Psychologe warnt vor "lebenslangen Schäden" durch Smartphones

Kinder sollten nicht mit Smartphones alleingelassen werden, sagt der Bremer Medienpsychologe Thorsten Fehr. Sie würden sonst wichtige Entwicklungsschritte verpassen.

Ein junges Mädchen sitzt gemütlich auf dem Sofa und schaut einen Film auf einem Smartphone
Kinder und Jugendliche müssen noch lernen, was im Netz okay ist und was nicht. Dabei brauchen sie viel Unterstützung von ihren Eltern. Bild: Imago | Mint Images

Der Medienpsychologe Thorsten Fehr ist aufgebracht, denn das Thema Kinder und Smartphones liegt ihm am Herzen. Für ihn ist klar: "Wer sein Kind mit einem Smartphone alleine lässt, begeht einen eklatanten Verstoß gegen die Aufsichtspflicht." Der Chef des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, hatte jüngst dafür plädiert, Kindern frühestens mit elf Jahren ein Smartphone zu geben. Fehr hält von solchen Altersempfehlungen nichts. Sein Motto: "Je später, desto besser."

Wir als Eltern haben dafür zu sorgen, dass unsere Kinder nur altersgemäße Inhalte zu sehen bekommen. Das ist eine große Erziehungsaufgabe.

Thorsten Fehr, Medienpsychologe Uni Bremen

Seine Warnung geht dabei in zwei Richtungen: Zum einen hätten Eltern dafür zu sorgen, dass Kinder nur altersgemäße Inhalte zu sehen bekommen. Gewaltverherrlichende Videos, pornografische Bilder, diskriminierende Sprüche, datenklauende Websites: Im Netz seien all diese Inhalte auch für Kinder und Jugendliche verfügbar und ganz sicher machen lasse sich surfen nie – auch nicht mit technischen Sperren.

Außerdem hält Fehr das Internet ganz grundsätzlich für eine "massive Droge". Die ständige Verfügbarkeit beeinträchtige die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Im Moment würden wir als Gesellschaft die jungen Menschen sich selbst überlassen – mit dramatischen Folgen.

Ständige Verfügbarkeit könnte Entwicklung beeinträchtigen

Fehr warnt davor, dass Kinder sich zu wenig bewegen und nicht mehr lernen, Dinge selbst zu tun oder sich über längere Strecken einer Sache zu widmen. Die Folgen seien Kurzsichtigkeit und Krankheiten wie ADHS. Schon jetzt könne er diese Auswirkungen in seinen Vorlesungen an der Uni Bremen bei den Studierenden sehen. Diese könnten sich keine eineinhalb Stunden mehr konzentrieren, ohne auf ihr Smartphone zu schauen. Der Medienpsychologe sieht Kinder und auch Jugendliche so sehr in Gefahr, dass er sagt: "Das ist ein großer gesellschaftlicher Fehler." Und: "Da müssen wir zivilgesellschaftlich gegensteuern."

Kinder müssen erst leben lernen.

Thorsten Fehr, Medienpsychologe Uni Bremen

Keine einheitlichen Regeln an Bremer Schulen

Bisher gibt es für Eltern keine verbindlichen Regeln – und noch nicht einmal einheitliche Empfehlungen – was den Umgang mit Smartphones angeht. In Bremen regelt das jede Schule selbst. Meist müssen die Geräte während des Unterrichts im Flugmodus sein. Doch ob und wie das kontrolliert wird, ist unterschiedlich. Uwe Lütjen, Schulleiter der Oberschule Findorff, sagt: "Wir kriegen die Handys nicht mehr aus der Welt." Deshalb sei jede Schule gezwungen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Allein den Umgang mit Whatsapp hat Schulsenatorin Claudia Bogedan (SPD) per Dienstanweisung geregelt: In Bremen dürfen Schulen den Messenger-Dienst nicht nutzen, um Schulisches zu kommunizieren. Dafür gibt es die Plattform "Itslearning". Dort können Lehrerinnen und Lehrer Hausaufgaben hochladen und Schüler sich im gemeinsamen Chat austauschen. Auch Eltern haben Zugriff auf die Plattform.

Mädchen tippen in auf ihren Handys
"Alle anderen haben aber auch ein Smartphone", ist für den Bremer Medienpsychologen Thorsten Fehr kein Argument. Bild: Imago | Bildgehege

In Findorff haben die Schülerinnen und Schüler vor drei Jahren selbst eine Nutzungsordnung ausgehandelt: Für die Unterstufe sind Smartphones außerhalb des Unterrichts tabu. Ab der achten Klasse durften die Jugendlichen sie auf dem Schulhof und den Gängen nutzen. Doch nach einem Jahr gab's eine selbstgewählte Verschärfung: Seitdem dürfen erst Neuntklässler ihre Smartphones in den Pausen nutzen – und das auch nur in den Klassenräumen. Den Älteren war nämlich negativ aufgefallen, dass die Jüngeren auf dem Schulhof sich nicht mehr bewegten, sobald Smartphones im Spiel waren.

Medienpsychologe empfiehlt feste Medienzeiten

Der Medienpsychologe Thorsten Fehr empfiehlt feste Medienzeiten und -orte. Er selbst habe für seine Söhne zuhause einen Medienraum. Dort können die beiden ausgewählte Filme und Dokumentationen anschauen und – zu festgelegten Zeiten – den Computer nutzen. Fehr rät Eltern dringend, ihre Kinder zu begleiten, wenn diese Medien nutzen. Es gehe nicht darum, jede Nachricht zu lesen und jeden Schritt zu überwachen, sondern gemeinsam über das zu sprechen, was die Kinder sehen und erleben. Als Ausgleich sollten sie sich so viel wie möglich bewegen, denn: "Zur Bewegung gibt es keine Alternative, um kognitive Fähigkeiten auf höchstem Niveau zu halten", sagt Fehr.

Die Eltern müssen das vorleben. Kinder tragen sonst lebenslange Schäden davon.

Thorsten Fehr, Medienpsychologe Uni Bremen

Selbst für Jugendliche sei ein Smartphone oft keine gute Idee, so der Medienpsychologe. Um im Notfall die Eltern zu erreichen, könnten Kinder auch ein Handy ohne Smartfunktion nutzen. So lasse sich der Internetkonsum auf stationäre Geräte begrenzen – und so bleibe mehr Zeit, um sich dem Leben offline zu widmen. Das gelte für Eltern im Übrigen genauso wie für Kinder.

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Autorin

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. November 2019, 23:30 Uhr