Kolumne

Wenn der Druck zu groß wird – Ihr Kinderlein kommet…

Schneller als geplant sollen Kinder in Bremen in Kitas und Schulen zurückkehren. Der Druck wurde zu groß, analysiert Radio Bremen Regionalchef Frank Schulte – Infektionsschutz hin oder her.

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Feiern ja, Kinderbetreuung nein? Der Druck auf die Politik wurde zu groß, analysiert Radio Bremen Regionalchef Frank Schulte. Bild: Radio Bremen

Schon ganz früh am Donnerstagmorgen meldete sich Bürgermeister Andreas Bovenschulte bei Twitter und reagierte auf harsche Kritik: "Partys erlaubt – Kitas dicht, wie passt das zusammen?" Bovenschulte reagierte sachlich, inhaltlich, so, wie er sich das selbst in den letzten Wochen für sein Krisen-Management auferlegt hatte. Man könne in Kitas ab einer Gruppengröße von acht bis zehn Kindern eben keinen Mindestabstand mehr einhalten. So ehrlich solle man doch bitte sein in der Debatte, schrieb Bovenschulte. Ein korrekter und wichtiger Hinweis.

Genau das galt als das Riesenproblem in den Kitas. Genau darum spaltete sich der Virologe Christian Drosten auf die Frage, ob er finde, dass Kitas wieder öffnen sollten, in zwei Rollen auf: Als Privatperson ja, sagte Drosten. Als Virologe schwieg er. Diese elegante Strategie kommt vielleicht noch so eben für einen Wissenschaftler infrage, für einen Politiker, der gewählt ist, um zu entscheiden, ist sie untauglich.

Wie rote Linien verschoben werden

Die Hygiene- und Abstandsregeln, das ist der Kern von allem, was angesichts der immer weitergehenden Lockerungen übrig bleibt. Gebetsmühlenartig hatte Bovenschulte immer wieder darauf hingewiesen. Es war bislang völlig klar: Diese Hygiene- und Abstandsregeln, die werden politisch auf keinen Fall preisgegeben. Nirgendwo. Das ist die rote Linie.

Doch als es der Bürgermeister noch mit sachlichen Argumenten probierte, war längst klar: Das kriegt der Senat politisch nicht mehr zusammen gehalten. Was seit Wochen gärt, das könnte jetzt bei Eltern und Elternvertretern zum Überkochen führen. Zu mächtig wurde dieser scheinbare Gerechtigkeitsgegensatz von "Ihr erlaubt Partys und lasst die Kitas zu!". Dazu kam die Ankündigung von Niedersachsens Kultusminister, früher als geplant die Kitas wieder öffnen zu wollen. Nur eine Ankündigung, wohlgemerkt. Wäre aber langsam peinlich geworden, wenn Bremen wieder nur hinterhergedackelt wäre.

Viel Druck auf dem Kessel im Rathaus

Bei aller Orientierung am sachlichen Argument, wenn es um politische Stimmung geht, hat natürlich auch der Bürgermeister alle Antennen ausgefahren. Er muss gespürt haben: Das können wir so nicht laufen lassen. Da muss etwas passieren. Infektionsschutz hin oder her – da fliegt uns politisch gerade etwas um die Ohren. Mal sehen, wie wir die rote Linie verschieben können.

Die Nöte vieler Eltern sind absolut nachvollziehbar. Da geht um sie herum die "neue Normalität" los und diese Eltern sind mit ihren Kindern nicht wirklich dabei. Fühlen sich da ausgeschlossen, nicht gesehen. Total verständlich. Und politisch natürlich brandgefährlich. Die Feinheiten vermitteln sich da nicht mehr. Dass Bremen zum Beispiel über eine stark ausgeweitete Notbetreuung schon heute einen nicht ganz kleinen Anteil von Kindern in den Kitas betreut – damit muss man dann in einer solch polarisierten Debatte nicht mehr kommen. Die Eltern wünschen sich dieses: Normalität. Alle Kinder in die Kitas, bitte.

Politisches Signal mit Risiko

Was es also schnell brauchte war ein politisches Signal: Seht, wir ringen auch untereinander, wir wollen schnell einen weiteren Schritt machen. Da nehmen wir jetzt auch in Kauf, dass sich ziemlich viele offene Fragen mit Blick auf Infektionsschutz und Personal stellen. Ob das plötzliche politische Manöver erfolgreich sein wird, ist nämlich keine ausgemachte Sache. Das Personal in den Kitas und Schulen muss mitmachen. Nichts wäre schlimmer, als ein Proteststurm, der in massenhaften Krankmeldungen mündet. Vielleicht bietet der Senat in diesen Einrichtungen jetzt ja verstärkt symptomunabhängige Coronatests an?

Und auch den Eltern muss klar sein, dass es Normalität weiterhin nicht geben wird – nur etwas mehr Spielraum. Von Regelbetrieb kann weiterhin überhaupt keine Rede sein.

Radio Bremen Regionalchef Frank Schulte

Die Reaktion auf die Kita-Debatte zeigt, wie politisch heikel das Agieren in der Corona-Pandemie ist. Es ist ein Hochseilakt, ein einziges jonglieren, abwägen und ausgleichen. Interessengruppen hier, Erfordernisse des Infektions- und Gesundheitsschutzes da. Nach dem entschlossenen, sehr weitgehenden staatlichen agieren zu Beginn der Pandemie, ist momentan Rückzug angesagt. Selbst die rote Linie des Infektionsschutzes ist in Bremen heute ein ordentliches Stück Richtung Lockerung verschoben worden. Es bleibt nur noch das ganz scharfe Schwert: Leute, wenn das alles nicht klappt, verschärfen wir die Maßnahmen ganz schnell wieder!

Und bis dahin passt bitte jeder noch ein bisschen mehr auf sich selbst auf. Auch das gehört zur neuen Normalität.

Alle Kinder wieder in die Kita – das fordert ein Bremer Mediziner

Video vom 25. Mai 2020
Die Erzieherin Naira Petrosyan in der KiTa hinter ihr ein Kindergarten Kind.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Mai 2020, 19:30 Uhr