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Schwere Vorwürfe gegen Bremer Jugendhilfeträger

"Kinder werden schikaniert, eingeschüchtert und systematisch kaputtgemacht." Das werfen zwei Ex-Mitarbeiter ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der Initiative für Kinder, Jugendliche und Familien vor.

Video vom 3. November 2020
Die EIngangstür einer Hilfseinrichtung. Darauf die Aufschrift "Kommunikations-, Betreuungs- und Beratungszentrum Initiativa... zur sozialen Rehabilitation e.V.".
Bild: Radio Bremen

Kinder, die ohne Regeln leben. Pädagogen, die nur zuschauen: Das sind Vorwürfe von zwei ehemaligen Mitarbeitern der intensivpädagogischen Wohngruppe Feuerwache in Hemelingen, die von der Initiative für Kinder, Jugendliche und Familien, kurz IKJF-GmbH, betrieben wird.

Drei Dreizehnjährige stromern durch Hemelingen und sammeln Kippen auf, aus deren Tabakresten sie sich später auf ihrem Zimmer Zigaretten stopfen. Belege finden sich auf Handyvideos. "Schule ist was für Schwule" lautet der Slogan unter den Kids in der sogenannten intensivpädagogischen Wohngruppe Feuerwache der IKJF-GmbH. Von den Kindern hier geht keiner mehr hin. Dabei erinnert sich die Diplompädagogin Petra Guder noch an die Anfänge der Einrichtung im Frühsommer 2019, als sie öfter aus beruflicher Neugier für das neue Projekt hier zu Besuch war.  Und auch die Verhältnisse bei ihrer Einstellung am 1. Dezember 2019 hat sie gut in Erinnerung, als zwei Kinder in der ehemaligen Hemelinger Feuerwache wohnten, die nach eigenem Konzept eigentlich Platz hat für sieben 12- bis 17-Jährige. "Als die Kinder hier ankamen, gingen sie alle noch zur Schule, keins rauchte oder nahm Drogen," sagt Petra Guder .

Um die Einrichtung irgendwie voll zu machen, seien im Sommer 2020 dann praktisch wahllos Kinder aufgenommen worden, ohne auf die Gruppenzusammensetzung zu achten, berichtet Petra Guder. Die Pädagogin, die auch diplomierte Kriminologin ist, beschreibt, wie ihr im Juli 2020 die Augen aufgingen, als andere Mitarbeiter das Kippensammeln der 12- und 13-Jährigen gar nicht so schlimm fanden: "Da gingen bei mir die Alarmsignale an. Auch als in der Crew allen Ernstes die Diskussion geführt wurde, dass Rauchen doch zuzulassen." Die Einrichtung kippt in dieser Zeit aus ihrer Sicht endgültig. Als sie einen Zehnjährigen zu seiner Case-Managerin begleitet und der eingeschüchterte Junge da erklärt, dass er nie wieder zurück will in die Feuerwache, ist der Junge erst einmal gerettet und Petra Guder ihren Job los.

"Die Rechte der Kinder werden mit Füßen getreten"

Semir Celik fliegt vor einer Woche raus. Auch er sagt von sich, dass er die Zustände in der Feuerwache nicht mehr mit seinem Gewissen als Erzieher vereinbaren konnte: "Die Rechte der Kinder werden mit Füßen getreten. Sie werden schikaniert, eingeschüchtert und systematisch kaputtgemacht, indem man diese Kinder auf sich alleine gestellt lässt." Er spricht von Internet- und Spielsucht, Drogen, Alkoholkonsum, zeichnet ein Bild der Verwahrlosung und belegt das mit Fotos, die er in den Zimmern der Kinder gemacht hat. Er ist sicher, dass die IKJF in der Feuerwache die Fürsorge- und Erziehungspflicht Schutzbefohlener verletzt.

Celik wundert sich wie seine ehemalige Kollegin Petra Guder nicht, dass das Landesjugendamt dem Treiben keinen Riegel vorgeschoben hat: Guder kann bezeugen, dass der erste Besuch einer Delegation des Landesjugendamtes in der Einrichtung vom Amt lange angekündigt worden war. Celik weiß gleiches von der zweiten Kontrolle zu berichten, eine dritte soll das Landesjugendamt für den 11. November planen – auch davon weiß man laut Celik und Guder in der Feuerwache und bereitet sich, die Einrichtung und die Bewohner entsprechend vor. "Dann ist alles Pikobello und einen Tag später geht es schlimmer weiter als zuvor", so Guder.

Sozialbehörde will Vorwürfe prüfen und aufklären

Der Träger wollte sich heute zu den Vorwürfen seiner ehemaligen Mitarbeiter nicht äußern. Die Zeit sei für eine Überprüfung der Dokumente nicht ausreichend. "Ich werde mich zu gegebener Zeit, nachdem ich Ihren Beitrag im Fernsehen gesehen habe, dazu schriftlich äußern“, mailt Sven Bechtolf, Geschäftsführer der IKJF.

Die Sozialbehörde reagierte ebenfalls schriftlich. "Die erhobenen Vorwürfe sind schwerwiegend. Sie werden derzeit im Ressort umfassend geprüft und lückenlos aufgeklärt. Ein erstes Ergebnis wird der zuständigen Deputation für Soziales, Jugend und Integration am Donnerstag vorgelegt, aus Gründen des Sozialdatenschutzes in nichtöffentlicher Sitzung", erklärt Behördensprecher Bernd Schneider.

 

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Video vom 30. Oktober 2020
Zwei Männer sitzen in einem Raum, im Vordergrund ein Pooltisch.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Volker Kölling Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. November 2020, 19:30 Uhr