Muss Deutschland aus Mangel an Impfstoffen zurück in den Lockdown?

Intensivmediziner fürchten mehr Covid-Patienten, weil AstraZeneca vorerst nicht geimpft werden darf. Auch die Krankenhausgesellschaft Bremen fordert mehr Tempo beim Impfen.

Krankenschwestern und Pflegekräfte arbeiten im besonders geschützten Teil einer  Intensivstation für Corona-Patienten (Symbolbild)
Der Mangel an Corona-Impfstoffen könnte bis auf die Intensivstationen durchschlagen, fürchten Intensivmediziner. Bild: DPA | Jens Büttner

Deutlich mehr Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen als momentan – das könnte eine Folge des bundesweiten Stopps der AstraZeneca-Impfungen in Deutschland sein, fürchten Intensiv- und Notfallmediziner. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fordert eine sofortige Rückkehr in den Lockdown.

Erst am Montag hatte die DIVI ihre Prognose zur Auslastung der deutschen Intensivstationen mit Covid-19-Patienten aktualisiert. Weil sich die britische Mutante des Coronavirus rasant bei uns ausbreitet, hatte der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters Christian Karagiannidis "sehr stark" dafür plädiert, sofort wieder in den Lockdown zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch gar nicht, dass ein fest eingeplanter Corona-Impfstoff zumindest vorläufig wegfallen würde: jener AstraZenecas.

Das Präparat darf in Deutschland wegen möglicher Nebenwirkungen vorerst nicht verimpft werden. Derzeit untersucht die Europäische Arzneimittelbehörde den Impfstoff und möchte die Ergebnisse dieser Untersuchung am Donnerstagnachmittag vorstellen.

DIVI errechnet pessimistisches Szenario

Wie DIVI-Sprecherin Nina Meckel bestätigt, haben sich die Vorzeichen im Kampf gegen die Pandemie aus Sicht der DIVI durch den nun noch größeren Mangel an Impfstoffen weiter verschlechtert. Die DIVI errechne daher gerade ein neues pessimistisches Szenario für den weiteren Verlauf der Pandemie und die Auslastung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten. Dabei geht sie von einem langsameren Fortschreiten der Impfkampagne aus als bislang angenommen.

Die DIVI-Prognosen zum Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland fußen auf einem aufwändigen mathematischen Modell. Sie berücksichtigen den Anteil der Mutanten unter den Coronaviren in Deutschland ebenso wie die Impfquote und verschiedene Lockdown-Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder die Maskenpflicht. Aus diesen Daten zieht ein Team aus Wissenschaftlern mithilfe mathematischer Formeln Rückschlüsse für die Auslastung der Intensivbetten in Deutschland.

"Die DIVI sammelt sehr viele Zahlen, um möglichst genaue Prognosen für die Pandemie zu erstellen", sagt Rolf Dembinski, Leiter der Klinik für Intensivmedizin und Notfallmedizin des Klinikums Bremen-Mitte. Er stehe hinter der Arbeit der DIVI. Ohnehin pflegten Deutschlands Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner einen guten Austausch.

Man muss diese Prognosen sehr ernst nehmen.

Der Klinikdirektor für Intensiv- und Notfallmedizin Rolf Dembinski im Interview.
Intensivmediziner Rolf Dembinski

Impfdosen Mangelware

In ihrer Prognose vom 15. März sagt die DIVI voraus, dass Deutschland Ende März die 7-Tage-Inzidenz von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschreiten wird. Sie geht ferner davon aus, dass die Bundesrepublik in der Folge in den Lockdown vom Februar zurückkehren wird. Außerdem rechnet die DIVI in einem optimistischen Szenario mit bis zu acht Millionen Impfdosen pro Woche für die deutsche Bevölkerung sowie mit bis zu 3,85 Millionen Impfdosen in einem pessimistischen Szenario.

Unter diesen Vorzeichen müssten der DIVI zufolge Ende April und Anfang Mai rund 5.000 Patientinnen und Patienten in Deutschland intensivmedizinisch wegen einer Corona-Infektion behandelt werden. Das wären gut 2.000 mehr als zur Zeit und nur einige hundert weniger als Anfang Januar. Damals stießen viele deutsche Intensivstationen ans Limit. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Intensivpatienten in dem neuen pessimistischen Szenario der DIVI noch höher ausfallen wird.

Konstant hohe Belastung in Bremen

Eine Krankenpflegerin kümmert sich auf einer Intensivstation um einen komatösen Patienten (Symbolbild)
Trotz schwankender Sieben-Tage-Inzidenzen ist die Zahl der Covid-Patienten in Bremens Krankenhäusern seit Ende Oktober etwa gleich geblieben. Bild: DPA | Sven Hoppe

Dass Bremens Intensivstationen aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr an ihre Grenzen stoßen werden, fürchtet Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft im Land Bremen, derzeit allerdings dennoch nicht. Trotz schwankender Sieben-Tage-Inzidenzen sei die Zahl der Covid-Patienten in Bremens Krankenhäusern und auf den Intensivstationen seit Ende Oktober etwa gleich hoch. Es müssten seither jeweils etwa 30 bis 40 Covid-Patienten im Land intensivmedizinisch behandelt werden sowie 140 bis 180 auf anderen Stationen der Bremer Krankenhäuser. "Daran sieht man natürlich auch, dass die Sieben-Tage-Inzidenz für uns nur bedingt eine aussagekräftige Kennzahl ist", so Zimmer.

Auch von der Aussagekraft der DIVI-Prognosen ist Zimmer nicht überzeugt. Generell gelte: "Prognosen leiden darunter, dass niemand die Zukunft voraussagen kann." Entsprechend habe auch niemand den Stopp der AstraZeneca-Impfungen vorhergesehen. Davon unberührt sei klar: "Es muss unbedingt schneller mit den Impfungen vorangehen. Dann werden auch weniger Corona-Patienten in die Krankenhäuser und auf die Intensivstationen kommen."

Genau diese Entwicklung lasse sich in Großbritannien bereits beobachten. Dort sei man beim Impfen deutlich weiter als Deutschland. Auch dank AstraZeneca.

Das bedeutet der AstraZeneca-Impfstopp für Bremen

Video vom 16. März 2021
Mehrere Laborantinnen sitzen im Impfzentrum und testen die Covid Tests.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. März, 19.30 Uhr