Corona-Impfung umtragen: Chaos bei Zuständigkeiten

Video vom 25. Mai 2021
Der Sprecher des Gesundheitsressorts, Lukas Fuhrmann, steht draußen und vor Bäumen schaut in die Kamera.
Bild: Radio Bremen
Bild: Imago | Fotostand K. Schmitt

Wer keinen Impfpass hat, kann die Corona-Impfung nachträglich eintragen lassen. Doch von wem? Bremer und Bremerinnen berichten von einem erfolglosen Hin und Her.

Spätestens seit der Einführung der Lockerungen für Corona-Geimpfte ist der Impfpass zum wichtigen Dokument geworden. Doch was, wenn der Termin im Impfzentrum ansteht und das gelbe Büchlein fehlt? Eigentlich soll die Impfung in einem Ersatzdokument vermerkt und später in einen neuen Impfpass eingetragen werden. Bloß von wem? In Bremen herrschen offenbar unterschiedliche Meinungen.

Fünf Anrufe, kein Ergebnis

Als Herbert Pechmann seinen Impftermin wahrnehmen wollte, merkte er, dass er keinen Impfpass mehr besaß. "Ich bin jetzt in einem Alter, wo man einiges vergisst", sagt der 75-Jährige. Trotzdem sei er im Impfzentrum erschienen, dort haben ihm die Mitarbeiter ein Ersatzformular ausgestellt. Ein A4-Blatt Papier, sagt er. "Ich hatte kein Interesse daran, damit durch die Gegend zu laufen."

Als er sich im Impfzentrum erkundigt habe, wo er einen Impfpass bekommen könnte, habe man ihn zum Hausarzt geschickt. Doch der Hausarzt habe ihm gesagt, er könne den Impfpass besorgen, sei aber für die nachträgliche Eintragung der Impfung nicht zuständig. "Die Angestellte sagte: 'Wir machen das nicht, wir sind nicht dazu verpflichtet'. Also habe ich noch mal beim Impfzentrum angerufen." Dieses habe ihn diesmal an das Gesundheitsamt verwiesen.

Das Amt soll ihm geantwortet haben, für die Eintragung in den Impfpass sei entweder das Impfzentrum oder der Hausarzt zuständig. Auch weitere Anrufe bei Ärzteverbänden hätten keinen Erfolg gebracht. Nachdem Pechmann die Liste der möglichen Ansprechpartner abgehakt hat, bleibt ihm jetzt nichts anderes übrig, als zu warten. "Ich verstehe nicht, warum im Impfzentrum kein Karton mit Impfpässen für solche Fälle bereitliegt", sagt er. Ansonst sei er voller Lob für den Ablauf des Impfverfahrens in der Hansestadt: "Das Prozedere ist in Bremen wunderbar gelöst, man kann davor nur den Hut ziehen."

Gesundheitsressort: Ersatzdokument ist ein gültiger Nachweis

Der Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts, Lukas Fuhrmann, teilte auf Nachfrage mit, dass der Ersatzausweis genauso gültig sei wie eine Eintragung im Impfpass.

Die Impfbescheinigung aus dem Impfzentrum ist ein offizielles Dokument, damit kann überall nachgewiesen werden, dass man geimpft wurde. Es ist daher nicht unbedingt nötig, dass dies in den Impfausweis (sofort) umgetragen wird. Man kann damit warten, bis sich die Situation bei den Ärztinnen und Ärzten wieder entspannt hat.

Lukas Fuhrmann äußert sich im Interview zu den Rechten von vollständig geimpften Bremern
Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

Behörde: Gesundheitsamt ebenfalls zuständig

Die Behörde rät also dazu, wenn möglich mit der Umtragung zu warten. Diese könne laut Infektionsschutzgesetzes sowohl von einem Arzt – jedem Arzt – als auch vom Gesundheitsamt vorgenommen werden. Das Amt sei also in der Pflicht. Doch auch beim Bremer Gesundheitsamt habe man gerade keine Kapazitäten dafür, fügt Fuhrmann hinzu. "Alle sind überlastet." Und dass leere Impfpässe in den Impfzentren bereitliegen, ist aus bürokratischen Gründen nicht möglich.

Die Ausstellung von Impfpässen kann im Impfzentrum nicht abgerechnet werden, weshalb wir das leider nicht anbieten können.

Lukas Fuhrmann äußert sich im Interview zu den Rechten von vollständig geimpften Bremern
Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

KVHB: Das ist nicht die Aufgabe des Arztes

Kritischer sieht es die Kassenärztliche Vereinigung in Bremen (KVHB) und weist auf die aktuelle Auslastung der Praxen hin. "In der aktuellen Lage sehen sich die wenigsten Praxen in der Lage, neben dem Engagement in der Impfkampagne und der normalen Krankenversorgung solche Übertragungen vorzunehmen und bitten um Geduld und Verständnis."

Der gelbe Impfausweis ist ein offizielles Reisedokument. Die Arztpraxis ist kein zweites Bürgeramt. Es ist nicht Aufgabe des Arztes, solche Nachweise zu korrigieren oder zu ergänzen.

Christoph Fox von der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen
Christoph Fox, Sprecher der KVHB

Ähnlich klingt der Bremer Hausärzteverband. Das Problem sei bekannt, sagt der erste Vorsitzende, Hans-Michael Mühlenfeld. Und es könnte in den nächsten Wochen noch größer werden. "Unsere Position ist: Das ein amtliches Übertragen; wir dürfen das machen, müssen aber nicht, wenn wir andere, bedeutsamere Aufgaben haben." Sein Ratschlag wäre eher, die Eintragung beim durchführenden Arzt zu fordern.

Ich kann das schon verstehen, dass sowieso ausgelastete Kollegen sagen: "Das ist nicht meine Aufgabe".

Hans-Michael Mühlenfeld im Interview.
Hans-Michael Mühlenfeld, erster Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes

Allerdings liege es auch in der Verantwortung des Einzelnen, sich rechtzeitig um die Beschaffung des Impfausweises zu kümmern, fügt Mühlenfeld hinzu. Hausärzte können einen neuen Impfpass besorgen, wenn man den alten verloren hat.

Alter Impfpass: Wird er im Ausland anerkannt?

Einen Teil der Schuld sieht auch Marion Bajer bei sich. "Ich hätte mich informieren sollen, aber warum hat man mir nicht früher etwas gesagt?", fragt sich die 60-Jährige. Sie hat ihren Impfpass nicht verloren, allerdings befürchtet sie, mit ihrem alten, nicht-internationalen Modell Probleme beim Reisen zu bekommen.

"Bei der zweiten Impfung hat man mich darauf hingewiesen, dass mein Impfpass nicht international sei und ich damit wahrscheinlich nicht reisen könne", sagt sie. Zumindest, nicht zu den Bedingungen, die zunehmend auch außerhalb Deutschlands für Geimpfte üblich sind. Auch Bajer hat ähnliche Probleme wie Pechmann erlebt: Die Hausärztin hat zwar den Impfpass ausgestellt, doch für die Nachtragung der Impfungen sei sie nicht zuständig gewesen, sagt Bajer. Sie habe sie an das Impfzentrum verwiesen, und dieses wiederum an das Gesundheitsamt. Dort habe man ebenfalls eine Eintragung abgelehnt. Die Bremerin empfiehlt jetzt allen Impfwilligen, den Termin nur noch mit dem aktuellen, internationalen Gelbschein wahrzunehmen.

EU-Impfzertifikat könnte bald Realität sein

Doch ist es tatsächlich so, dass man im Ausland ohne internationalen Impfausweis Ärger bekommt? "Der Gelbe Impfpass ist ein international anerkanntes Dokument. Bei älteren Impfpässen kann es durchaus vorkommen, dass diese nicht überall anerkannt werden", sagt Fuhrmann. Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa teilte auf Nachfrage mit, dies hänge von den Anforderungen der jeweils nationalen Behörden ab.

Innerhalb Europas dürfte jedoch das Problem bald gelöst werden: Die EU-Länder haben sich auf ein Corona-Impfzertifikat geeignet, das in der gesamten Europäischen Union gültig sein soll. Der Ausweis soll künftig auch in digitaler Form bereitstehen – etwa über eine App. Das europäische Zertifikat soll laut ersten Entwürfen in Impfzentren, Arztpraxen und Krankenhäusern nach der Impfung ausgestellt werden. Ärzte und Apotheke dürfen es sonst nachträglich erstellen, wenn der Impfpass und ein weiterer Ausweis vorliegen. Die Entscheidung muss noch formell bestätigt werden, große Änderungen gelten jedoch als unwahrscheinlich.

Wie weisen sich Genesene aus?

Anders sieht es momentan bei Genesenen aus. "Für den Nachweis der Genesung braucht man den Nachweis eines PCR-Ergebnisses", sagt Fuhrmann. Dieser muss nicht zwingend der Brief des Gesundheitsamtes sein: Der Befund des Hausarztes oder des Labors reichten schon aus. Wichtig sei jedoch, dass es sich dabei um einen PCR-Test handele. Die Impfung werde dann im Impfpass vermerkt.

Wer als Genesener ins Ausland reisen will, sollte sich jedoch am besten zuvor über die Einreisebedingungen vor Ort erkundigen.

Die Regeln im Ausland zu Genesenen sind sehr unterschiedlich, dazu kann von uns keine Aussage gemacht werden.

Lukas Fuhrmann äußert sich im Interview zu den Rechten von vollständig geimpften Bremern
Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin

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Video vom 18. Mai 2021
Anja Stahmann, Andreas Bovenschulte und Claudia Bernhard bei einer Pressekonferenz
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Mai 2021, 19:30 Uhr