Kinder in Suchtfamilien: "Da wird jemand kommen und dich rausholen"

Jenny ist sieben, da kommt sie in eine Pflegefamilie. Ihre Mutter ist alkoholkrank. Das Bremer Programm "Eltern Plus" kümmert sich um Kinder mit ihren besonderen Nöten.

Kind schaut auf die in einer Weinflasche gefangene Mutter (Illustration).
In Bremen gibt es das Programm "Eltern plus", damit suchtkranke Eltern und ihre Kinder eine bessere Chance auf einen gemeinsamen Alltag haben. Bild: Imago | Ikon Images

Rund drei Millionen Kinder leben in Deutschland mit suchtkranken Eltern unter einem Dach. Nicht selten sind diese Kinder Opfer von Vernachlässigung und Gewalt. Häufig entwickeln sie in ihrem Leben selbst Suchtprobleme und andere psychische Erkrankungen. Das Bremer Programm "Eltern plus" des Trägers Comeback kümmert sich um diese Familien, begleitet und berät sie und versucht, ihnen so die Chance auf ein gemeinsames Leben als Familie zu geben.

Als Kind die Kinder versorgen

Jenny* ist sechs Jahre alt und will unbedingt getauft werden. Über die Schule hat sie erfahren, dass es da jemanden geben soll, der Gott heißt und sie hört, wenn sie betet. "Ich dachte 'na gut, dann versuchst du das mal'", erzählt die heute 35-Jährige, "weil irgendwie läuft das alles so scheiße bei dir zu Hause."

Auf jeden Fall war ich irgendwie beruhigter, zu wissen: 'da wird jemand kommen und dich rausholen.'

Jenny, Tochter eine alkoholkranken Mutter

Jennys Mutter ist schon lange Alkoholikerin und nicht in der Lage, sich um das Mädchen und ihre beiden Brüder zu kümmern. Ihr gewalttätiger Vater ist schon seit ein paar Jahren nicht mehr da. Jenny muss früh auf eigenen Beinen stehen, sich um den Haushalt kümmern und für sich und ihre Brüder sorgen. Unterstützung von außen gibt es für die Familie damals keine.

Heute gibt es zumindest Angebote für suchtkranke Eltern. Bei "Eltern plus" arbeitet Wiebke Buscher. Gemeinsam mit ihrer Kollegin berät und begleitet die Sozialarbeiterin rund 30 suchtkranke Familien von der Schwangerschaft bis zum zweiten Geburtstag des Kindes.

Kindeswohl an erster Stelle

"Als Sozialarbeiterinnen schauen wir, was im Rahmen des Kindeswohls möglich ist: Wie können Eltern mit ihren Kindern zusammenleben? Was braucht es dafür?" erzählt Buscher. Manchmal richtet sie in Kooperation mit dem Jugendamt eine sozialpädagogische Familienhilfe ein, die die jungen Eltern im Alltag unterstützt. Manchmal ist eine stationäre Therapie das erste Mittel der Wahl. Und manchmal ist aber auch klar, dass es keine gemeinsame Zukunft geben wird und das Kind nach der Entbindung in einer Pflegefamilie untergebracht wird.

Am Anfang muss Sozialarbeiterin Buscher oft erst einmal Vertrauen aufbauen. Denn mit dem Jugendamt, das von "Eltern plus" immer eingeschaltet werden muss, sind häufig Ängste verbunden.

Die kommen hier an und der zweite Satz, den die sagen, ist, ich habe totale Angst vor dem Jugendamt, die nehmen mir die Kinder weg, und ich habe überhaupt keine Chance.

Wiebke Buscher, Sozialarbeiterin

Hier geht es darum, den Eltern zu vermitteln, dass sie auch Rechte haben und dass mit ihnen gemeinsam besprochen und geklärt wird, was für das Kind, aber auch sie als Vater und Mutter das Beste ist. Ob die Kinder dann aber tatsächlich bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, hängt sehr von der individuellen Situation ab und davon, wie stark die Sucht ausgeprägt ist.

In erster Linie haben Kinder ein Recht auf cleane Eltern. Es geht einfach darum, dass Kinder Anspruch haben auf Eltern, die jederzeit - auch nachts - da sind und auf ihre Bedürfnisse reagieren können. Und das kann man einfach nicht, wenn man nach wie vor konsumiert.

Wiebke Buscher, Sozialarbeiterin

Viele Kinder, deren Eltern nicht den Weg zu einem Angebot wie "Eltern plus" finden, rutschen aber durchs Raster. Wie viele Familien in Bremen betroffen sind, lässt sich nicht einmal schätzen. "Eltern plus" begleitet rund 30 Familien. Doch die Dunkelziffer sei wahrscheinlich riesengroß, schätzt Wiebke Buscher.

Die Pflegefamilie als Rettung

Jenny hatte damals Glück im Unglück. Sie kam in die Pflegefamilie und konnte so geschützt aufwachsen. Heute kann sie mit ihrer Mutter über die Vergangenheit sprechen.

Sie hat scheiße gebaut, das wissen wir beide, sie konnte in dem Moment nicht anders, deswegen kann ich ihr nicht böse sein. Und ich habe sie unheimlich lieb, das kommt hinzu. Es ist egal, was sie mir angetan hat – und da waren einige schlimme Dinge bei. Ich habe sie lieb.

Jenny, Tochter eine alkoholkranken Mutter

Wie Alkoholsucht den Arbeitsalltag beeinflusst

Eine Flasche Wodka.

Autorin

  • Katharina Mild

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Februar 2020, 14:10 Uhr