Hausärzte fordern klare Richtlinien von der Politik bei Astrazeneca

Viele ältere Menschen, für die der Impfstoff Astrazeneca vorgesehen ist, verweigern die Impfung, wollen lieber mit Biontech immunisiert werden. Das erleben auch Bremer Ärzte.

Eine Ärztin impft einen Patienten mit AstraZeneca gegen das Coronavirus.
Solidarität mit den Jüngeren sei jetzt beim Impfen gefragt, meinen Hausärzte und Behörde. (Symbolbild) Bild: Imago | NurPhoto

Seit drei Monaten vergeht kaum ein Tag ohne neue Astrazeneca-Nachrichten. Zunächst war der Corona-Impfstoff für alle empfohlen, dann kam nach einigen schwerwiegenden Thrombosefällen ein vorübergehender Stopp. Es folgte eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (StiKo), nur Menschen über 60 Jahre mit Astrazeneca zu impfen. Mittlerweile ist die Priorisierung für das Vakzin aufgehoben worden. Stand jetzt: Jeder, der will, kann sich nach einem medizinischen Beratungsgespräch für eine Immunisierung mit Astrazeneca entscheiden – auch wenn er jünger als 60 Jahre ist. Auch der zeitliche Abstand zwischen den zwei Spritzen muss nicht mehr zwingend zwölf Wochen betragen.

Das Hin und Her verunsichert die Menschen. Das weiß auch der Bremer Hausärzteverband. Und so passiert es auch in Bremen, dass ältere Impfkandidaten Astrazeneca ablehnen und versuchen, den Impfstoff von Biontech/Pfizer zu bekommen. "Das Problem ist bekannt", bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung in Bremen. Man wisse, dass die Lage sehr schwierig sei. Und Lösungen seien schwer zu finden.

Bremer Hausärzteverband: Man hat schlecht kommuniziert

Für den ersten Vorsitzenden des Bremer Hausärzteverbandes, Hans-Michael Mühlenfeld, liegen die Ursachen in einer mangelhaften Kommunikation. "Die Information ist grottenschlecht gewesen. Zwischendurch hieß es, 'es ist nur für Jüngere', dann durfte man es gar nicht impfen, dann nur für Ältere und jetzt heißt es, es sei ein sehr guter Impfstoff, gleichzeitig aber ein Auslaufmodell."

Marketing-Experten würden nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen, was da alles schiefgelaufen ist.

Hans-Michael Mühlenfeld
Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender Bremer Hausärzteverband

Hausärzte: Ü60-Jährige bekommen bei uns nur noch Astrazeneca

Die Unsicherheit sei verständlich, doch gleichwohl seien Impfstoffe derzeit Mangelware. Deshalb biete seine Praxis über-60-jährigen Patienten nur das Astrazeneca-Vakzin an, solange es das noch gibt. Denn Biontech gebe es noch viel zu wenig. "Astrazeneca kann ich den Jüngeren nicht anbieten", sagt der Arzt. Jüngere Patienten riskierten also, keinen Biontech-Impfstoff mehr zu bekommen, wenn die Älteren ihn für sie beanspruchten.

Da müssen wir leider sehr konsequent sein. Ich bedauere aber, dass die Politik uns da so alleine stehen lässt.

Hans-Michael Mühlenfeld
Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender Bremer Hausärzteverband

Auch Hausarzt Gabriel Rogalli in der Östlichen Vorstadt hat ebenfalls zu ähnlichen Methoden gegriffen. "Wir sagen schon auf unserer Webseite oder bei der Anmeldung, dass Ü60-Jährige bei uns mit Astrazeneca geimpft werden, außer in seltenen Ausnahmen, um endlose Diskussionen zu vermeiden."

Hausärzte fordern mehr Entschlossenheit auf politischer Ebene

Für ihn sei wichtig, dass die Politik klare Vorgaben mache, dass Über-60-Jährige nur für Astrazeneca ein Angebot bekämen. Auch Mühlenfeld fordert von der Regierung klare Entscheidungen: "Alle, die älter sind als 60 kriegen Astra – außer medizinische Indikationen sprechen dagegen – und alle, die jünger sind, kriegen Biontech. Das wäre eine klare Ansage."

Jede Minute, in der ich mit den Menschen diskutiere, dass es keinen anderen Impfstoff gibt für Ü60-Jährige, stellt einen ressourcenverschwendenden Umgang mit ärztlicher Arbeitszeit dar.

Hans-Michael Mühlenfeld
Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender Bremer Hausärzteverband

Bremer Gesundheitssenatorin appelliert an Solidarität

Die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) sagt zur Lage: "Die zugelassenen Impfstoffe schützen alle vor schweren Krankheitsverläufen, haben nur unterschiedliche Zulassungen und Empfehlungen durch die Stiko erhalten. Weiterhin haben wir zu wenig Impfstoff zur Verfügung und müssen deswegen sehr genau gucken, wer welchen Impfstoff nutzen kann."

Ich appelliere deswegen mit Nachdruck an die Solidarität aller, dass sie tatsächlich den Impfstoff annehmen, der ihnen angeboten wird.

Claudia Bernhard im Interview
Claudia Bernhard, Bremer Gesundheitssenatorin

Auch beim Gesundheitsressort hätten sich vereinzelt Über-60-Jährige gemeldet, die Astrazeneca verweigern. Bei den Impfzentren seien die angebotenen Termine allerdings fast immer angenommen worden. Nach Einschätzung der Behörde sei die Aufklärung vor Ort entscheidend.

Hausarzt: "Ich kann die Unsicherheit nachvollziehen"

Doch ist die Angst der Älteren gerechtfertigt? Für Mühlenfeld ist sie jedenfalls nachvollziehbar. "Die Wahrscheinlichkeit einer Sinusvenenthrombose bei Astrazeneca ist ungefähr doppelt so hoch wie bei Biontech. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit grundsätzlich sehr gering." Wer sich nicht mit Astrazeneca impfen lassen möchte, müsse berücksichtigen, dass sich die Wartezeit verlängern könne. Eine Covid-19-Infektion werde eventuell wahrscheinlicher. Das Risiko von Komplikationen, inklusive Thrombosen, sei dann um ein Vielfaches höher.

Das Paul-Ehrlich-Institut meldet in einem jüngsten Bericht, dass 67 Fälle von Thrombosen mit Thrombozytopenie (Blutplättchenmangel) nach einer Astrazeneca-Impfung bis zum 30. April gemeldet wurden, davon sind 14 tödlich verlaufen. Vier weitere Menschen verstarben an einer Hirnblutung bei gleichzeitiger Thrombozytopenie. Insgesamt sind bis Ende April fast 5,8 Millionen Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs in Deutschland verimpft worden.

"Jüngere haben sich mit Älteren solidarisch gezeigt"

Hausarzt Rogalli könne die Unsicherheit der Impfwilligen wegen der vielen, verwirrenden Informationen grundsätzlich verstehen, allerdings gebe es dafür "medizinisch inhaltlich" keinen Grund. Ethisch gesehen sei die Annahme des Astrazeneca-Angebots fair, "im Gegenzug zur Solidarität der Jüngeren, die sich seit einem Jahr an die Corona-Maßnahmen halten, damit das Risiko einer Infektion für die Älteren dann nicht mehr so hoch ist."

Auf ethischer Ebene fordere ich deshalb, dass Ältere akzeptieren, mit Astrazeneca geimpft zu werden.

Gabriel Rogalli, Allgemeinmediziner

Bremer Hausärzte-Chef: "Biontech-Impfstoff ist Mangelware"

Video vom 12. Mai 2021
Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzte Verbands.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 10. Mai 2021, 17:45 Uhr