Interview

Hurricane und Co.: Was wird aus dem Festivalsommer 2021?

Wegen Corona sind im letzten Sommer die großen Musikfestivals abgesagt worden. Dürfen wir wenigstens auf einen Festivalsommer 2021 hoffen?

Bühne mit der Band Zebrahead auf dem Hurricane Festival 2019
Bilder aus besseren Tagen: Das Hurricane 2019. Bild: Radio Bremen | Patrick Schulze

Am 18. Juni soll eigentlich das Hurricane Festival 2021 beginnen. Etwa 80.000 Menschen auf einem Fleck, ist das derzeit überhaupt denkbar? Darüber hat Bremen-Vier-Moderatorin Malin Kompa mit Stephan Thanscheidt gesprochen. Er ist CEO von einem der größten Konzertveranstalter Deutschlands, FKP Skorpio, der auch das Hurricane und das Deichbrand-Festival organisiert.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das Hurricane in diesem Jahr stattfindet?
Die Vorbereitungen für das Hurricane 2021 laufen nach wie vor. Wir haben gemeinsam mit führenden Veranstaltern seit längerer Zeit an einem bundesweiten Hygiene- und Sicherheitskonzept gearbeitet, was speziell auf Open Airs ausgerichtet ist. Aber natürlich ist davon abgesehen die aktuelle Lage alles andere als zufriedenstellend und auch die weitere Lage nur sehr schwer abzuschätzen. Wir bemühen uns in einem ständigen Dialog mit Politik und weiteren Entscheidungsträgern auch, so schnell wie möglich Klarheit zu schaffen für dieses Jahr. Aber das ist nicht ganz so einfach. Derzeit ist es noch ein großes Fragezeichen.
Welche Szenarien und Hygienekonzepte werden da zum Beispiel jetzt durchgespielt?
Das betrifft die ganze Bandbreite der Palette, die einem an Maßnahmen im Katalog zur Verfügung steht – von einem Impfungsgeschehen, über Schnelltests, die es ja inzwischen in ganz vielen Varianten gibt, SafeBubble-Konzept und so weiter. Und auch die Kombination aus all diesen Möglichkeiten. Immer daran orientiert, wie das aktuelle Infektionsgeschehen gerade ist. Es ist aber so, dass es da noch nicht den sogenannten Königsweg gibt. Wenn das so wäre, dann würden wir alle schon deutlicher sagen: "Es ist zwar gerade eine schwere Zeit, aber wir sehen uns alle auf den Festivals im nächsten Sommer." Aber soweit sind wir im Moment noch nicht.
"SafeBubble" – hat das was damit zu tun, wie viele Menschen auf einem Fleck zusammen sein dürfen?
Das Konzept der SafeBubble meint einfach einen sicheren Ort, wo man am Anfang überprüft wird. Das wird mit Schnelltests zum Beispiel gemacht. Und man sieht dann, ist die Person infektiös oder eben nicht? Hat sie Corona, hat sie kein Corona? Ist sie gesund? Kann sie hinein in die SafeBubble? Und in der SafeBubble befinden sich dann laut des Testverfahrens eben auch nur gesunde Menschen und können sich dann auch eigentlich ohne weitere Maßnahmen miteinander verhalten. Was ich aber auch nochmal deutlich sage, ist, dass das so für Festivals erstmal nicht funktioniert, weil es da einfach auch zu viele andere Hürden gibt. Auch zu viele Ungenauigkeiten in den Tests, so dass diese Idee eben erstmal nicht umsetzbar ist.
80.000 Menschen sind immer ungefähr beim Hurricane-Festival. Aber zuletzt gab es ja auch immer wieder andere Formate, sowas wie Autokino, Online-Konzerte. Wäre ein Hurricane-Festival mit deutlich weniger Besuchern denkbar?
Nein. Ganz klar. Das kann ich ganz leicht und ganz schnell verneinen. Das ist nicht machbar, weil es nicht zu finanzieren wäre. Die Margen im Festivalbereich sind nicht so groß wie man vielleicht denkt. Und ein Festival wie das Hurricane, wo man für knapp 80.000 Leute eine Stadt im Grünen aufbaut für ein Wochenende, kann sich nur tragen, wenn wir mit voller Kapazität an den Start gehen können.
Jetzt steht das Line Up für 2021 ja schonmal soweit. Viele Künstler, die eigentlich letztes Jahr mit dabei gewesen wären, stehen da drauf. Wie weit sind da die Planungen?
Mit den Bookings sind wir so gut wie fertig, da wir aus Solidarität den Künstlern von 2020 den selben Slot am selben Tag wieder angeboten haben. Das heißt, wir haben unser gesamtes Line Up verschoben, was natürlich sehr gut ankam bei den Künstlern. Und das war für uns auch selbstverständlich, weil wir eben 2020 schon, zu Beginn der Pandemie diesen Vibe kreieren wollten: "Wir ziehen um. Und zwar zusammen. Nach 2021. Und wir glauben, dass im nächsten Jahr auch alle zusammen wieder an den Start gehen können." Und diesen Vibe wollten wir auch für unsere Besucherinnen und Besucher schaffen, da auch da fast 90 Prozent der Leute das Ticket umgeschrieben und behalten haben.
Jetzt sind da ja durchaus auch Künstler dabei, die aus dem Ausland kommen, vielleicht auch aus Ländern, in denen die Lage auch dramatischer ist. Die könnten dann nicht zu uns reisen, oder?
Also für Bands und Crews könnte man selbstverständlich das SafeBubble Konzept anwenden. Das ist dasselbe Konzept, das auch für Fußballer der ersten und zweiten Bundesliga genutzt wird. Das wäre auch für Künstler möglich. Das heißt, man testet den Künstler bevor er in den Flieger steigt, testet ihn, wenn er wieder rauskommt, bringt ihn in die SafeBubble und lässt ihn oder sie spielen und danach geht es weiter. Das wäre schon machbar. Das hat natürlich auch viele Hürden und auch logistischen Aufwand. Es wäre aber nicht komplett unmöglich.
Gibt es eine Deadline für die Entscheidung, ob das Hurricane stattfinden wird?
Wir müssen natürlich gucken, dass wir diesen großen Apparat, der da an diesen Festivals dranhängt – inklusive der gesamten Wertschöpfungskette – berücksichtigen. Die sitzen natürlich nicht komplett bei uns im Haus, das sind viele Firmen, auch Solo-Selbstständige, Techniksupplier, Securityfirmen, Cateringfirmen und so weiter. Die wollen alle planen, die haben alle sehr harte Zeiten, Wochen und Monate hinter sich. Die brauchen Planungssicherheit. Wir denken, dass wir etwa in den nächsten acht Wochen da Klarheit bekommen müssen. Sonst wird es auch zu spät, solche logistischen Monster, die Festivals ja nun mal sind, auch adäquat mit entsprechendem Vorlauf noch umzusetzen.
Bisher gibt es ja große Solidarität seitens der Besucher und Fans, die eben auch ihre Tickets einfach für dieses Jahr haben überschreiben lassen. Was passiert denn aber, wenn dieses Jahr wieder alles ausfallen muss?
Das ist genau das, wo wir gerade dran arbeiten. Das ist jetzt noch ein bisschen früh um darüber zu sprechen. In ein paar Wochen werden wir da sicherlich mehr zu sagen können. Aber genau diese Fälle sind gerade in der Bearbeitung. Da wir in den letzten Jahren, wenn es mal ein Problem gab – sei es ein Wetterproblem oder auch das Pandemieproblem aus 2020 – schon immer gezeigt haben, dass wir für unsere Besucherinnen und Besucher immer gute Möglichkeiten und faire Konzepte anbieten konnten.. Und sollte es zum Schlimmsten kommen in diesem Jahr, soll genau das eben wieder so laufen. Und um das am bestmöglichen auszurollen, sind wir gerade dabei ein entsprechendes Konzept zusammenzustellen, über das wir dann sprechen können, wenn wir mehr Klarheit haben über das Jahr 2021.
Wäre das auch der Appell an alle Menschen, die jetzt gerade auf Konzerte und Festivals verzichten müssen? Der Appell, dass man weiter an den Tickets festhält und auch weiter Tickets für anstehende Touren kauft?
Ja, absolut, denn es werden auch wieder gute Zeiten kulturell auf uns zukommen, in denen wir alle mehr Spaß und mehr Vergnügen an diesen Dingen haben werden, als wir das derzeit haben. Aber wenn man dazu beitragen will, dass es Kultur in dieser Vielfalt weiterhin in Deutschland und auch über deutsche Grenzen hinaus gibt, dann sollte man die Tickets behalten und Geduld haben. Damit hilft man auf jedem Fall den Veranstaltern, den Künstlern, aber vor allem auch der ganzen Wertschöpfungskette, die da hintendran hängt – dieser ganzen riesigen Blase aus Menschen, die davon lebt, genau das tun zu können. Und das wäre sehr hilfreich und sehr gut in jeder Hinsicht. Denn die sollen ja auch alle noch da sein, wenn es dann wieder losgeht, damit wir wieder genauso kulturell vielfältig an den Start gehen können, wie wir es vor der Pandemie waren.

Scheeßel ohne Hurricane – was das für den Ort bedeutet

Video vom 11. Juni 2020
Vor dem Eingang zum Festivalgeländes haben sich hunderte Menschen versammelt. Auf Stützfeilern steht das Wort "Hurricane".
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Malin Kompa Moderatorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 27. Januar 2021, 8:20 Uhr