Interview

So wollen Bremer Studenten Jugendliche zum Wählen bringen

Nicht mal ein Drittel der Gröpelinger Jugendlichen ist 2015 wählen gegangen. Bremer Studenten wollen sie zur Wahl motivieren – mit Workshops, Politikern und Pizza.

Ein Mann wirft seinen Stimmzettel in eine Wahlurne.
Im Mai wird eine neue Bürgerschaft gewählt. Studenten der Hochschule Bremen wollen Jugendliche motivieren, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Bild: DPA | Frank Rumpenhorst
Frau Bothfeld, Sie sind die Leiterin des Projekts "Youkon – Gestalte deine Zukunft!", das heute zum ersten Mal im Nachbarschaftshaus Helene Kaisen stattfindet. Was darf man sich darunter vorstellen?
Die Idee stammt von unseren Studierenden und entstand im Rahmen eines Seminars des Internationalen Studiengangs Politikmanagement an der Hochschule Bremen. Mit Blick auf die anstehende Bürgerschaftswahl haben sie sich vorgenommen, junge Leute im Alter von 15 bis 25 Jahren einzuladen und einen Tag lang nicht nur Workshops mit ihnen zu machen, sondern auch den Kontakt zu Politikern der antretenden Parteien herzustellen. Das allerdings nicht in trockenen Vorträgen, sondern in einem tatsächlichen Austausch. Dort sollen die Jugendlichen ihre Erwartungen und Bedenken im Hinblick auf die Bremer Politik äußern können. Die Studierenden erhoffen sich, dass dabei die Leidenschaft für Politik, wegen der sie den Studiengang belegen, auch ein Stück weit auf die Teilnehmenden überspringt.
Silke Bothfeld ist Professorin für Politikmanagement an der Uni Bremen
Silke Bothfeld ist Professorin für Politikmanagement an der Hochschule Bremen. Sie leitet das Projekt, an dem seit Oktober 2018 insgesamt 20 Studenten arbeiten. Bild: privat
Warum konzentriert sich das Projekt auf Gröpelingen?
Das hat einerseits den Grund, dass wir mit dem Nachbarschaftshaus Helene Kaisen kooperieren, in dem die Veranstaltung auch stattfindet. Andererseits haben wir in politikwissenschaftlichen Untersuchungen von Bremen festgestellt, dass in den Ortsteilen, in denen eine hohe Armut, Arbeitslosigkeit und Quote an Leistungsbeziehern vorhanden ist, die Wahlbeteiligung besonders gering ist. Gröpelingen ist einer dieser Stadtteile, und er fällt von allen tatsächlich am stärksten auf, wenn man sich die Zahlen der letzten Bürgerschaftswahlen anschaut. 2015 sind nur 37,3 Prozent der Gröpelinger wählen gegangen. Bei den Jugendlichen lag die Beteiligung bei nicht mal einem Drittel. Wir haben das Wahlrecht ab 16, aber es wird kaum genutzt. Genau da möchten die Studierenden ansetzen.
Die Problematik ist nicht neu, und es gibt schon viele Programme, Projekte und Angebote, die sich der Rückgewinnung junger Wähler verschreiben. Was ist bei "Youkon" anders?
Es hat mehrere Ursachen, dass sich so viele Jugendliche nicht mehr für Politik interessieren. Genau deswegen möchten wir die Messlatte erst mal ganz niedrig hängen. "Politik für Anfänger" ist da das Schlagwort. Deshalb haben sich die Studierenden bemüht, Parteivertreter zu organisieren, die "zum Anfassen" sind.
Was meinen Sie mit "zum Anfassen"?
Dass die Teilnehmer mit ihnen ganz grundlegend über Politik reden können, sie ihnen gegenüber aber auch ihre Bedarfe äußern können. Denn das, das denken wir, ist ganz wichtig: Dass die jungen Menschen merken, wie wichtig es ist, dass sie ihre Bedarfe äußern, und was für eine Chance darin besteht, dass sie es schon in einem jungen Alter tun können. Denn einer der Hauptgründe, warum Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadtteilen wie Gröpelingen kaum bis kein Interesse an der Politik haben, ist das Gefühl, dass für sie nichts getan wird. Und das ist oft auch berechtigt. Gerade diese kommunalen sozialpolitischen Aufgaben sind bei uns meist befristet und in Programmform, und die Politik, die Stadt, die ist für die Leute kaum sichtbar. Die Politiker sind zu weit weg. Und auch hoffen wir, mit dem Format einen ersten kleinen Schritt entgegensetzen zu können. Den Parteivertretern diesen Auftrag zu verdeutlichen, dass auch auf der kleinen Ebene das Gefühl da sein muss: Da hört jemand zu und da passiert was.
Es ist die Jungfernfahrt des Projekts, für den Fall, dass es erfolgreich ist und viele junge Leute anzieht: Darf man im nächsten Jahr noch mal mit einem solchen Tag rechnen?
Wahrscheinlich sogar schon im nächsten Semester. Die Studierenden haben bei dem Projekt eine unglaubliche Energie entwickelt, sie waren in Gröpelingen Klinken putzen und haben mit den entsprechenden Akteuren gesprochen, haben die Politiker dazu geholt, die Workshops vorbereitet. Und dafür gesorgt, dass wir mit den 40 bis 50 Teilnehmern, die wir erwarten, am Ende noch zusammen Pizza backen können. Einige von den Studierenden wohnen eben auch in Gröpelingen. Da merkt man, dass ihnen das Projekt sehr am Herzen liegt. Wir planen noch mehr, wie zum Beispiel einen kleinen Wahl-O-Mat für Gröpelingen.

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  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Januar 2019, 19.30 Uhr