschäftsführer Kita-Bremen

Und diese sind in allen Kitas anspruchsvoll, räumt Annette Kemp ein. Sie ist Pressesprecherin der Bildungssenatorin und sagt: "Die Lohnerhöhung für die Erziehenden in Kitas mit schwierigem Umfeld halten wir dennoch für gerechtfertigt. Wohlgemerkt als ersten Schritt für eine Besserbezahlung aller Erziehenden." Irgendwo müsse man anfangen und die Einrichtungen in einem schwierigem Umfeld seien eben besonders hoch. Sie sagt: "Diesem Umstand wollen wir mit einer besseren Eingruppierung Rechnung tragen." Eine Rechnung über rund 2,82 Millionen Euro. Bezahlt wird sie aus dem Budget der Senatorin für Kinder und Bildung. Ab 2020 wird mit einem Mehrbedarf von rund 4,8 Millionen Euro pro Jahr gerechnet.

Grit Wetjen ist Personalratsvorsitzende von Kita-Bremen. Sie kündigt an: Diese Lohnrunde war nur der erste Schritt.

In den kommenden Verhandlungen wird es darum gehen, welche weiteren erzieherischen Tätigkeiten mehr Gehalt bekommen.

Frau sitzt an einem Schreibtisch
Grit Wetjen, Personalratsvorsitzende Kita-Bremen

Dazu könnten Mentoren gehören, die Auszubildende betreuen oder Mitarbeitende, die Integrationsarbeit mit behinderten Kindern leisten. Die Lohnerhöhungen sollen den Beruf attraktiver machen. Doch mit Geld allein ist es nicht getan, sagt Christian Gloede. Er nennt die Lohnerhöhung: "Schmerzensgeld". Geld alleine helfe den Erzieherinnen und Erziehern nicht.

Wir brauchen eine bessere Personalausstattung und kleinere Gruppen in den Kitas. Das würde die Kollegen entlasten und hätte bessere Lerneffekte bei den Kindern.

Mann mit rotem Schal.
Christian Gloede, GEW Bremen

Mehr zum Thema:

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. März 2019, 19:30 Uhr