Bremer Ärztin spricht über Tabuthema Schönheits-OPs im Intimbereich

"Auch ein Hodensack kann Probleme bereiten" – Intimchirurgin Ursula Mirastschijski

Genitalien der David-Statue von Michelangelo in Florenz.
Schönheitsideale ändern sich: Lange galt die David-Statue von Michelangelo in Florenz als Vorbild. Bild: DPA
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Mal sind es ästhetische, mal medizinische Operationen, aber immer im intimsten Körperzonen. Warum eine Chirurgin Schamlippen aufspritzt und Hodensäcke strafft.

Ursula Mirastschijski ist Intimchirurgin mit Praxen in Bremen und Berlin. Und die Nachfrage steigt, denn auch im Intimbereich steigt der Druck einer "Schönheitsnorm" zu entsprechen. Und trotzdem sei das Thema nach wie vor tabuisiert. So erfährt es Ursula Mirastschijski im Umgang mit ihren Patientinnen und Patienten. "Es ist den meisten sehr unangenehm, den Kontakt aufzunehmen. Das höre ich sowohl von den Frauen, als auch von den Männern. Das sind meistens Jahre der Überlegung, bis sie sich dazu durchgerungen haben."

Ursula Mirastschijski versucht vor jedem Eingriff herauszufinden, warum ihre Patientinnen und Patienten eine Veränderung im Intimbereich haben möchten: "Da ist es natürlich wichtig, dass diskutiert wird, was man erreichen kann und was eben auch nicht erreicht werden kann." Und wenn die Wünsche nicht erfüllt werden können? "Dann sollte man auch keine Eingriffe durchführen."

Die menschliche Anatomie ist umwerfend schön. Es ist faszinierend zu sehen: die Farben, die Formen, wie es geschaffen ist, wie es funktioniert.

Ursula Mirastschijski
Ursula Mirastschijsk, Intimchirurgin

Von Leidensdruck und Scham

Die häufigsten Eingriffe bei Frauen sind übergroße innere Schamlippen. "Das klemmt in der Kleidung, tut beim Fahrradfahren weh", sagt die Chirurgin. Und sorgt neben Schmerzen auch für große Scham. Der Eingriff unter örtlicher Betäubung gilt als ästhetischer Eingriff, doch die Ärztin sieht durchaus eine medizinische Indikation ob der Beschwerden. "Die Krankenkassen und Versicherungsträger sehen das leider anders."

Der Wunsch nach "Selbstoptimierung" aus rein ästhetischen Gründen führt auch oft zur Nachfrage, die äußeren Schamlippen aufspritzen zu lassen. Woher der Trend kommt? Die Chirurgin vermutet, dass durch die Mode der Intimrasur plötzlich der "freie Blick" offenlegt, was sonst verborgen bliebt.

Bei Männern geht es meist um Länge und Dicke des Geschlechtsteils, aber auch Beschneidungen und Hodenstraffungen nimmt Mirastschijsk vor.

Der Wechsel des Geschlechts

Einen Teil ihrer Arbeit machen Geschlechtsumwandlungen bei Menschen mit Transidentität aus: "Die Umwandlung von Mann zu Frau ist einfacher, weil mehr Gewebe zur Verfügung steht. Man kann aus Hodensack und Penishaut eine neue Vagina formen. Die Eichel wird verkleinert zur Klitoris. Man kann sie an der korrekten Stelle anbringen. Und diese viele Haut, die vorhanden ist, kann man nutzen, um große und kleine Schamlippen zu modellieren."

Die Umwandlung von Mann zu Frau ist einfacher, weil mehr Gewebe zur Verfügung steht.

Ursula Mirastschijski
Ursula Mirastschijski, Chirurgin

Schönheit kommt von innen

Schon als Kind wollte Ursula Mirastschijski Ärztin werden. Sie ist in Brandenburg an der Havel geboren und hat ihre Kindheit in Ostdeutschland verbracht. 1980 kam die Familie in den Westen. Der Vater war Hautarzt und von ihm hat sie die Leidenschaft für die Medizin geerbt: "Die menschliche Anatomie ist umwerfend schön. Es ist faszinierend zu sehen, die Farben, die Formen, wie es geschaffen ist, wie es funktioniert. Und wie schlimm es ist, wenn es nicht funktioniert. Es ist ein Phänomen. Und wenn man sowas mag und begeistert von der Anatomie ist, weiß man auch, dass man im richtigen Beruf ist."

Für ihre medizinischen Forschungen hat die Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgin hochkarätige Preise und Stipendien bekommen. Obendrein schreibt sie noch Bücher, unter anderem das "Buch der Intimchirurgie". Letztlich kommt Schönheit für Ursula Mirastschijski übrigens von innen: "Schönheit ist für mich die Ausstrahlung und das Erscheinungsbild des anderen. Und zwar nicht, wie ich ihn sehe, sondern wie ich ihn fühle."

Gekaufte Schönheit: So boomt das Geschäft mit dem Aussehen

Video vom 3. Februar 2021
Der Friseur Kay Schneider bei einem Schönheitseingriff an seiner Stirn von seinem Arzt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Christine Gorny Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 16. September 2021, 18:05 Uhr