Infografik

Könnte Landwirtschaft in Bremen auch ohne Pestizide funktionieren?

Ein Traktor verteilt Flüssigdünger auf einem Feld (Archivbild)
Bild: Imago | Countrypix
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Pestizide machen unsere Form der Landwirtschaft möglich – und sichern damit unsere Ernährung. Doch die Gifte bedrohen auch unsere Gesundheit und zerstören die Umwelt.

Pflanzenschutz-Mittel, sogenannte Pestizide, gehören für die Landwirtschaft in Deutschland dazu. Knapp 90 Prozent der Bauern betreiben konventionelle Landwirtschaft – und setzen solche Gifte auf ihren Flächen ein. Sie helfen dabei, den Ertrag zu steigern – und sind so maßgeblich daran beteiligt, unsere Ernährung sicherzustellen. Doch ihr Einsatz hat auch einen Preis.

Wie funktionieren Pestizide?
Pestizide sind Mittel, die Ackerpflanzen vor ungewollten Wildpflanzen, Insekten, Pilzen oder Viren schützen. Sie werden flüssig versprüht oder als Granulat verstreut. Die Tiere, Pflanzen oder anderen Organismen, die damit in Kontakt kommen, sterben. In Deutschland sind laut Umwelt-Bundesamt knapp 290 verschiedene Wirkstoffe zugelassen und gut 930 Mittel, die auf diesen Wirkstoffen basieren.

Pestizidverwendung in Zahlen

Pestizide Darstellung
Wer setzt Pestizide wo ein?
Der Absatz von Pestiziden lag in den vergangenen Jahrzehnten bei rund 30.000 Tonnen pro Jahr. Seit 2017 wird etwas weniger verkauft. Gut 27.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel waren es laut Bundes-Umweltamt 2019. Die meisten Pestizide landen auf landwirtschaftlichen Flächen, nämlich durchschnittlich knapp neun Kilogramm pro Hektar. Das hat das Bundes-Umweltamt berechnet.

500 Tonnen verteilen Hobbygärtner aber auch in Privatgärten, schätzt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) – viele davon mit dem Glyphosat-Wirkstoff. Martin Rode vom BUND in Bremen findet das viel zu viel – und besonders riskant. Denn niemand reglementiere, was damit im Garten passiert. "Wir sind der festen Überzeugung, dass die Abgabe von Pestiziden an Privatleute eingestellt werden muss", sagt Rode. In Frankreich ist das schon geschehen: Seit 2019 dürfen Privatleute dort keine Pestizide mehr kaufen.

Der größte Einzelverbraucher von Glyphosat war bis 2016 laut Handelsblatt übrigens die Deutsche Bahn. Sie setzt Pestizide ein, um die Schienen frei zu halten. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben schon angefangen, den Einsatz zu reduzieren. Ab 2023 will die Bahn ganz auf Glyphosat verzichten.
Welche negativen Folgen haben Pestizide?
Pestizide werden bei uns vor allem eingesetzt, um einen wirtschaftlichen Vorteil zu haben. Dank der Pestizide haben Bauern mehr Ertrag. Das Problem: Die Pestizide wirken nicht nur gegen einzelne Insektenarten oder Kräuter, die als Schädlinge angesehen werden. Sie töten auch andere Insekten und Pflanzen, die damit in Kontakt kommen. Wenn aber bestimmte Pflanzen fehlen, verlieren Insekten ihre Lebensgrundlage. Ohne Insekten fehlen Vögeln und anderen Kleintieren die Nahrung. Die Artenvielfalt geht insgesamt zurück. Ein prominentes Beispiel: das Bienensterben.

Auch für die Böden selbst können Pestizide zum Problem werden. Wenn Organismen im Boden absterben, kann das dazu führen, dass die Böden langfristig weniger fruchtbar sind oder erodieren. Wenn Pestizide versickern, können sie außerdem ins Grundwasser gelangen – und so auch wieder auf Lebensmitteln und in unseren Körpern landen. Bei einer Langzeitstudie des Umweltbundesamts wurden Glyphosat-Rückstände bei bis zu 60 Prozent der Teilnehmer im Urin nachgewesen. Ob das gesundheitsschädlich ist – darüber streiten sich die Experten.
Geht es auch ohne Pestizide?
Bio-Landwirte müssen ohne chemisch-synthetische Gifte auskommen. Allerdings setzen sie oft alternative Mittel ein: im Obst- und Weinbau zum Beispiel Kupfer. Zu viel davon im Boden ist auch nicht gut – und das Bundesamt für Risikoforschung empfiehlt, die Menge zu reduzieren. Andere Mittel, die Biobauern einsetzen, sind zum Beispiel Schwefel, Bienenwachs oder Pflanzenöle.

[Wenn wir auf bio umstellen würden,] würden wir deutlich weniger ernten. Die Hälfte bestimmt weniger. Das ist ein finanzieller Einbruch, wenn man keinen finanziellen Ausgleich von außen bekommt.

Eckart Hoehne, konventioneller Landwirt in Bremen-Hemelingen
Warum ist noch nicht die ganze Landwirtschaft bio?
Viele Landwirte sagen, sie könnten es sich nicht leisten, auf chemisch-synthetische Gifte zu verzichten. Eckart Hoehne ist Bauer in Bremen-Hemelingen und bewirtschaftet 150 Hektar. Im Interview mit Bremen Zwei erklärt er: "Dann würden wir deutlich weniger ernten. Die Hälfte bestimmt weniger. Das ist ein finanzieller Einbruch, wenn man keinen finanziellen Ausgleich von außen bekommt." Landwirt Uwe Michaelis hat vor einigen Jahren umgestellt. Trotzdem sieht auch er die Bio-Landwirtschaft nicht als alleiniges Modell. Er sagt: "Dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass noch mehr Produkte aus dem Ausland kommen."

Ein komplettes Verbot von beispielsweise Glyphosat schätzt das Umwelt-Bundesamt zurzeit als nicht machbar ein. Es empfiehlt aber, die Anbaufläche, die biologisch bebaut wird, deutlich zu vergrößern: von aktuell knapp zehn auf zwanzig Prozent.

Wir können das nicht ohne die Bauern machen. Per Order Mufti, das funktioniert nicht.

Maike Schaefer
Maike Schaefer, Bremer Senatorin für Umwelt und Klimaschutz
Wie steht die Bremer Landesregierung zum Thema?
In Bremen bewirtschaften die Bauern gut ein Viertel der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch. Maike Schaefer, die Senatorin für Umwelt und Klimaschutz, möchte diesen Anteil allerdings noch deutlich steigern. Ihr ist wichtig, die Bauern bei diesem Prozess mitzunehmen: "Wir können das nicht ohne sie machen. Per Order Mufti, das funktioniert nicht", so die Grünen-Politikerin. Auch sei eine Umstellung teuer, die Landwirtinnen und Landwirte bräuchten dabei Unterstützung.

Schaefer sagt, Bremen habe insgesamt eine extensive Landwirtschaft, die auch im konventionellen Ackerbau sehr naturverbunden sei. Das solle sich bei einer Umstellung hin zu ökologischer Landwirtschaft auf keinen Fall ändern. Sie sagt: "Auch die Umstellung auf bio muss bedeuten, dass die extensive Landwirtschaft erhalten bleibt."

Es hilft uns nichts, wenn wir heute genügend Nahrung mit Hilfe von Mineraldünger und Pestiziden haben und dafür dann morgen erodierte und kaputte Böden haben und nichts mehr zu essen.

Sarah Wiener
Sarah Wiener, Fernseh-Köchin und Grünen-Abgeordnete im EU-Parlament
Was passiert, wenn wir weitermachen wie bisher?
Fernseh-Köchin Sarah Wiener, die für die österreichischen Grünen im EU-Parlament sitzt, sieht zum ökologischen Landbau keine Alternative. Sie sagt: "Wenn wir weiterhin genügend Nahrung für die Weltbevölkerung herstellen wollen, muss die Zukunft ökologisch sein und giftfrei."

Auch Martin Rode vom BUND in Bremen fordert ein Umdenken. In den letzten Jahrzehnten seien massenhaft Insekten verschwunden, die wiederum Vögeln und anderen Tieren als Nahrung fehlen. Er sagt: "Das ganz System ist krank, da müssen wir weg. Und es braucht eine ganz klare Ökologisierung. Das macht man nicht in einem Schritt, das ist utopisch, sondern wir brauchen Übergangspläne." Es müsse Programme geben, um Pestizide streng zu reduzieren. Als erstes sollten in seinen Augen Glyphosat und Neonikotinoiden verboten werden. Letztere werden vor allem dafür verantwortlich gemacht, dass weltweit so viele Bienen gestorben sind.
Was kann jede und jeder einzelne tun?
Sollten Sie selbst Hobby-Gärtnerin oder -Gärtner sein, können Sie im eigenen Garten auf Pestizide verzichten. Als Endverbraucher vermeiden Sie Pestizide, wenn Sie Lebensmittel aus biologischem Anbau kaufen. Auch auf Fleisch zu verzichten, hilft. Denn weniger Fleischverbrauch heißt: Die Bauern brauchen weniger Anbauflächen für Futterpflanzen – und somit weniger Pestizide.

Autorinnen

  • Sarah Kumpf Redakteurin und und Autorin
  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Schwerpunkt, 25. Mai 2021, 18 Uhr