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Mehr Insolvenzen in Bremen als anderswo – wie die Lage wirklich ist

Video vom 17. Juli 2021
Ein Schild "Geschlossen wegen Insolvenz" hängt an einem Geschäft
Bild: DPA | Frank May
Bild: DPA | Frank May

Im Land Bremen melden mehr Unternehmen Insolvenz als in anderen Ländern. In der Pandemie befürchten viele noch einen Anstieg. Ist das so – und was bedeutet das für Arbeitnehmern?

Wie erklären Wirtschaft und Politik die Unternehmensinsolvenzen?
Die Handelskammer Bremen erklärt die hohe Insolvenzhäufigkeit als ein Phänomen der Stadtstaaten. Das liege auch daran, dass in städtische Ballungsräumen mehr Menschen gründen, "mehr Startups, aber es scheiden auch mehr Unternehmen aus" sagt Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Bremen. Laut Bremer Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Die Linke) ist die Wirtschaftsstruktur in Bremen sehr auf Export ausgerichtet – und der habe in der Pandemie erhebliche Schwierigkeiten gehabt. Viele weitere Insolvenzen seien durch die staatlichen Hilfen sogar verhindert worden.
Wann ist ein Unternehmen insolvent?
Es gibt zwei Kriterien: Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit. Überschuldung heißt, dass deutlich mehr Schulden gemacht wurden als Eigenkapital vorhanden ist. Das ist aber alleine noch kein Insolvenzgrund, denn das Unternehmen kann eine sogenannte "Fortbestehensprognose" erstellen. Wenn die für die kommenden zwölf Monate ergibt, dass genügend Aufträge vorhanden sind, dann muss kein Insolvenzantrag gestellt werden. Bei Zahlungsunfähigkeit gilt auch der absehbare Geldmangel schon als Insolvenzgrund, wenn zum Beispiel absehbar ist, dass Rechnungen auf keinen Fall bezahlt werden können.
Hat Corona in Bremen zu mehr Insolvenzen geführt?
Bislang ist das nicht der Fall. Die beim Bremer Amtsgericht eröffneten Insolvenzverfahren von Unternehmen waren zuletzt eher rückläufig, wie die Zahlen des Gerichts zeigen. Und auch im ersten Halbjahr 2021 ist die Zahl der Insolvenzen entgegen aller Erwartungen nochmals leicht zurückgegangen.
Jahr Eröffnete Verfahren
2016258
2017276
2018270
2019230
2020230
Müssen wir in Bremen noch mit einer Insolvenzwelle zum Ende der Pandemie rechnen?
In dieser Frage gehen die Auffassungen auseinander. Die Sprecherin des Amtsgerichtes, geht davon aus, dass es noch zu einer hohen Zahl von Insolvenzanträgen kommt. "Wenn kein Kurzarbeitergeld mehr gezahlt wird und die Unterstützungszahlungen aufhören, werden wir mit einem deutlichen Anstieg von Unternehmensinsolvenzen zu rechnen haben" erzählt Cosima Freter, Sprecherin des Amtsgerichts Bremen. Auch die befragten Insolvenzverwalter gehen davon aus, dass etliche Unternehmen noch Insolvenz anmelden müssen. Die Handelskammer dagegen sieht keine Insolvenzwelle, sondern rechnet mit vereinzelten Pleiten im Einzelhandel und in der Gastronomie. Für die Wirtschaftssenatorin sind alle diese Annahmen "der Blick in die Glaskugel", weil sich eine Insolvenzwelle nicht seriös vorhersagen lasse.
Was passiert mit den Löhnen und Gehältern der Beschäftigten, wenn ein Unternehmen Insolvenz anmeldet?
Nach dem Antrag beim Insolvenzgericht ernennt dieses einen Insolvenzverwalter. Dieser kommt sofort in das Unternehmen und prüft die Lage. Wenn Beschäftigte aus den vorhandenen Geldmitteln nicht mehr bezahlt werden können, dann bekommen sie für maximal drei Monate ein sogenanntes "Insolvenzgeld". Die Beschäftigten bekommen 100 Prozent ihrer Bezüge ausbezahlt, aber maximal brutto 5.600 Euro. Das Insolvenzgeld wird von der Bundesagentur für Arbeit ausgezahlt und wird von allen Unternehmen über eine Umlage finanziert.
Was ist dagegen eine Privatinsolvenz?
Die Privatinsolvenz, auch "Verbraucherinsolvenz" genannt, betrifft ausschließlich Privatpersonen, die kein Unternehmen führen. Sie ermöglicht die komplette Entschuldung innerhalb einer Frist von drei Jahren. Voraussetzung ist, dass die Schuldnerinnen und Schuldner in dieser Zeit alle Einnahmen über der Pfändungsgrenze zur Schuldentilgung nutzen und alle zumutbaren Anstrengungen dafür unternehmen. Es dürfen auch keine weiteren Schulden angehäuft werden.

Wegen Corona: Kommt jetzt in Bremen die Insolvenzwelle?

Video vom 17. Juli 2021
Eine Luftbildaufnahme der Bremer Innenstadt bei Nebel. Die Gebäude liegen in blaugrauen Dunst.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Torsten Harms

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14.07.2021, 19:30 Uhr