Interview

Bremens Freizeitheime geöffnet – nur die Jugendlichen fehlen noch

Fast drei Monate mussten Bremer Jugendfreizeitheime geschlossen bleiben. Im Interview spricht eine pädagogische Mitarbeiterin über die möglichen Folgen und die Wiedereröffnung.

Eine dunkelhaarige Frau steht neben einem Baum vor einem Jugendfreizeitheim.
Jennifer Bartels hofft, dass trotz der Abstandsregeln und neuen Änderungen die Jugendlichen weiter in die Freizis kommen.

Mitte März hieß es für alle Jugendfreizeiteinrichtungen: Geschlossen – auf unbestimmte Zeit. Im Shutdown waren die Jugendlichen auf sich allein gestellt. Seit Dienstag hat das Freizi Vahr in der Bispinger Straße wieder geöffnet. Die pädagogische Mitarbeiterin Jennifer Bartels spricht über die möglichen Folgen der Schließung und ihre Erwartungen an die ersten Tage.

Frau Bartels, was erhoffen Sie sich von den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung?
Wir hoffen, dass ein paar Jugendliche wiederkommen. Wir haben letzte Woche angekündigt, dass wir ab heute wieder geöffnet haben und dass die Jugendlichen kommen können. Wir müssen aber erst mal herausfinden, was unsere Jugendlichen machen wollen. Die bestimmen bei uns mit. Wir wollen ein Ort sein, der von den Jugendlichen gestaltet wird, wo sie sich wohlfühlen.
Wir können uns Tischtennis oder Wikinger Schach vorstellen oder Dinge, die man draußen und mit viel Abstand machen kann. Ich bekomme auch schon erste Anfragen über soziale Plattformen. Es ist schwierig jetzt zu sagen, ob die Jugendlichen mit den neuen Regeln klarkommen: Anmelden und dann kommen. Der Kontakt ist da und es wird nur anders werden in der nächsten Zeit. Wir stellen uns auf die neuen Bedingungen ein.
Was ist bei der Wiedereröffnung anders?
Wir haben für unser Freizi ein Hygienekonzept – auf der Grundlage der Verordnung der Freien Hansestadt Bremen und befolgen auch die Empfehlungen des RKIs. Das wichtigste für uns: Händewaschen und Abstand halten. Aber auch die Gruppengrößen haben wir reduziert und für jeden Raum festgelegt, wie viele Leute da gleichzeitig rein dürfen.
Wenn ich anfange zu arbeiten, mache ich alle Türen auf und öffne Fenster, sodass eigentlich keiner etwas anfassen muss. Wir warten am Eingang und kontrollieren, wer hier reingeht – unsere Jugendlichen müssen sich in eine Liste eintragen. Die normalerweise 'offene Tür' ist bei uns gerade geschlossen. Nur so können wir überprüfen, wer bei uns ein- und ausgeht. Das ist bei anderen Freizeiteinrichtungen, mit denen ich in Kontakt stehe, ähnlich.
Welche Angebote könnten trotz Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen angeboten werden?
Wir haben eine 80 Quadratmetergroße Halle, da könnten vier Leute rein. Da könnten wir zum Beispiel einfach auf ein Tor schießen oder beim Basketball nur Körbe werfen. Nachhilfe geht nur noch zu zweit – genau wie Playstation. Im Tonstudio darf nur noch einer Musik machen. Einer kann rappen, singen oder Beats machen – unser Mitarbeiter nimmt das auf und produziert kurze Songs. Normalerweise stehen da viele Jugendliche und gucken zu, das geht nun nicht mehr. Die Vahr an sich hat keine Musikschule.
Als ihr geschlossen hattet, wie seid ihr als Jugendfreizeiteinrichtung mit den Jugendlichen in Kontakt geblieben?
Viele melden sich auf Instagram. Wir haben versucht den Kontakt dort zu halten. Oder ich bin durch den Stadtteil gelaufen und habe draußen versucht mit unseren Jugendlichen in Kontakt zu kommen.
Vielen war echt langweilig. Manche haben auch aus religiösen Gründen gefastet, denen schien es etwas leichter zu fallen ohne Schule.
Aber viel kriegt aus den Jugendlichen nicht raus in so einem Moment. Meine Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen ist: Wenn man sie direkt fragt bekommt man keine direkte Antwort. Wenn ich aber etwas mit denen mache – Kartenspielen oder irgendwas anderes, kommt ein Satz von der Seite. Da wollen sie erzählen und so funktionieren unsere Angebote, so kommen wir ins Gespräch.
Wir haben auch Video-Meetings angeboten – das hat gar nicht funktioniert. Das ersetzt nicht das normale Gespräch. In so einer Runde erzählen die nicht, wie es ihnen wirklich geht. Danach blieb immer die Frage: Wann können wir uns denn wieder so treffen? Die wollen schon den Kontakt, aber nicht über Video.
Sind die Jugendlichen trotzdem gekommen?
In meinem Büro kann ich auf den Eingangsbereich schauen und sehe, wenn da Jugendliche kommen, manche rufen laut oder schmeißen Steinchen ans Fenster. Manche sind auch gekommen. Manche haben mir erzählt, dass sie trotzdem rausgehen und sich treffen – gerade die älteren. Es haben sich drei Jugendliche am Gummiplatz getroffen, die haben alle eine Anzeige kassiert und mussten jeweils 105 Euro bezahlen. Mich haben sie dann gefragt, ob das ins Führungszeugnis bekommt und sowas.
Welche Auswirkungen hat die Schließung der Jugendfreizeiteinrichtungen?
Wir sind in Kontakt geblieben, aber die Langzeitauswirkungen sieht man noch gar nicht. Viele haben in der Vahr nicht den Luxus von einem Haus oder einer Mehrzimmerwohnung und einem eigenen Garten. Unsere Jugendlichen haben oft ihre kleine Wohnung in einem Hochhaus, alles ist sehr beengt, vielleicht gibt es einen kleinen Balkon. Aber die Eltern haben nicht die Möglichkeit mal raus zu fahren in den Bürgerpark oder in den Wald. Wie das für unsere Jugendlichen war? Vielleicht erzählen sie uns das, aber wir wissen es nicht.
Unsere Grundhaltung im Freizi ist: Wir haben da Bock drauf – egal welche Regularien gelten. Wir sind motiviert und freuen uns auf den Austausch und wir wollen das auch transportieren: Das ist gerade eine komische Zeit, aber auch die geht vorüber.

So lief der erste Schultag seit dem Corona-Lockdown in Bremen

Video vom 27. April 2020
Ein Klassenzimmer mit drei Schülerinnen, die getrennt und mit Abstand von einander am Tisch sitzen.

Autorin

  • Marike Deitschun

Dieses Thema im Programm: buten un binnten, 3. Juni 2020, 19:30 Uhr