Interview

Kneipe, Hotel? Was würden Sie aus diesen Bremerhavener Kirchen machen?

Blick in eine Kirche. Links und rechts stehen braune Holzbänke. Am Ende des Ganges sind ein Altar und ein Kreuz zu erkennen.
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Drei Kirchen stehen in Bremerhaven zum Verkauf. Wird jetzt das ein oder andere vom Gotteshaus zur Kneipe? Kann die jetzt jeder erwerben? Und darf da alles rein?

"Ungewöhnliche Immobilie mit Platz für kreative Ideen" – so oder so ähnlich könnten die Immobilienanzeigen auf den einschlägigen Internetportalen in den kommenden Monaten lauten. Die Matthäus-Kirche in Geestemünde, die Lukas-Kirche in Leherheide und die Martin-Luther-Kirche in Wulsdorf sollen verkauft werden. Susanne Wendorf, seit 2006 Superintendentin des zuständigen evangelisch-lutherischen Kirchenkreises, erklärt die Hintergründe und verrät, was aus den Kirchen einmal werden könnte.

Frau Wendorf, warum sind die Kirchen zu verkaufen?
Wir haben 16 Kirchen insgesamt. Die Matthäus-Kirche zum Beispiel stammt aus den 60er-Jahren, das war die Zeit, als der Kirchenkreis Bremerhaven ungefähr 90.000 Mitglieder hatte. Wir sind heute bei einem Stand von 38.000 und werden 2035 nur noch 21.000 Mitglieder haben. Wir verlieren im Kirchenkreis jedes Jahr knapp 1.000 Menschen, die Hälfte durch den demografischen Wandel und die andere Hälfte einfach durch Austritte. Dann weiß man einfach, wenn man sich die Zahlen anguckt, dass dieses Kleid einfach zu groß geworden ist und wir diese Gebäude aufgeben müssen, weil wir sie nicht mehr unterhalten können. Und es war eben auch klar, dass man die Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert erstmal nicht so schnell aufgibt, sondern eher die, die eben in den 60er- und 70er-Jahren gebaut wurden.
Eine Frau steht in einer Kirche.
Susanne Wendorf ist seit 2006 Superintendentin des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck
Was könnte aus den Kirchen werden?
Bei der Matthäus-Kirche ist erstmal naheliegend, dass wir mit dem Diakonischen Werk Bremerhaven verhandeln, weil das Pflegeheim Elisabeth-Haus praktisch drumherum liegt, ob die mit dem Gebäude noch was anfangen können, wie zum Beispiel für betreutes Wohnen. Wohnungen kann ich mir vorstellen. Ich habe auch von einer Kirche in Hannover gelesen, in die Wohnungen für Studenten eingebaut worden sind. Die Kirche ist noch erkennbar, aber es ist eben eine andere Nutzung. Da braucht man einfach Fantasie. Ein Restaurant bietet sich jetzt von der Gegend her nicht so an. Ich glaube, hier ist nicht so viel Kundschaft, die hier essen gehen würde. Wir sind eben nicht mitten auf dem Marktplatz. Kann auch sein, dass sie ganz abgerissen werden und man etwas völlig anderes macht – dass es einfach der Bauplatz ist. Wir werfen sie sozusagen auf den Markt, und dann gucken wir mal, wer da Ideen entwickelt.
Wer entscheidet letztendlich, was aus den Kirchen wird?
Letztlich entscheidet das die Kirchengemeinde hier vor Ort. Wir haben jetzt nicht den absoluten Zeitdruck, aber es sollte einfach in nächster Zeit geschehen.
Was würden Sie sich wünschen?
Ich fände es schön, wenn zum Beispiel der Altarraum der Matthäus-Kirche weiterhin ein Andachtsraum auch für das Elisabeth-Haus sein könnte, man praktisch die Kirche auf ein Minimum beschränkt vorne. Aber ansonsten habe ich auch nicht so viele Ideen. Wie gesagt: Wohnungen einzubauen finde ich von der Gegend her fast am sinnvollsten. Ansonsten kenne ich Büchereien und Hotels in Kirchen. Und in England war ich mal in einem Supermarkt in einer ehemaligen Kirche. Bei der Bücherei, die ich gesehen habe, habe ich gedacht, dass das eine gute Nutzung ist, das passt irgendwie. Hotel fand ich befremdlich, da war die Bar dann praktisch im Altarraum. Das war ein bisschen merkwürdig.
Was sollen die Kirchen denn kosten?
Das kann ich nicht sagen. Wir müssen noch klären, wie viel die wert sind.
Wie wird der Verkauf ablaufen?
Es werden praktisch Anzeigen aufgegeben: Wer möchte die Kirche kaufen? Und dann müssen wir gucken. Es müssen aber seriöse Angebote sein. Man muss jetzt Ideen und Fantasie haben, was man damit machen kann.
Blick auf einer rotes Backsteingebäude mit Turm.
Die Matthäus-Kirche ist eine von drei Kirchen, die in Bremerhaven zum Verkauf stehen. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Wie haben die Gemeindemitglieder auf den bevorstehenden Verkauf reagiert?
Es gibt hier einige, die mit diesen Kirchen groß geworden sind, die hier getauft worden sind, konfirmiert worden sind, geheiratet haben. Das ist natürlich schmerzlich, dass dann dieses Gebäude nicht mehr da ist. Aber diese Kirchen sind eben einen Kilometer von anderen evangelischen Kirchen entfernt. In den 60er-Jahren hat man diese große Dichte gebraucht, weil eben so viele Menschen da waren. Und die sind jetzt eben nicht mehr da.
Sie selbst wirken so gefasst...
Ja, ich sage es einigermaßen gelassen. Wir geben die Gebäude auf, nicht die Kirche. Das Wichtige sind eben nicht die Gebäudeerhaltungen, sondern den Glauben zu leben. Wir dürfen uns nicht an diese Gebäude hängen, wir sind eine Kirche des Wortes, und das geht eben auch an weniger Orten und auch draußen. Wir schränken uns zu sehr ein, wenn wir unser Geld dafür ausgeben, die Gebäude zu unterhalten, das geht nicht. Für mich ist es einfach: Es gab diese 90.000 Mitglieder in Bremerhaven, davor waren es weniger und jetzt sind es wieder weniger. Und man muss eben den Bedarf anpassen. Der Unterhalt so einer Kirche kostet eben auch. Und ich glaube, hier in der Stadt ist das noch einfacher, die Wege zur nächsten Kirche sind kurz. Alle Kirchenkreise verlieren Mitglieder und sind aufgefordert, ihren Bedarf zu prüfen. Und ich glaube, es ist schon nochmal was anderes, wenn man eine Dorfkirche zu macht. Das wird noch schwieriger.
Machen Ihnen die vielen Kirchenaustritte Angst?
Nein, Angst machen sie mir nicht. Ich warte auf den Zeitpunkt, wo dann klar ist: Jetzt haben wir den Stand an Christinnen und Christen erreicht, die sagen, dass sie zur Kirche stehen. Und dann muss man einfach das Drumherum anpassen. Ich bin überzeugt, dass weiter Gottesdienste gefeiert werden und dass Menschen sich von Liebe und Gott begeistern lassen. Das bleibt.

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Video vom 18. Dezember 2020
Über einem Eingang steht in golderner Schrift "Haus der Kirche".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Leonard Steinbeck
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 17. Juni 2021, 8:40 Uhr