Das macht das Warten auf den Corona-Impfstoff mit Bremer Vorerkrankten

Während die Impfungen für das Personal an Bremer Schulen und Kitas laufen, warten viele vorerkrankte Menschen weiterhin auf eine Einladung. Ihre Verzweiflung steigt täglich.

Eine junge Lehrerin bekommt in Bremen den Corona-Impfstoff verabreicht.
Viele Menschen mit einer Vorerkrankung sind bei einer Infektion mit dem Coronavirus in akuter Lebensgefahr – sie hoffen daher auf eine möglichst schnelle Impfung. Bild: Reuters | Hauke-Christian Dittrich/Pool

Eines ist Mike Keßler besonders wichtig: Er sei keinesfalls neidisch auf Bremer Kita-Beschäftige oder Lehrerinnen und Lehrer – im Gegenteil. "Ich begrüße, dass diese Impfungen nun vorgezogen wurden jedoch möchte auch ich möglichst bald an der Reihe sein", sagt Keßler. Dem 52-Jährigen liege es fern, sich für einen Impftermin vorzudrängeln. Gleichzeitig werde seine körperliche Verfassung von Tag zu Tag schlechter, auch die Psyche mache ihm zu schaffen, so der Bremer.

Seit er sich 2015 von seinem dritten Schlaganfall nicht mehr erholt hat, wird Keßler zu Hause von seiner Ehefrau und einem ambulanten Pflegedienst betreut. Er leidet an schwerwiegenden chronischen Erkrankungen und beantragte deswegen bei der Bremer Impfkommission für sich und seine Frau eine Priorisierung in der Impfreihenfolge. Keßlers einzige Rückmeldung bisher: eine Eingangsbestätigung des Antrags. Er fühle sich vergessen, seine Lage werde immer verzweifelter, so der 52-Jährige.

Über 100.000 Menschen mit Vorerkrankungen

Seit dem 26. Februar 2021 werden im Land Bremen Beschäftigte in Kitas, Grundschulen und Förderschulen bevorzugt geimpft. Verwendet wird hierfür laut Bremer Gesundheitsbehörde der Impfstoff von Astra-Zeneca – offenbar ohne große Widerstände. "Eine direkte Ablehnung des Impfstoffs von Astra-Zeneca haben wir nur in einzelnen Fällen erlebt", sagt ihr Sprecher, Lukas Fuhrmann. Für Mike Keßler habe der vorgezogene Sprung von Lehrern und Erziehern in Stufe Zwei der Impfpriorität das Fass zum Überlaufen gebracht. "Das ist aus unserer Sicht maximal unmoralisch, unethisch und menschlich verwerflich", findet Keßler. Zwar sei die grundsätzliche Notwendigkeit dieser Impfoffensive auch für ihn nur logisch, trotzdem überwiege die Angst vor einer weiteren Verzögerung des eigenen Impftermins, so der Bremer.

Laut Bremer Gesundheitsbehörde ist diese Sorge unberechtigt. "Die Personen, die über die Kommission einen Termin erhalten, werden vorgezogen und erhalten prioritär einen Termin", bestätigt Fuhrmann. Auch auf die Impftermine für weitere Personen mit Vorerkrankungen habe dies keinen Einfluss. Allein in der Stadt Bremen betreffe das deutlich mehr als 100.000 Personen.

Unabhängig von den Impfungen in Kitas und Schulen haben wir hier eine sehr große Gruppe Impfberechtigter vor uns, deren Impfung einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Der Pressesprecher der Gesundheitssenatorin Lukas Fuhrmann im Interview.
Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitsbehörde

Große Hürden stoßen auf Unverständnis

Neben Mike Keßler hat auch Stefanie Nawrot Anfang Februar einen Antrag bei der Bremer Impfkommission für einen früheren Termin gestellt. In der Brust der 56-Jährigen schlägt seit 2003 ein Spenderherz, sie nimmt zahlreiche Medikamente, damit ihr Körper das Organ nicht abstößt. Eine Corona-Infektion würde für die Bremerin tödlich enden – das bestätigten ihre Ärzte schon früh, entsprechende Arztberichte legte sie ihrem Antrag bei. Doch der Kommission reichten diese offenbar nicht aus, Nawrot macht das fassungslos. "Obwohl mir mein Kardiologe strengstens davon abgeraten hat, in seine Praxis zu kommen und eine Ansteckung zu riskieren, musste ich mich für das neue Gutachten dieser Gefahr aussetzen", sagt Nawrot.

Bis zum 26. Februar 2021 sind mehr als 1.000 Zuschriften bei der Bremer Impfkommission eingegangen. Laut Bremer Gesundheitsbehörde seien davon aber nur 126 als vollständige Anträge zu bewerten gewesen. Bis dahin bewilligt wurden nach Angaben der Behörde 44 Anträge, 37 wurden abgelehnt und ein Antrag fiel aus dem Raster. Auch wenn täglich neue Anträge dazu kommen: An den wöchentlichen Tagungen der Kommission werde sich zunächst nichts ändern, eine Aufstockung des Personals in der Geschäftsstelle der Impfkommission sei jedoch geplant. Für Stefanie Nawrot tagt die Impfkommission viel zu selten.

Da wird einem mulmig. Parallel hört man von Mutationen, traut sich nicht mehr aus dem Haus. Warum werden die Mitglieder der Impfkommission nicht von ihren beruflichen Verpflichtungen freigestellt?

Stefanie Nawrot

Ungewisse Zukunft

Nach quälend langen Wochen des Wartens hat Stefanie Nawrot mittlerweile einen Impftermin erhalten und hofft nun, dass auch ihr Ehemann berücksichtigt wird. Trotz der Freude über die anstehende Impfung, sieht sie dieser auch mit Angst entgegen. "Ob der Impfstoff wirkt, ist wegen der Medikamente nicht sicher und aufgrund des Spenderherzens darf ich in keinem Fall Fieber bekommen", sagt Nawrot. Mike Keßler macht das Warten auf einen Bescheid seines Antrags mürbe. Auch seine behandelnden Ärzte bescheinigten ihm, dass eine Corona-Infektion für ihn einen tödlichen Verlauf haben würde. Hinzu kommen anstehenden Untersuchungen und Operationen, die er aus Angst vor einer Ansteckung nun bereits mehrfach hinausgezögert hat.

Wenn es das Virus nicht schafft, mich dahinzuraffen, dann werden die nicht durchgeführten Operationen wohl dafür sorgen, dass ich früher oder später den Löffel abgeben muss.

Mike Keßler

Pflegebedürftigen Menschen fehle die Lobby, glaubt der 52-Jährige. Keßler und den anderen Bremerinnen und Bremern mit bislang offenem Bescheid bleibt also nicht viel mehr, als der tägliche Blick in ihr Postfach.

Impfungen für Erzieher und Lehrer in Bremen gestartet

Video vom 26. Februar 2021
Die Beine vieler Menschen, die in einer Schlange stehen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. März 2021, 23:30 Uhr