Infografik

"Im Grunde nie fertig": Eine Bremer Intensivkraft beschreibt ihren Tag

Vor allem in der Intensiv-Pflege fehlen Kräfte. Gerade jetzt, wo Covid-Patienten schwerst krank die Betten füllen. Theresa Nögel beschreibt selbst ihren Tag auf Station in Bremen-Mitte.

Theresa Nögel auf der Intensivstation.
Theresa Nögel mag ihren Beruf, so wie viele Fachpflegekräfte auch. Sie berichtet aus ihrem Alltag auf der Intensivstation. Bild: Klinikum Bremen-Mitte | Kerstin Hase

Wissen Sie, was eine Intensiv-Pflegekraft zu tun hat? Auf einer Station mit schwerst kranken Patienten? In der Pandemie kommen aktuell die Covid-Fälle dazu, teils müssen sie beatmet werden. Theresa Nögel erzählt selbst, wie ihre Schicht auf der Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte aussieht. Und macht deutlich, weshalb es einen Unterschied macht, wenn auch nur ein einziger Patient noch dazukommt.

"Trotz schwerer Verläufe ..."

5.45 Uhr: Für mich beginnt gleich die Frühschicht. Im Intensivbereich kann man natürlich nie genau vorhersehen, was einen erwartet. Weil die Zahl der intensivpflichtigen Covid-Patienten in den vergangenen Wochen so sehr gestiegen ist, gehen viele Kollegen und ich gerade mit einer zusätzlichen Ungewissheit zur Arbeit: Wie hat sich die Situation seit der letzten Schicht verändert?

Wir profitieren aber auch von den Erfahrungen aus dem Frühjahr und fühlen uns im täglichen Umgang in der Versorgung von Covid-Patientinnen und -Patienten sicherer als zu Beginn der Pandemie. Trotz schwerer und manchmal trauriger Verläufe sind wir froh über unsere guten Behandlungsergebnisse, das macht uns zufrieden und spornt uns an.

Nur zwei Schwerstkranke für eine Pflegekraft

6 Uhr: Wir trinken gemeinsam einen Kaffee, bevor die Schicht beginnt. Danach geht es in die Bereiche und man bekommt die Übergabe von der Vorschicht. Wie ist die aktuelle Situation auf Station? Wie viele Patienten sind neu dazugekommen? Stehen Transporte an, zum Beispiel in den OP? Ich erfahre, für welche Patientinnen und Patienten ich in meiner Schicht zuständig bin. Wenn möglich, werden dieselben Patienten zugeteilt, die man bereits am Vortag versorgt hat. Aber natürlich muss ich auch flexibel sein. Denn es ist genauso wichtig, dass die Krankheitsbilder ausgewogen sind: Denn würde ich drei ausschließlich schwerstkranke Menschen in einer Schicht betreuen, würde ich schnell an meine Belastungsgrenze stoßen. Die Übergabe dauert pro Patient etwa zehn bis 15 Minuten. Ich überprüfe die Perfusoren – also Dosierpumpen, die die Medikamente kontinuierlich verabreichen –, den Monitor und die Alarmgrenzen des Beatmungsgerätes – ein erster Check, ob alles eingestellt und safe ist.

Mehr als 500 Medikamente auf Station

Die erste Medikamentengabe steht an. Als Intensivpflegekraft brauche ich den Überblick über eine ganze Bandbreite verschiedener Medikamente und wie sie aufeinander reagieren. Auf unserer Station gibt es mehr als 500 Medikamente, über jedes muss ich wissen, wie es verabreicht wird. Die meisten Patienten bekommen viele verschiedene Medikamente, aber natürlich nicht alle auf einmal. Ich muss vorausschauend wissen, dass Patient Eins zum Beispiel um sieben Uhr etwas bekommt, um neun, und um elf Uhr noch einmal zusätzlich eine Antibiose – also eine Antibiotika-Behandlung. 

Technik, Hygiene und seit Covid-19 auch Angehörige

Eine Krankenpflegekraft kontrolliert medizinische Geräte an einem Bett.
Regelmäßig überwacht Intensivkraft Nögel die medizinischen Geräte: Stimmen Medikamentenzufuhr, Kreislauf, Blutdruck? (Symbolbild) Bild: DPA | Rolf Vennenbernd

7 bis 13 Uhr: Alle zwei Stunden mache ich eine Messrunde. Wie viel fördern die Drainagen, transportiert der Magen die zugeführte Sondenkost? Unabhängig davon haben wir die Kreislaufwerte der Patienten die ganze Zeit im Blick. Wenn zum Beispiel der Blutdruck nicht konstant im Zielbereich ist, kann das schwere Folgen für die Patienten haben. Die Werte muss ich beurteilen.

Was bei vielen schwerstkranken Patienten wie zum Beispiel auch Covid-Patienten zusätzlich hinzukommt: Ich muss die Beatmung im Blick haben. Ab wann hat sich der Zustand so verbessert, dass man die Entwöhnung der Beatmung beginnen kann? Das wird täglich gemeinsam mit den Ärzten während der Visite und im Tagesverlauf evaluiert. Die Pflege begleitet diesen Prozess die ganze Zeit, ich muss dafür die komplexen Beatmungsgeräte perfekt bedienen.

Wenn sich der Zustand bei beatmeten Patienten nicht verbessert, kann die Bauchlage die Lunge dabei unterstützen, sich zu regenerieren. (...) Doch die Lagerung auf den Bauch bedeutet einen großen Aufwand. Erst einmal personell: Neben einem Arzt braucht man dazu zwei bis drei Pflegekräfte.

Theresa Nögel, Intensiv-Pflegefachkraft Klinikum Bremen-Mitte

Wie lange der Übergang zur selbständigen Atmung sein kann, hängt stark vom Fall ab. Wer sich erinnert, wie wackelig man auf den Beinen selbst schon nach einer normalen Erkältung sein kann, der kann sich vielleicht ungefähr vorstellen, wie lang der Weg zurück in ein eigenständiges Leben ist. Bei einem Patienten, der bei uns zwei Wochen beatmet werden muss, baut die gesamte Muskulatur ab. Um dem so gut es geht vorzubeugen, unterstützen uns täglich Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten.

  • Umlagerung – wenn sich der Zustand nicht verbessert
Krankenpflegekräfte und Ärzte lagern einen Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation liegt
Um einen beamteten Patienten umzulagern, müssen mehrere Intensivkräfte zusammenarbeiten, wie hier bei einem Fall in Bonn. Bild: DPA | Rolf Vennenbernd

Wenn sich der Zustand bei beatmeten Patienten nicht verbessert, kann die Bauchlage die Lunge dabei unterstützen, sich zu regenerieren. Diese Bilder kennen viele sicherlich von Krankenhausbildern im Fernsehen. Doch die Lagerung auf den Bauch bedeutet einen großen Aufwand. Erst einmal personell: Neben einem Arzt braucht man dazu zwei bis drei Pflegekräfte.

Während der Umlagerung muss ich genauestens darauf achten, dass die großlumigen Zugänge, Intubationsschlauch und alle weiteren Zugänge nicht dislozieren – also herausgezogen werden – oder Zugänge nicht mehr richtig funktionieren. Alles muss weiter intakt bleiben. Bei falscher Lagerung der Patienten, die bis zu 16 Stunden in Bauchlage liegen, können Druckgeschwüre entstehen. Deshalb ist eine regelmäßige minimale Bewegung der Extremitäten und des Kopfes notwendig.

  • Die Bedeutung der Geräte – von ECMO bis CVVHD

Die Technik spielt auf einer Intensivstation eine besondere Rolle. Als Intensivpflegerin muss ich mich mit hochkomplexen Geräten auskennen. Unter den Beatmungsmethoden ist die sogenannte ECMO-Therapie ein neues und modernes Verfahren. ECMO steht für "extrakorporale Membranoxygenierung". Das bedeutet, dass das Gerät über daumendicke Zugänge an den Patienten angeschlossen wird und der Körper an der erkrankten Lunge vorbei mit Sauerstoff versorgt wird. Dafür ist eine spezielle Schulung notwendig. Das ECMO-Gerät ist nur ein Beispiel für komplexe Geräte, die ich beherrschen muss.

Ein weiteres ist ein spezielles Dialyseverfahren. Denn gerade auch bei Covid-Patienten muss nicht nur die Lunge betroffen sein. Auch andere Organe können in Mitleidenschaft gezogen werden – zum Beispiel die Niere. Hier gibt es bei uns ein spezielles Dialyseverfahren (CVVHD – kontinuierliche venovenöse Hämodialyse), das die Niere kontinuierlich unterstützen und ersetzen kann.

Zahl der Covid-19-Patienten in Bremer Kliniken

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  • Hygiene – und Hygiene bei Covid-Patienten: Es wird heiß

Gerade bei Infektionskrankheiten kommt es ganz besonders auf die Hygiene an. Auch in der Intensivpflege kennen wir das Anlegen von Schutzkleidung natürlich schon von anderen Erkrankungen – etwa beim Versorgen von MRSA-Patienten (Patienten mit multiresistenten Keimen). Mit Covid allerdings kommt das Thema Schutzkleidung gerade noch viel geballter auf uns zu. Es ist die Grundlage dafür, dass wir uns selbst nicht infizieren und so das Virus weitergeben.

Eine Krankenpflegekraft mit Schutzmantel, Schutzbrille und Maske steht vor elektronischen Geräten und liest, was die Geräte anzeigen.
Vor dem Betreten des Krankenzimmers müssen Pflegekräfte sich umkleiden. Der Kittel ist wasserdicht, die Geräte strahlen Wärme aus: Es wird warm. Bild: DPA | Rolf Vennenbernd

Bevor ich das Zimmer betrete, muss ich Kittel, Handschuhe, Maske, Haube und Schutzbrille anlegen. Der Kittel ist wasserdicht, es wird heiß darunter, ich komme leicht ins Schwitzen, das steigert natürlich die körperliche Belastung.

Weil das Ankleiden einige Zeit in Anspruch nimmt, kommt es besonders darauf an, dass ich im Patientenzimmer möglichst alles da habe, um den Patienten zu versorgen. Brauche ich spontan zusätzliche Geräte oder Material kann ich das Zimmer nicht so einfach verlassen, ich müsste mich wieder neu aus- und einkleiden. Deswegen ist immer ein Kollege per Telefon erreichbar um vielleicht fehlende Dinge reinzureichen.

Bevor ich das Patientenzimmer wieder verlasse, muss die kontaminierte Kleidung entsorgt werden – ohne dass ich die Kleidung darunter in Mitleidenschaft ziehe.

Erst ziehe ich die Ärmel aus, löse im Nacken die Schleife vom Kittel, rolle den Kittel nach vorne auf – vor jedem Schritt desinfiziere ich meine Hände. Das Prozedere ist kleinteilig, aber wir haben das natürlich komplett verinnerlicht. Es ist für mich ein unverzichtbarer Automatismus, der dennoch kostbare Zeit fressen kann. Vor allem, wenn ich schnell die Zimmer wechseln muss, weil ein anderer Patient kreislaufinstabil wird. Da kann ich dann schon sehr an meine Grenzen kommen.

Theresa Nögel, Intensiv-Pflegefachkraft Klinikum Bremen-Mitte
  • Dokumentation und Kommunikation

Viel Zeit nimmt die tägliche Dokumentation in Anspruch. Was ich nicht dokumentiere, habe ich sozusagen auch nicht gemacht. Viele Daten – etwa von den Perfusoren – laufen automatisch in die Kurven, viele Dinge muss ich aber auch selbst dokumentieren. Der Kommunikation kommt zusätzlich eine besondere Rolle im Intensivbereich zu. Nicht nur auf viele Gespräche im Pflegerteam sondern gerade auch auf den engen Austausch mit den Ärztinnen und Ärzten und den Therapieberufen kommt es an.

  • Betreuung von Angehörigen – besonders seit Corona

Gerade in Zeiten von Corona, in denen Besuche im Krankenhaus nicht mehr möglich sind, nehmen wir in der Pflege zusätzlich eine besondere Rolle ein. Wir sind oft die engsten Kontaktpersonen zu den Patientinnen und Patienten – ich suche das Gespräch mit ihnen, erkläre die Vorgänge, versuche ihnen Halt, Mut und Orientierung zu geben. Gleichzeitig bin ich auch enger Ansprechpartner für Angehörige. Aufklärungsgespräche sind in erster Linie ärztliche Tätigkeit, aber wenn Fragen offen bleiben, neue Unsicherheiten entstehen, sind meine Kollegen und ich auch im engen Dialog mit den Patienten und Angehörigen.

Anspannung und Vertrauen

14 Uhr: Der Spätdienst kommt ins Haus, bekommt von uns eine Übergabe. All diese Aufgaben, die ich hier beschrieben habe, kommen in jeder Schicht immer wieder auf uns zu, es sind Aufgaben, die sich fortwährend wiederholen. Und im Grunde bin ich nie fertig mit der Arbeit. Denn die Patienten, um die ich mich gekümmert habe, bleiben weiter in ihrem Intensivbett auf der Station zurück.

Oft hätte ich in einer Schicht über die normale und notwenige Pflege hinaus gerne mehr Zeit für die Patienten gehabt. Aber ich weiß, dass sie bei meinen Kolleginnen und Kollegen in guten Händen sind. Das ist für mich ein gutes Gefühl – und hilft mir dabei zum Ende einer Schicht auch gedanklich loslassen zu können.

Nach einer Schicht fällt eine gewisse Anspannung von mir ab. Es gibt Schichten, die mich vor allem körperlich anstrengen, nach anderen Tagen spüre ich besonders die mentale Anstrengung. Denn bei allem, was wir machen, ist ja nicht nur der Körper sondern auch der Kopf besonders gefordert – vorplanen, reflektieren, einschätzen. Und natürlich lassen mich auch die persönlichen Schicksale nicht einfach so los.

Theresa Nögel, Intensiv-Pflegefachkraft Klinikum Bremen-Mitte

Doch trotz der Belastung macht mir dieser Beruf großen Spaß. Ich mag die Mischung aus Teamleistung, Umgang mit hochtechnisierten Geräten und Medikamenten, ethischen Fragen und persönlicher Fürsorge. Das spornt mich wieder an für die nächste Schicht.

Neue Studie: Ex-Pflegekräfte wollen zurück – unter Bedingungen

Video vom 15. November 2020
Eine Hand in blauen Handschuhe an einem medizinischen Gerät.
Bild: Radio Bremen

Weitere Informationen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 17. November 2020, 23:30Uhr