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Darum finden Händler die Bonpflicht absurd – das Umweltressort nicht

Bei jedem Kauf müssen Händler, Friseure und Bäcker ab 2020 einen Kassenzettel ausgeben. Sie befürchten Müllberge und hohe Kosten. Das Bremer Umweltressort sieht Chancen.

Eine Hand hält einen Kassenbon und Kleingeld.
Ab dem 1. Januar 2020 gilt auch in Deutschland die Bon-Pflicht – in Ländern wie Italien, Belgien oder Österreich ist das schon länger so. Bild: Imago | Blickwinkel

Aus "Brauchen Sie den Kassenbon?" wird auch in Bremen ab Januar 2020 "Hier ist Ihr Kassenbon!". Ganz egal, ob Käufer gerade ein Brötchen oder einen Fernseher erworben haben. Grund dafür ist die neue Belegausgabepflicht, die ab 2020 in ganz Deutschland gilt. Die Bonpflicht ist eine Maßnahme des Bundesfinanzministeriums für mehr Transparenz und weniger Steuerbetrug. Viele Kritiker sehen dagegen Müllberge und ein Bürokratie-Monster auf sich und Bremer Betriebe zurollen.

Allein in Bäckereien fallen in ganz Deutschland durch die neue Regelung pro Jahr fünf Milliarden zusätzliche Bons an. Ausgerechnet hat das der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks.

Bremer Filialen produzieren nach dieser Rechnung zusätzliche Bons im oberen zweistelligen Millionenbereich.

Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Bremer Bäcker-Innung

Schiebe bezeichnet die neue Regelung nicht nur aus Gründen der Müllvermeidung als "totalen Humbug". In vielen Bäckereien gehe es schon jetzt zu wie im Taubenschlag. "Bons für jedes verkaufte Brötchen zu erstellen, ist natürlich ein zusätzlicher Zeitaufwand und steuerrechtlich gesehen Quatsch", so Schiebe.

Bessere Kassensysteme statt Bon-Flut

Auch die Vertreter des Fleischerhandwerks erkennen hinter dem Argument der besseren Steuerüberprüfung durch Kassenbons keinen Sinn. Schon jetzt werde jeder Verkauf in allen elektronischen Kassensystemen fälschungssicher registriert, sagt Bernd Schwarze von der Bremer Fleischer-Innung. "Dazu zusätzliche Bons herauszugeben, ist doppelt gemoppelt", sagt Schwarze.

Politiker jeder Couleur sprechen immer von Umweltschutz und weniger Bürokratie für Bürger und Betriebe – und jetzt kommt so was.

Bernd Schwarze, Bremer Fleischer-Innung

Der Fleischer-Innung gehören in Bremen 17 Betriebe mit zirka 35 Filialen an. Genau wie Bäckereien befürchten auch die Fleischer einen erheblichen Mehraufwand, der zusätzlich zur allgemeinen Dokumentationspflicht auf die Betriebe zukäme.

Chancen durch digitale Bezahlung

Das neue Gesetz bietet aber Alternativen zum ausgedruckten Kassenbon: Den Kaufbeleg elektronisch zu übermitteln, zum Beispiel per E-Mail oder über eine App, ist durchaus möglich. In dieser Option sieht auch das Bremer Umweltressort Chancen, denn auch das Bezahlen per Handy nehme immer stärker zu, sagt Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne).

Wenn in dem Zuge der Kassenbon künftig digital direkt rückübermittelt oder als Mail übersandt wird, hätten wir mit der Bonpflicht womöglich sogar einen Anstoß, gedruckte Bons ganz zu vermeiden. Ob das also eine riesige Umweltsauerei wird, wage ich zu bezweifeln.

Maike Schäfer blickt in die Kamera.
Maike Schaefer, Umwelt-Senatorin Bremen

Kassenbons gehören in den Gelben Sack

Gelbe Säcke auf einem Haufen.
Ein Fall für den Gelben Sack: Kassenbons gehören wegen ihrer besonderen Beschichtung nicht in den Papiermüll. Bild: DPA | Patrick Pleul

Auch wenn die Politik digitale Alternativen als Weg der Zukunft sieht, rechnen die Handerwerker-Innungen und der Handelsverband Nordwest zunächst mit einem dramatischen Anstieg des produzierten Mülls. Wie praktikabel digitale Alternativen sind, sei aufgrund der komplizierten Datenschutzlage zumindest fragwürdig. Wie viel zusätzlicher Papiermüll ab Januar 2020 auf Bremen zukommt, kann das Umweltressort nach eigenen Angaben aus Datenschutzgründen nicht sagen.

Erst kürzlich meldete das Umweltbundesamt (UBA): Nie zuvor haben Deutsche so viel Verpackungsmüll wie derzeit produziert. Das UBA beruft sich dabei auf Zahlen aus 2017. Bis dahin folgte auch Bremen diesem Trend, aber zumindest im Bereich der Leichtverpackungen ist dieser in Bremen seit 2018 wieder leicht rückläufig. In diese Müll-Kategorie gehören auch Kassenbons. Sie werden in der Regel auf Thermopapier gedruckt, haben eine spezielle Beschichtung und sind deshalb ein Fall für den Gelben Sack oder den Restmüll.

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Ausnahmen bei der Bonpflicht

Die Bremer Verbraucherzentrale sieht der anstehenden Veränderung gelassen entgegen. Viele Geschäfte druckten auch jetzt schon Kassenbons aus, außerdem beinhalte die Bonpflicht auch einige Ausnahmen für Betriebe ohne elektronisches Kassensystem.

Wer auf dem Domshof mittags eine Suppe isst, wird auch in Zukunft wahrscheinlich keinen Bon dafür bekommen.

Nicole Mertgen-Sauer, Bremer Verbraucherzentrale

Eine große Veränderung werde man in Bremen wahrscheinlich gar nicht spüren, so Mertgen-Sauer. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, die zusätzlichen Kassenbons als Vorteil zu sehen und zu nutzen, zum Beispiel in der besseren Kontrolle der eigenen Ausgaben.

Umstrittenes Thermopapier

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland '(BUND) bewertet die Bonpflicht aus ökologischer und gesundheitlicher Sicht als "bedenklich und völlig sinnfrei". Denn das Thermopapier enthält Bisphenol A – ein Stoff, den man zum Beispiel auch auf Dosenbeschichtungen findet. Dieser sei sehr kritisch zu bewerten, sagt Rolf Buschmann vom BUND. "Es hier gibt eine klare hormonelle Wirksamkeit, wir wollen solche Stoffe vom Markt haben und nicht noch mehr von ihnen."

Auch das Umweltbundesamt warnt vor Bisphenol A, das als "besonders besorgniserregender Stoff" eingestuft wurde und deshalb ab 2020 als Beschichtung von Thermopapier nicht mehr zugelassen ist. Als Ersatz ist Bisphenol F vorgesehen. Buschmann ist skeptisch, ob der Ersatzstoff wirklich harmlos ist. Der gelernte Chemiker warnt vor den möglichen Folgen solcher Stoffe, wie Unfruchtbarkeit bei Männern oder eine verfrüht einsetzende Pubertät bei Kindern. "Es ist ja nicht nur das Bisphenol aus Kassenbons, dem wir ausgesetzt sind", sagt Buschmann. Die Summe mache am Ende den Unterschied.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Hallo Niedersachsen, 20. November 2019, 19:30 Uhr