Mutter, Mutter, Kind: So schwierig ist es für homosexuelle Eltern

Bei der Bremer Familie Balmer kümmern sich Mutter und Mutter um ihren Sohn. Doch das birgt etliche rechtliche Schwierigkeiten. Eine Regenbogenfamilie berichtet.

Video vom 7. September 2020
Die Mütter Danielle und Melanie spielen mit ihrem Sohn Luam.
Bild: Radio Bremen

Ihrem Kind beim Aufwachsen zusehen und helfen, bei all den vielen ersten Malen dabei sein, für immer mit dem Kind verbunden sein –das sei für sie Muttersein, erzählt Danielle während sie in ihrem Wohnzimmer in der Bremer Neustadt sitzt, Äpfel schält und klein schneidet. Sohn Luam sitzt dabei auf ihrem Schoß. Die Apfelstücke, die sie ihm gibt, kann er besser lutschen als beißen. Luam ist im Januar geboren. Die ersten Zähne kommen gerade.

Spricht Danielle über Luam, dann lächelt sie. Breiter und strahlender als sonst. Für sie ist es ganz klar: Sie ist seine Mutter. Doch rechtlich gesehen ist sie das nicht.

Ohne Stiefkindadoption geht es nicht

Denn Danielle hat Luam nicht geboren. Sie ist nicht seine biologische Mutter. Das ist ihre Ehefrau Melanie. Durch eine Samenspende wurde Melanie schwanger. Der biologische Vater von Luam hat seine Vaterrechte abgegeben. Danielle muss Luam adoptieren. Über eine sogenannte Stiefkindadoption.

Denn ein Kind kann rechtlich gesehen ab der Geburt nur eine Mutter und einen Vater haben. So steht es im deutschen Abstammungsrecht, das einem traditionellen Familienbild von Vater, Mutter und Kind folgt.

Laut §1591 BGB ist die Frau, die ein Kind gebärt, auch dessen rechtliche Mutter. Vater des Kindes ist automatisch der Mann, der mit der Mutter zum Zeitpunkt der Geburt verheiratet ist oder die Vaterschaft anerkennt. Dabei ist es ganz egal, ob der Mann auch der biologische Vater des Kindes ist. Für heterosexuelle Paare ist es also einfach, gemeinsam Eltern zu werden.

Bei lesbischen Paaren geht das nicht. Denn die Ehefrau kann nicht direkt ab Geburt des gemeinsamen Kindes als dessen zweite Mutter in der Geburtsurkunde eingetragen werden. Es bleibt nur die Stiefkindadoption.

Ich bin sehr froh, dass es die Stiefkindadoption gibt. Dass wir unsere Familie legalisieren können in Deutschland. Aber es würde einfacher gehen.

Danielle Balmer

Viel Papierkram, viele Sorgen

Acht Wochen nach Luams Geburt durfte das Ehepaar den Antrag auf Adoption über eine Notarin beim Familiengericht einreichen. Das Gericht bittet das Jugendamt dann um eine Stellungnahme. Dafür kann das Jugendamt verschiedene Dokumente des sogenannten annehmenden Elternteils anfordern. Denn die Stiefkindadoption ist eigentlich für Kinder gedacht, die aus einer vorherigen Partnerschaft der Mutter stammen.

Danielle muss dem Jugendamt ein Gesundheitszeugnis, einen Vermögensnachweis, ein Führungszeugnis und ihre Geburtsurkunde und die Eheurkunde vorlegen.

Was natürlich auch eine Rolle spielt ist, dass Luam weniger gut geschützt ist. Dadurch, dass er nur eine offizielle Mutter hat. Und wenn jetzt dieser etwas passieren würde. Das hat uns schon sehr beschäftigt.

Danielle Balmer

Danielle und Melanie finden es ungerecht, dass sie als Ehepaar anders behandelt werden als heterosexuelle Paare. Denn Luam sei ein absolutes Wunschkind - einfach Eltern werden, das ginge bei ihnen nun mal nicht.

Die Stiefkindadoption dauert ungefähr ein Jahr.

Es ist einfach immer zusätzlich so ein Punkt, den man immer noch im Kopf haben muss. Zusätzlich zu Themen wie Elterngeld beantragen, Geburtsurkunde abholen. Die ganze Bürokratiesachen, die man eh schon hat mit Kind. Und dann kommt zusätzlich immer noch dazu: Ach ja, die Stiefkindadoption haben wir ja auch noch. Wo wir gucken müssen was für Unterlagen noch einzureichen sind.

Melanie Balmer

Ungerecht findet diese Regelung auch Caro Schulze vom Rat & Tat Zentrum. Sie berät lesbische Paare bei Fragen rund um Kinderwunsch und Stiefkindadoption.

Diese ganzen rechtlichen Sachen, die verunsichern, die machen Angst, die bereiten Sorgen. Da ist immer dieses Thema: Das Jugendamt, das will was von mir. Das macht große Unsicherheiten.

Caro Schulze, Rat & Tat

Politische Diskussionen

Im Juni 2017 beschloss der Bundestag die Ehe für alle. Seit Oktober 2017 dürfen gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland heiraten und sollen heterosexuellen Paaren damit gleichgestellt sein. Doch eine wirkliche Gleichbehandlung sehen Schwulen- und Lesbenverbände und auch Caro Schulze vom Rat & Tat Zentrum darin nicht. Weil das Abstammungsrecht im Zuge der Ehe für alle nicht geändert wurde und ein Kind ab Geburt weiterhin nur eine Mutter haben kann, würde die Lebensrealität von lesbischen Paaren eben nicht auch rechtlich widergespiegelt - sagt sie.

Der vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz eingesetzte Arbeitskreis "Abstammungsrecht" legte im Juli 2017 einen Abschlussbericht vor, in dem unter anderem die Einführung der Mit-Mutterschaft vorgeschlagen wurde. Das bedeutet, dass die Partnerin oder Ehefrau der biologischen Mutter ab Geburt des Kindes als zweite Mutter eingetragen werden kann. Ohne dass eine Adoption noch nötig wäre. Ein entsprechender Gesetzesentwurf versandete.

Mit dem Entwurf des sogenannten Adoptionshilfegesetz entfachte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey die Diskussion um lesbische Elternpaare Anfang des Jahres erneut. Der Entwurf sah unter anderem eine Beratungspflicht aller an einer Stiefkindadoptionen Beteiligter vor. Viel Kritik kam aus der lesbisch-queeren Szene aber auch von SPD und den Grünen. Die Befürchtung: Die Situation von lesbischen Paaren bei einer Stiefkindadoption würde sich verschlechtern, der Prozess der Adoption noch länger dauern.

Ich war natürlich entsetzt. Da kommt so ein Adoptionshilfegesetz, wo es eher um eine Verschärfung ging für lesbische Frauen.

Caro Schulze, Rat & Tat

Das Gesetz passierte zwar im Mai diesen Jahres den Bundestag. Durch den Bundesrat aber kam es im Juli nicht. Die nötige absolute Mehrheit von 35 Stimmen bekam das Gesetzesvorlagen in der Länderkammer nicht. Auch Bremen stimmte dagegen.

Wir brauchen ein Recht, das für alle Lebenslagen zutrifft und bei dem sich niemand benachteiligt fühlt.

Anja Stahmann (Grüne), Sozialsenatorin

Im August dann kündigte Bundesjustizministerin Lambrecht an, das Abstammungsrecht ändern zu wollen. Demnach soll die Partnerin oder Ehefrau einer Frau, die ein Kind gebärt, ab der Geburt des Kindes als Mutter eingetragen werden können.

Im politischen Raum in Bremen ist man sich generell einig darüber, dass das Abstammungsrecht geändert werden muss – hin zu einer Öffnung für lesbische Paare. Sandra Ahrens, familienpolitische Sprecherin der CDU begrüßt den neuen Entwurf. "Wir als CDU Fraktion hier in Bremen sagen ganz klar, dass in den Fällen, in denen es eine Verheiratung oder Verpartnerung gibt und ein Kind in diese lesbische Partnerschaft kommt, die Mit-Mutterschaft von Anfang an bestehen soll, wenn es sich um eine Becherspende oder eine Samenspende handelt. Also wenn kein biologischer Vater da ist, der die Vaterschaft auch haben möchte."

Auch Caro Schulze findet den Entwurf erstmal gut. Sie würde sich aber wünschen, dass auch nicht-lesbische Paare einbezogen werden.

Für alle Menschen, die jetzt noch eine andere sexuelle Orientierung haben oder den Geschlechtseintrag divers oder keinen Eintrag haben, ist es ein großes Problem.

Caro Schulze, Rat & Tat

Ob und wann der Entwurf in die Abstimmung geht, steht noch nicht fest.

Warten auf die Mutterschaft

Im Alltag würden sie oft vergessen, dass sie rechtlich gesehen noch nicht gleichgestellte Mütter des kleinen Luams seien, erzählen Danielle und Melanie.

Luam ist ja kein Stiefkind. Luam ist einfach unser Sohn, unser Wunschkind. Luam ist bei uns geboren. Durch Luams Geburt sind wir eine Familie geworden, wo wir vorher ein Paar waren.

Danielle Balmer

Sie hoffen, dass die Stiefkindadoption in einem halben Jahr durch ist. Und dass sich die rechtliche Lage in Zukunft ändert, falls sie ein zweites Mal Mütter werden wollen.

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. September 2020, 19:30 Uhr