Interview

Was Bremen bei der Inklusion von Berlin lernen kann

Die Inklusion in den Bremer Schulen klappt nicht so wie erhofft. Vor allem verhaltensauffällige Schüler sprengen immer wieder den Unterricht. Und ihre Anzahl steigt seit Jahren. Die Berliner Bildungsexpertin Ulrike Becker hat vor fast 20 Jahren das Modell der sogenannten Übrgangsklassen entwickelt. Mehrere Schulen in Berlin und Hamburg setzen dieses Modell erfolgreich um.

Junge sitzt alleine in Klassenzimmer. Symbolbild
Verhaltensauffällige Kinder werden in Berlin und Hamburg in eine "Übergangsklasse" aufgenommen. Dort bekommen die Schüler und Schülerinnen eine Art Auszeit. Bild: Imago | Photothek
Ulrike Becker, Sie sind Schulleiterin der Refik-Veseli-Schule Berlin. Sie setzen die "Übergangsklassen" seit vielen Jahren erfolgreich um. Welche Kinder gehen denn in diese Klassen?
Es geht um Schüler, die von Schulärzten als unbeschulbar beschrieben werden. Sie sind oft aggressiv gegenüber ihren Mitschülern und auch gegenüber Lehrern, zerreißen gerne mal ihre Arbeitsblätter, und sagen: 'Das mache ich nicht.' Diese Kinder gehen an vier Tagen in der Woche in der dritten und vierten Stunde in die Übergangsklasse. Dort sind maximal vier Kinder. 
Der Vorteil ist, dass die Kinder und auch die Klassenlehrer wissen, dass es nach der zweiten Stunde sozusagen eine Auszeit gibt. Dadurch halten alle Beteiligten im gemeinsamen Unterricht besser durch. Die Kinder zeigen dann weniger starke Symptome in ihren Regelklassen. In Hamburg wird das Modell vor allem für Kinder in der fünften bis achten Klasse und in Berlin in den Klassen eins bis sechs umgesetzt.
Was machen die Kinder in der Auszeit?
Sie gehen in einen anderen Raum. Dort steht zum einen ein Gruppentisch. Hier sollen sie in der Kleingruppe üben, im Beisein von anderen zu lernen. Sie haben aber auch einen eigenen Schreibtisch, wo sie für sich arbeiten können. Beides müssen sie können, um in einer großen Klasse erfolgreich zu sein. Und dann gibt es auch Arbeitsecken, in denen zum Beispiel eine Holzwerkbank steht. So können die Kinder auch sehr individuell gefördert werden. Die Kinder gehen sehr gerne dorthin. Und sie tun das so lange, bis sie ihr auffälliges Verhalten überwunden haben. Im Schnitt dauert das zwei Jahre.
Haben diese Kinder dadurch nicht den Stempel: Schaut her, die haben Probleme und deshalb müssen sie zeitweise raus aus der Klasse?
Das wäre ein Problem, wenn nur sie rausgingen. Aber die Schulen, die das Modell umsetzen, bieten insgesamt viel Freiarbeit und Lernbüros an, wo die Kinder immer wieder außerhalb der Klasse lernen, und es auch andere temporäre Lerngruppen gibt, zum Beispiel für Hochbegabte oder auch Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Dadurch gibt es keine Stigmatisierung.
Was sind die Bedingungen, damit diese Übergangsklasse funktioniert?
Die Kinder, Lehrer und Eltern brauchen ein zuverlässiges Setting. Zuverlässigkeit ist ganz wichtig. Die Schulen bekommen in der Regel pro Kind vier Lehrerstunden die Woche extra, macht 16 Stunden für die kleine Vierergruppe. In diesen Stunden betreut der Sonderpädagoge oder die Sonderpädagogin die Kinder in der Kleingruppe und geht für eine Stunde in der Woche mit in ihren Klassenverband, um sie dort zu unterstützen. Außerdem spricht er oder sie mit den Eltern und möglichen Erziehungshelfern, sowie mit den anderen Lehrkräften, die die Kinder unterrichten. Alle diese Komponenten sind wichtig, damit dem Kind geholfen werden kann.

 

Eltern mögen es bestimmt nicht, zu hören, dass ihr Kind in der Klasse auffällig ist. Wie schaffen Sie es, dass die Eltern mit Ihnen reden und mitarbeiten?
Es ist ganz wichtig, dass man den Eltern zuhört. Dass man sie sprechen lässt. Und dass man bei den Stärken der Kinder ansetzt, sie hervorhebt und gemeinsam nach Lösungen für die Schwächen sucht. Erstmal kleine Aufgaben und Lösungen gemeinsam angehen und dann erst an die größeren Probleme rangehen. Und gemeinsam mit den Erziehungshelfern, die diese Familien meistens auch haben, muss man versuchen, die Eltern-Kind Beziehung zu verbessern.
Wichtig ist, dass man mit den Eltern ein Bündnis schließt und eng zusammenarbeitet. Durch dieses Modell haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Kinder, zum Beispiel in Berlin, in der Regel bis zum Ende der Grundschulzeit an ihrer Schule bleiben können.

Mehr zum Thema

 

Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 15. September 2017, 16 Uhr

Archivinhalt