Interview

Hauptsache reden! Wie Bremer Eltern ihren Kindern gerade helfen können

Zwangsstörungen und Probleme in der Schule: Der Lockdown setzt Kindern besonders zu. Sind sie deshalb alle krank? Nein, sagt ein Psychiater und erklärt, was zu tun ist.

Ein jugendliches Mädchen guckt traurig beim Homeschooling (Symbolbild)
Homeschooling ist für Kinder und Jugendliche auch deshalb so schwer, weil sie den direkten Kontakt zu Gleichaltrigen brauchen. Bild: Imago | MiS

Etwa jedes dritte Kind zeigt während des laufenden Lockdowns psychische Auffälligkeiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Uni Hamburg. Auch Marc Dupont, einer von zwei Chefärzten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost, beobachtet, wie sehr gerade jungen Menschen die Kontaktbeschränkungen zu schaffen machen. Doch das sei normal, sagt der 54-Jährige. Wichtig sei jetzt ein offener Umgang damit.

Mann, Anfang 50, mit Brille lächelt in Kamera
Rät Bremer Eltern, offen zu ihren Kindern zu sein und das Gespräch zu suchen Kinder- und Jugendpsychiater Marc Dupont. Bild: Gesundheit Nord
Die Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat in der Pandemie großen Zulauf. Welche Störungen und Probleme beobachten Sie am häufigsten bei den Heranwachsenden?
Zunächst einmal: Es fällt auf, dass wir viel stärker angefragt werden als im ersten Lockdown. Zu uns kommen insbesondere junge Frauen mit Essstörungen, außerdem Patientinnen und Patienten mit schweren Zwangsstörungen und auch solche, die ein sogenanntes schulmeidendes Verhalten zeigen. Das sind junge Menschen, die im Prinzip gern in die Schule gehen wollen, aber den Weg dorthin nicht mehr schaffen und aufgrund der spezifischen Beschulungssituation wie Homeschooling den Anschluss in der Schule verpasst haben.
Worauf führen Sie das zurück?
Darauf, dass die Stimmung eine andere ist als beim ersten Lockdown. Da dachte man weithin noch: Das schaffen wir alle gemeinsam und im Sommer wird es eine Lösung geben. Inzwischen aber hat sich die Ausnahmelage verstetigt. Es ist klar, dass wir mit der Pandemie noch länger zu tun haben werden. Dadurch hat sich die Situation für die jungen Menschen objektiv und subjektiv verschlechtert.
Können Sie das erklären?
Es gibt im Prinzip drei Säulen, auf denen ein junger Mensch sein Leben aufbaut. Das ist zum einen der engere Familienkreis, zum anderen die Schule. Als Drittes kommt alles hinzu, was mit Freizeit zu tun hat: Freunde, Hobbys, Sport, das Experimentieren mit besonderen Situationen, Liebesbeziehungen. Wenn Sie nun von den drei Standbeinen eines Tischs zwei wegziehen, fällt der Tisch um. Das ist zwar ein zugegebener Maßen arg physikalisches Bild. Aber es soll zeigen, wie belastet junge Menschen gerade sind. Ihnen sind mit der Freizeit und der Schule zwei Standbeine im Wesentlichen weggebrochen.
Bleibt der engere Familienkreis...
Und der ist gerade häufig auch nicht gerade unbelastet und fröhlich unterwegs. Da wird nicht der nächste Urlaub geplant. Sondern die Mutter macht eventuell Homeoffice. Und der Vater hat Angst, seine Arbeit zu verlieren. Vielleicht ist auch noch ein kleines Geschwisterlein da, das nicht in den Kindergarten gehen kann. Und vielleicht sind auch die Räumlichkeit zuhause nicht so, wie wir es uns meist wünschen. Schon spitzt sich auch im Familienkreis die Situation zu.
Niemand weiß, wie lange es noch so oder so ähnlich weiter gehen wird. Was können wir tun, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen?
Man muss sich zunächst klar machen: Nicht alles, was nicht gut läuft, ist gleich eine psychische Erkrankung. Da ist zwar jetzt viel die Rede von der COPSY-Studie der Uni Hamburg zu den Corona-Auswirkungen auf Kinder im zweiten Lockdown. Die Studie sagt, dass fast ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen Symptome einer psychischen Erkrankung zeigen. Das finde ich problematisch. Ich denke, man sollte nicht alles pathologisieren. Manche Verhaltensweisen in einem System, das gerade völlig durcheinander ist, sind auch normal. Dass man wackelt, wenn man statt dreier Standbeine nur noch eines hat, ist normal.
Trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie kann man helfen?
Man sollte unbedingt erst einmal miteinander reden, aus dem eigenen Herzen keine Mördergrube machen! Eltern sollten ihren Kindern beispielsweise ruhig sagen: "Mein Tag war heute wirklich nicht besonders gut, es lief nicht so bei der Arbeit im Homeoffice. Ich würde gern mal wieder mit meinen Kollegen zusammensitzen."
Und dann?
Dann, wenn man sich ausgetauscht hat, sollte man Absprachen miteinander treffen: präventiv überlegen, was man tun kann, wenn es mal kracht. Man kann zum Beispiel – gerade in engen Wohnverhältnissen – überlegen, wie man sich Auszeiten verschaffen kann, wer wann welches Zimmer nutzen darf. Wer wann mal mit wem spazieren geht, damit der andere auch mal allein zuhause sein kann. Oder, wer wann welchen Computer nutzen darf.
Gutes Stichwort. Sie haben kürzlich gesagt, dass man dieser Tage den intensiven Umgang vieler junger Menschen mit Smartphones, Computern und soziale Medien nicht verteufeln solle. Doch vor der Seuche haben noch viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen genau davor gewarnt. Weshalb nun diese Kehrtwende?
Ich würde hier gar nicht von einer Kehrtwende sprechen. Es ist einfach so: Vielen Jugendlichen bleibt das derzeit als einzige Möglichkeit, um den Kontakt zueinander zu halten. Die Alternative war noch vor zwei Wochen, sich bei minus fünf Grad mit einer Maske im Gesicht auf dem Schulhof zu treffen, um eine halbe Stunde zitternd um die Tischtennisplatte zu laufen. Das haben erstaunlich viele getan! Und das zeigt natürlich, wie hoch die Bedeutung von Beziehungen zu Gleichaltrigen für junge Menschen ist. Und wenn das eben nur sehr eingeschränkt möglich ist – Gruppentreffen gar nicht – ist die Möglichkeit des digitalen Austauschs immer noch deutlich besser als nichts.

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Video vom 24. Mai 2020
Graues Schattenspiel: Zwei weibliche Personen mit langen Haaren.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. Februar 2021, 23:30 Uhr