So erlebt ein Inder Bremen – und so eine Bremerin Indien

Ums Studieren und Arbeiten im Ausland geht es heute an der Hochschule Bremen. Das kann großartig sein und herausfordernd – wie, das zeigen diese beiden Erzählungen.

Eine Kuh steht auf einer Straße in Indien, Auto- und Motorradfahrer fahren drumherum.
Kühe sind in Indien heilig, für sie halten Autos und Motorradfahrer an und warten.

Beim International Day an der Hochschule Bremen berichten heute 300 Studierende der Hochschule in Vorträgen und Erlebnisberichten von ihren Erfahrungen beim Auslandsstudium. Auch Lehrerende und Mitarbeiter können sich über das Arbeiten in Indien, Peru oder Mexiko informieren. Wie intensiv ein solcher Austausch sein kann, haben uns zwei Menschen zu diesem Anlass erzählt.

Wie eine Bremerin Indien erlebt

Privat war Angela Weiß bereits dreimal im Land der lauten Hupen und der heiligen Kühe. Jetzt stellt sie jedoch fest: Als freie Reporterin erlebt man das Land ganz anders.

1 Die unendlichen Weiten der Geduld

"In Indien hat alles seinen natürlichen Fluss, daran kann man nicht viel ändern", erzählte mir der deutsche Oliver Schauf jüngst in einem Interview. Sich aufregen, laut werden oder drohen, das bringe hier gar nichts. Seit zehn Jahren lebt der Brauer in Indien und scheint in völligem Einklang mit allem und jedem. Dieser Einklang ist bei mir eher ein Zwei- oder Dreiklang, der meinen Geduldsfaden (der eigentlich gar nicht so kurz geraten ist) regelmäßig auf Spannung bringt. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel zwischen meinem Verstand, meinem virtuellen Terminkalender und dem freundlichen Inder vor mir, der unentwegt mit dem Kopf wackelt und mir das Blaue vom Himmel verspricht.


Erste Erkenntnis: Man kann in Indien einfach nicht planen, und Inder sollte man lieber nicht beim Wort nehmen. Ob Taxifahrten, gebuchte Hotelzimmer, Interview-Termine oder auch nur die Abholung der eigenen Wäsche beim Büdchen um die Ecke – all das ist in Indien eine einzige Lotterie. Klappt es? Kommt es? Findet es statt? "Yes, yes, madam." Auf Deutsch: Ziemlich sicher ja, vielleicht aber auch nicht.

2 "Ich glaub jetzt hab ich’s" – denkste!

Ziel der langen Reise ist auch, dass ich dieses Land nicht nur kennenlerne, sondern es auch zu großen Teilen verstehe. Zweite Erkenntnis: Pustekuchen. Ich habe zusammengerechnet schon über eineinhalb Jahre in Indien gelebt. In den letzten Wochen habe ich mit fast 50 AktivistInnen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, UnternehmerInnen und indischen KollegInnen über Themen, die das Land bewegen, gesprochen und diskutiert. Indien mag viele Negativ-Rekorde halten, es ist aber auch mit Abstand das komplexeste und vielfältigste Land, das ich je besucht habe. Politik, Religion und Gesellschaft vollends verstehen? Schwierig. Das macht einen manchmal wahnsinnig, ist aber auch faszinierend.

3 Laufen oder Rad? Taxi!

Ein indischer Mann sitzt auf einem Fahrrad und steht an einer Kreuzung. Im Hintergrund indische Taxis.
Laufen oder eines der Taxis nehmen? Für unsere Autorin eine klare Entscheidung.

Einfach das Haus verlassen und mit dem Rad oder zu Fuß schnell ein paar Dinge erledigen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Spazieren gehen macht in Indien keinen Spaß. Auch wenn man denkt: "Ach, nur zwei Kilometer, das laufe ich eben" – das macht man wahrscheinlich nur einmal. Fußgänger sind im indischen Verkehr einfach nicht vorgesehen. Jeder fährt wie er oder sie will – ohne Rücksicht auf Verluste (ja, das kann man wortwörtlich verstehen). Es gewinnt der mit der lautesten Hupe. Man kann das ein riesiges Reißverschlussverfahren nennen, purer Egoismus trifft es aber besser. Vierte Erkenntnis: Lass es einfach und ruf dir ein Taxi!

Wie ein Inder seinen Umzug nach Bremen erlebte

Subhash Chopra kam im Sommer 1976 nach Bremen. Der Ingenieur und Unternehmer blickt nach 42 Jahren zurück auf seine erste Zeit in der Hansestadt.

1 Ein (wirklich) flaches Land

Bevor ich nach Bremen kam, wusste ich schon einiges über die Stadt. Dass hier die Weser fließt, zum Beispiel. Und ich kannte das Märchen der Stadtmusikanten. Doch als ich hier ankam, war ich vom Flachland tatsächlich überrascht.

Ich komme aus Nordindien, aus einer Region hinter der Himalaya-Bergkette. Zwar ist die Landschaft in meiner Heimatstadt auch flach – doch nicht so flach wie hier. Ab und zu trifft man auf kleine Hügel und Berge. Auch die Flüsse sind in Indien ein bisschen anders, sie sind viel größer. Vor allem in der Regenzeit oder wenn der Schnee schmilzt, werden sie sehr breit. Die Weser würde man in Indien nicht als Fluss bezeichnen.

2 Viel Regen, wenig Sonne

In Indien war ich an andere Temperaturen gewohnt. Es gibt dort vier Jahreszeiten – eigentlich sogar fünf mit der Regenzeit – doch kälter als zehn Grad wird es selten. In Bremen war es hingegen sehr kühl im Winter. Und dann gab es noch den Schnee. Das erste Mal, als es hier geschneit hatte, war für mich schon ein Erlebnis. Sogar die Weser war zugefroren.

Auch von der Regenmenge war ich überrascht. Zwar gibt es in Indien den Monsun, doch in Bremen hatte ich das Gefühl, dass es sehr oft regnete. Und wenn es nicht regnete, dann war es kurz davor.

3 Disziplinierte Verkehrsteilnehmer

Verkehrschaos in Junna Bazaar
Geduld und Durchsetzungsvermögen sind im indischen Verkehr gefragt. Bild: Imago | Hindustan Times

Was mich vom Leben hier am meisten beeindruckt hat, war die Verkehrssituation. Alles war gut reguliert, der Verkehr war fließend und diszipliniert. Ich war wirklich schwer beeindruckt. In Indien ist alles ein wenig chaotischer. Sagen wir es mal so: Im indischen Verkehr kommt der Stärkere weiter. Hier halten sich die Menschen hingegen an die Regeln. Und auch die Straßen sind hier in einem besseren Zustand. Wobei ich dazu sagen muss, dass sich mittlerweile auch in Indien einiges geändert hat.

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Radio Bremen Eins, Der Tag, 29. November 2018, 23:20 Uhr