Interview

So gefährlich ist der Dauer-Frust bei der Bremer Polizei

Sie werden beschimpft, bespuckt und nicht ernst genommen. Der Alltag vieler Polizisten hat langfristige Folgen – glaubt ein Bremer Rechtspsychologe.

Bürger rangeln mit Polizeikräften bei einer Demonstration (Symbolbild)
Oft erleben Polizisten im Berufsalltag Widerstand und Ablehnung. Bild: DPA | Bernd Weissbrod

Ein 36-jähriger Bremer Polizist soll Ende 2018 einem 30-Jährigen Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben, laut Staatsanwaltschaft "grundlos". Auf einem Parkplatz hinter der Polizeistation Stephanitor soll der Geschädigte ein Polizeifahrzeug am Wegfahren gehindert haben. Gegen den Polizisten ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Körperverletzung. Sieben weitere Polizisten sollen von der Tat gewusst, sie aber nicht gemeldet haben. Auch gegen sie läuft ein Verfahren.

Noch sind keine Details der Tatnacht bekannt und auch noch nicht die Motive – weder für die Tat an sich, noch für die verzögerte Meldung. Für den Rechtspsychologen Dietmar Heubrock von der Universität Bremen ist ein derartiger Vorfall typisch. Dahinter stecken können zum Beispiel Stress und Frust im Beruf.

Wie bewerten Sie den Vorfall vom 30. Dezember 2018 und die Aussage der Staatsanwaltschaft, es sei grundlos mit Pfefferspray gesprüht worden?
Ich stelle mir vor, wie solche Situationen zustande kommen. Grundlos, das ist aus der juristischen Perspektive so. Aber wir haben es ja mit einem dynamischen Geschehen mit zwei Personen zu tun. Einer tut etwas, was der andere nicht wollte, das ist eine klassische Konflikt- und Eskalations-Situation. Wenn man sich da nicht im Griff hat, kann es zu einem Gewaltexzess kommen, keine Frage.
Inwiefern sind Polizistinnen und Polizisten eher gefährdet, kriminell oder straffällig zu werden, als andere Berufsgruppen?
Insofern, als dass sie es mit einem speziellen Klientel zu tun haben. Der normale Bremer Bürger hat vielleicht mit Kriminalität und kriminellen Menschen überhaupt nichts zu tun. Aber der Polizist, der draußen auf der Straße ist, jeden Tag. Das verändert Menschen mit der Zeit, oft ohne dass sie es bemerken.
Wie kommt es dazu?
Wenn man mal eine Schicht mitfährt, bekommt man eine Ahnung, was da so passiert. Sie wissen, dass mindestens ein oder zwei Ereignisse unschön ausgehen, dass sie angepöbelt werden, dass sie möglicherweise angespuckt werden, dass sich jemand einer Kontrolle widersetzt. Diese Erwartung stresst bereits, sie führt dazu, dass man angespannt ist. Man erwartet schon etwas Ungünstiges, und das zeigt sich dann leider oft auch im Verhalten.
Welche Rolle spielt dabei Frust?
Die Arbeit läuft selten konfliktfrei ab. Das heißt, Frust baut sich auf und summiert sich von Schicht zu Schicht. Wir wissen aus der psychologischen Theorie, dass Frustration über kurz oder lang zu Aggression führt.
Rechtspsychologe Dietmar Heubrock gibt ein Interview
Prof. Dr. Dietmar Heubrock ist Sprecher des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen.
In den aktuellen Fällen wussten einige Kolleginnen und Kollegen von den Taten – haben diese aber nicht gemeldet. Ist die Polizei für einen besonderen Gemeinschaftsgeist anfällig?
Alle geschlossenen Systeme sind für diesen Korpsgeist anfällig. Das kann man in Kliniken sehen, beispielsweise bei Patiententötungen, oder im Militär bei rechtsradikalen Übergriffen, aber natürlich auch bei der Polizei. Wenn die Welt zunehmend als unangenehm und feindlich wahrgenommen wird, versucht man sich in der In-Group zusammenzuschließen. Und man deckt dann leider auch solche Verhaltensweisen.
Warum fällt es besonders Polizisten schwer, einen Kollegen nach einem Fehlverhalten zu melden?
Sie müssen sich aufeinander verlassen können. Es sind Kollegen, man duzt sich automatisch, es herrscht ein enger Zusammenhalt. Man hat sehr viel gemeinsam, was man in einer Notsituation auch braucht. Das führt dazu, dass man über unschöne Dinge eher hinwegguckt – weil man sich ja braucht.
Inwiefern werden Polizeibeamte auf Konflikt-Situationen vorbereitet?
Die Vorbereitung ist meines Erachtens viel zu kurz. In der polizeilichen Ausbildung wird vielleicht mal eine nachgestellt, ein Polizeischüler spielt dann einen renitenten Bürger. Der andere Auszubildende wird seine Deeskalationssprüche loslassen, die Situation wird gelöst, alles ist gut. Eine Übung in zehn Minuten, das nützt überhaupt nichts.
Wie sieht im Gegensatz dazu die Realität aus?
Draußen ist die Lage immer komplexer. Es stehen zehn besorgte Bremer Bürger um einen herum, die möglicherweise die Szene filmen, die Rechtmäßigkeit des Einschreitens in Zweifel ziehen und so weiter. Darauf werden die jungen Kolleginnen und Kollegen überhaupt nicht vorbereitet. Sie müssten für solch ernste Lagen nachgeschult werden.
Sie sind in der Ausbildung tätig und begleiten Polizistinnen und Polizisten über Jahrzehnte. Wie sehen Sie deren Entwicklung?
Am Anfang steht Idealismus, Optimismus, der Freund und Helfer, der Wunsch ein guter Polizist oder eine gute Polizistin zu werden. Oft war der Vater auch Polizist, man hat ein Vorbild und geht mit Leidenschaft in den Beruf und am Ende ist man desillusioniert und gefrustet und denkt mit 55 Jahren: "Hoffentlich ist es bald vorbei". Das finde ich traurig und daran sollte man etwas ändern.
  • Angela Weiß
  • Uwe Wichert

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Februar 2019, 19:30 Uhr