Interview

Familiendrama: Wie gehen Kinder damit um?

In Hemelingen haben Kinder ihre toten Eltern gefunden. Ein solches Erlebnis hat tiefgreifende Folgen. Kinderpsychologin Jana Rump vom Deutschen Kinderschutzbund in Bremen erklärt, was Kinder in solchen Fällen am meisten brauchen.

Ein Kind sitzt alleine mit seinem Teddy und blickt aus dem Fenster.
Bei belastenden Erlebnissen ist Stabilität für Kinder wichtig. Bild: Imago | Westend61
Frau Rump, wie wirkt sich ein solches Erlebnis auf ein Kind aus?
In einer solchen Situation fühlen sich Kinder zunächst einmal so, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Für die Kinder wird es schwierig werden, Verständnis für die Tat zu entwickeln. Vor allem junge Kinder hinterfragen in solchen Situationen sich selbst und ob sie schuld an dem Geschehenen sein könnten. Um die kurz- und langfristigen Folgen für die Kinder besser abschätzen zu können, ist es wichtig zu erfahren, welche Vorgeschichte hinter den Erlebnissen steht, was zu dem Tod der Eltern führte, wie die Bindung zu ihnen war.

Das Ereignis an sich ist für Kinder so einschneidend, dass sie Ängste entwickeln können. Wichtig ist es deshalb, dass die Kinder Sicherheit erfahren. Es kann helfen, wenn vertraute Personen sich um sie kümmern, sie begleiten. Es sollte auch kindgerecht erklärt werden, wie es jetzt weitergeht. Gleichzeitig sollte man so viel Normalität aufrechterhalten, wie möglich. Geschwister sollten zusammenbleiben können. Auch das Kuscheltier kann ein Anker sein.

Bei solchen Erlebnissen kann man davon ausgehen, dass die Kinder Traumafolgen haben werden. Die häufigste Folge ist eine posttraumatische Belastungsstörung. Es können sich aber auch andere psychische Erkrankungen anschließen wie zum Beispiel eine Depression, Bindungs- und Beziehungsstörungen und vieles mehr.
Jana Rump vom Deutscher Kinderschutzbund in Bremen
Jana Rump ist Kinderpsychologin beim Deutschen Kinderschutzbund in Bremen. Bild: Deutscher Kinderschutzbund Landesverband Bremen e. V.
Wie sollten Außenstehende mit den Kindern umgehen?
Die Kinder sollten bestmöglich geschützt werden, aber gleichzeitig auch genug Raum für ihre eigenen Bedürfnisse bekommen, sie sollten äußern dürfen, was sie selbst möchten. Denn Kinder neigen in solchen Situationen oft dazu, die eigenen Bedürfnisse zu übergehen.
Oft sind in Krisenfällen außerdem viele Erwachsene involviert. Am besten gib es eine Bezugsperson, an die die Kinder sich wenden können.
Sollten Kinder gleich wieder zur Schule oder in den Kindergarten gehen?
Ob es sich empfiehlt, Kinder wieder in die Schule oder den Kindergarten zu schicken, hängt ganz vom Belastungsgrad und vom Einzelfall ab. Die Schule muss dann gut darauf vorbereitet werden, damit das Kind nicht mit Fragen oder ähnlichem überfordert wird. Kinder können es als stabilisierend erleben, wenn sie in einer schwierigen Zeit mit ihren Freunden zusammen sein können.
Wie können Kinder diese Belastungen verarbeiten?
Erst einmal geht es darum, die Kinder zu stabilisieren. Auch in jungen Jahren ist schon eine Therapie möglich. Dann sollte ein Therapeut als Konstante über einen längeren Zeitraum mit dem Kind arbeiten. Wichtig ist es herauszufinden: Was beschäftigt das Kind gerade? Fühlt es sich schuldig? Manche Kinder haben viele Fragen, andere möchten gar nicht sprechen. Das müssen Erwachsene akzeptieren.

Denn wie in dieser Phase mit dem Kind umgegangen wird, ist prägend. Ein zentraler Punkt: Dass sich das Kind als selbstwirksam erfährt. Man sollte es stärken und mitentscheiden lassen, zum Beispiel fragen, womit es spielen, was es essen möchte. Es soll erfahren, dass es gehört wird, dass es auch Dinge selbst bestimmen kann. Selbstwirksamkeit ist deshalb so wichtig, weil Menschen, die ein solch belastendes Erlebnis hatten, sich in der Regel völlig hilflos und ohnmächtig fühlen. Weil die Ausbildung eines Traumas andauert, beginnt man mit einer entsprechenden Therapie erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Tote Eltern: Sozialressort sucht Lösung für die Kinder

Staatsanwaltschaft
  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 13. Juli 2018, 23:20 Uhr