Interview

Experte über IS-Anhängerinnen: Vorsicht mit dem Opfer-Mythos

Eine Bremerin steht in Hamburg wegen mutmaßlicher IS-Unterstützung vor Gericht. Ein Terrorismus-Experte warnt davor, Frauen pauschal als Opfer zu betrachten.

Eine Angeklagte sitzt im Gericht und verdeckt ihr Gesicht mit einem Ordner, auf dem ein Teddybär zu sehen ist.

Ein Frau aus Bremen muss sich in Hamburg vor Gericht verantworten. Ihr wird vorgeworfen, die terroristische Organisation IS unterstützt zu haben. Der Umgang mit Menschen, die das Kalifat befürwortet haben oder gar nach Syrien gereist sind, hat in letzter Zeit immer wieder für Debatten gesorgt. Vor allem eine eventuelle Rückführung von IS-Frauen und deren Kindern aus den Camps in Syrien und dem Nordirak ist hoch umstritten.

In Bremen gibt es schon seit einiger Zeit ein Konzept, um mit Rückkehrern und Rückkehrerinnen umzugehen. Der Salafismus-Experte Hazim Fouad erklärt im Interview mit buten un binnen, wie die Lage im kleinsten Bundesland aussieht und welche Gefahren von ehemaligen IS-Unterstützern ausgehen könnten.

Herr Fouad, wie ausgeprägt ist die Salafisten-Szene in Bremen momentan?
Wir haben 540 Personen im Land Bremen, die der salafistischen Szene zuzuordnen sind. Zudem gibt es einige Vereine, die wir momentan beobachten. Eines muss man aber klar stellen: Nicht jeder Salafist ist ein IS-Angehöriger. Das ist ganz wichtig. Aber es gibt auch unter den Salafisten Menschen, die die Aktionen des IS befürwortet haben. Und diese Personen haben wir natürlich sehr, sehr intensiv im Blick.
Dieses Jahr ist die Debatte in Deutschland entflammt, wie das Land mit den Rückkehrern und Rückkehrerinnen aus Syrien und dem Nordirak umgehen sollte. Wie sieht die Lage in Bremen aus?
Aus Bremen waren insgesamt 30 Personen nach Syrien und in den Irak ausgereist: 19 Männer und elf Frauen. Derzeit sind neun zurückgekehrt, darunter zwei Frauen. Darüber hinaus sind auch Kinder wieder in Bremen. Von sechs Ausgereisten gehen wir davon aus, dass sie dort ums Leben gekommen sind. 15 befinden sich also vermutlich noch in der Region, eventuell zusammen mit Kindern.
Geht von den Zurückgekehrten eine besondere Gefahr aus?
Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Man muss schauen, ob Erkenntnisse über das Verhalten der Person vor Ort vorliegen. Es geht um die Frage, welche Rolle sie beim IS gespielt haben. Das zu erfahren, ist durchaus schwierig. Aber es entscheidet darüber, inwieweit ein Strafverfahren eingeleitet wird.
Ist die Rolle der Frauen anders zu bewerten als die von Männern?
Wir sollten nicht zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Man muss bei beiden prüfen, ob sie dort Straftaten begangen haben. Es gibt mittlerweile Studien über die Ausreisemotivation von Frauen – und diese zeigen ein sehr heterogenes Bild. Es gibt durchaus Frauen, die mitgeschleift oder online mit falschen Versprechungen verführt wurden. In diesen Fällen könnte man eventuell von Opfern sprechen.
Aber es gab sehr wohl auch die ideologisch Überzeugten, die maßgeblich für die Ausreise verantwortlich waren und die Ehemänner mitgeschleift haben. Es gab auch gut ausgebildete Frauen, Ärztinnen, Akademikerinnen, die alleine ausgereist sind und in der Propaganda aktiv eingebunden waren. Ich würde davor warnen, das dschihadistische Rollenbild von Frauen als bloße Hausfrauen und Mütter zu übernehmen.
Und wie werden die Kinder betreut, die dort mitgebracht oder gar geboren wurden?
Es wird zunächst bei den Erwachsenen geschaut, ob sie sich bereits ideologisch deradikalisiert und abgewandt haben, und welche Auswirkungen das auf die Kinder hat. Wenn sie in Bremen ankommen, prüft das Jugendamt in Kooperation mit den Sicherheitsbehörden, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Und ob die Unterstützung von Psychotherapeuten und Trauma-Experten nötig ist. Wir sehen die Kinder nicht als Täter, sondern als Opfer. 
Bremen wird oft als Vorreiter im Umgang mit IS-Rückkehrern angesehen. Wie geht man dabei konkret vor?
Wir haben beim Senator für Inneres das sogenannte Kompetenzzentrum Deradikalisierung und Extremismusprävention (Kodex), und dort angebunden ist ein zivilgesellschaftlicher Träger, der mit radikalisierten Menschen arbeitet. Durch die Sozialarbeit versucht man, der Person zu einem normalen Leben zu verhelfen und eine ideologische Abkehr zu bewirken.
Es gab in den vergangenen Monaten auch eine intensive Debatte darüber, ob Deutschland IS-Rückkehrer und -Rückkehrerinnen aus den Camps in Syrien und dem Irak zurückholen sollte. Welche Argumente sprechen dafür, welche dagegen?
Argumente gegen die Rückführung sind: Wenn alle Personen auf einmal zurückkommen und man nicht genügend Beweise hat, um ein Strafverfahren einzuleiten, könnte es schwierig werden, alle diese Menschen zu beobachten. Dafür reichen die Kapazitäten der Sicherheitsbehörde nicht aus.
Für eine Rückführung spricht hingegen Folgendes: Je länger eine Person dort in den Camps verbleibt, desto höher ist die Gefahr, dass sie sich vielleicht wieder radikalisiert, obwohl sie sich davon losgelöst hatte. Wir wissen, dass in den Camps Leute sitzen, die sich vermutlich ideologisch abgewandt haben und ihre frühere Entscheidung als Fehler betrachten. Das muss man unbedingt in Betracht ziehen. Es gibt dort aber auch Menschen, die weiterhin versuchen, andere zu rekrutieren.  

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. August 2019, 19:30 Uhr