Wie sieht das Büro der Zukunft aus? Das sagen Bremer Experten

Corona hat auch die Arbeitswelt dramatisch verändert. Homeoffice, Videokonferenzen, virtuelle Vorträge. Doch was passiert nach der Pandemie?

Video vom 25. April 2021
Ein leeres Großraumbüro.
Bild: Imago | Westend61
Bild: Imago | Westend61

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Art verändert, wie wir leben, sondern auch wie wir arbeiten. Homeoffice, Videokonferenzen, Chats mit den Kollegen gehören für viele inzwischen zum Alltag, genauso wie halbleere Besprechungsräume. Zunehmend mehr Beschäftigte müssen sich einen kleinen Arbeitsraum zu Hause einrichten, einige entdecken den Coworking-Space für sich.

Welche Zukunft hat denn das deutsche Großraumbüro? Bislang hieß es oft, diese großen Openspace-Arbeitsflächen machten die Finanzabteilungen in den Unternehmen glücklicher und die Arbeitnehmer trauriger und krank; mehrere Studien belegen das. Forscher der Harvard Universität kamen vor drei Jahren sogar zu dem Schluss, dass das Großraumbüro der direkten Kommunikation eher schadet als nutzt.

Jetzt zwingt die Pandemie viele Unternehmen, ihren Mitarbeitern Homeoffice anzubieten beziehungsweise es – im Rahmen der Möglichkeiten – anzuordnen. Das Coronavirus hätte also rein theoretisch das Potenzial, feste, starre Arbeitsräume in vielen Branchen zu begraben. Aber ist das wirklich so? Und wie wird der Büroraum der Zukunft aussehen? buten un binnen hat vier Experten in verschiedenen Feldern nach einer Prognose gefragt.

Architekt: Flexibilität wird zunehmend wichtig

Ein einfaches "Zurück-zum-alten-Büromodell" wird es nach Ende der Pandemie laut Oliver Platz, Präsident der Architektenkammer in Bremen, wahrscheinlich nicht geben. "Ich glaube, dass wir in der Corona-Zeit viel gelernt haben und einige Dinge Bestand haben werden." Das Schlüsselwort ist offenbar "Flexibilität". Ein Wechselmodell zwischen Büro und häuslichem Arbeitszimmer könnte laut Platz Vorteile bringen. "Zum Beispiel: Ich brauche jetzt Konzentration, dann arbeite ich die nächsten zwei Wochen zu Hause." Wenn persönlicher Austausch gefragt ist, kann der Beschäftigte dann wieder ins Büro.

Ein Zugewinn an Flexibilität könnte die Arbeit kreativer machen.

Oliver Platz
Oliver Platz, Präsident der Bremer Architektenkammer

Gebäude anpassungsfähig gestalten

Selbstverständlich gelte dies nur für einige Büroberufe. Doch insgesamt könnte das Arbeitsgebäude der Zukunft schon bei der Planung – oder Umplanung – für "mehrere Konzepte auslegt" sein. Denn, selbst wenn man an ein Gebäude wie an etwas Starres denkt, kann man laut Platz mit der Gestaltung spielen. "Man hat das Großraumbüro geschaffen, um die Menschen aus ihren Zellen zu holen, jetzt geht es eher um die Nutzung von anpassungsfähigen Gebäuden oder Flächen."

Das bedeutet, dass die Nutzung nicht starr festgelegt wird, sondern durch eine Umgestaltung einem anderen Zweck dienen kann: temporärer Bibliothek, Kita, Mietfläche für weitere Geschäfte oder Unternehmen. Wie der Raum dann eingerichtet wird, hängt von der jeweiligen Betriebskultur ab.

Jeder gute Raum erzählt eine Geschichte. Welche, kann man vom Kontext abhängig machen.

Oliver Platz
Oliver Platz, Präsident der Bremer Architektenkammer

Solche Veränderungen betreffen laut Platz nicht nur den Arbeitsort, sondern auch die Wohnwelt. Man denke inzwischen eher daran, ein kleines Zimmer zu Hause in ein Arbeitszimmer zu verwandeln. Das Problem: Was, wenn mehrere Familienmitglieder im Homeoffice sind? Richtet man ein Zimmer pro Person ein? Dann könnten auch Coworking-Spaces, also Arbeitsflächen, die man sich mit anderen teilt, eine Option sein, sagt Platz. "Dort kann man auch mit neuen Leuten und neuen Ideen in Kontakt kommen."

Arbeitssoziologin: Coworking-Spaces weiterhin eher für kleinere Gruppen relevant

Die Soziologin Karin Gottschall sieht es teilweise anders. Die Coworking-Spaces blieben so wie vor der Pandemie für eine kleine Gruppe hochqualifizierter, hochmobiler Beschäftigten relevant. "Ich sehe nicht, dass die Pandemie einen großen Einfluss darauf gehabt hat", sagt sie.

Dass die Pandemie Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe haben wird, sei hingegen sicher. "Welche, das hängt von der Branche ab. Nicht alle können ins Homeoffice gehen. Weniger als die Hälfte der Erwerbstätigen kann das", sagt sie. Den Betrieben sei auf jeden Fall deutlich geworden, dass viele Aktivitäten in die Online-Welt und in digitale Formate verlagert werden können. Besprechungen, aber auch Vorlesungen oder Konferenzen.

Es ist deutlich geworden, dass es eine Reihe von Tätigkeiten gibt, bei denen die Präsenz vor Ort im Betrieb nicht notwendig ist.

Karin Gottschall
Karin Gottschall, Professorin an der Universität Bremen

Die Unternehmen könnten damit zudem Kosten sparen. Und auch einige Tätigkeiten könnten zu Hause oder online effektiver und schneller erledigt werden.

Homeoffice ja, Homeoffice nein?

Es könne für die Arbeitnehmer angenehm sein, in Jogginghose vom häuslichen Schreibtisch aus zu arbeiten. Andererseits birgt das remote Arbeiten auch Gefahren. "Entgrenzung" nennt sie Gottschall, das Verschwinden der Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben. "Das Managen dieser Grenze wird den Beschäftigten auferlegt, und das ist eine Belastung." Daher sei wichtig, dass die Arbeitnehmer nicht zum Homeoffice gezwungen würden.

Ich glaube, dass Arbeitgeber Interesse daran haben könnten, die Organisation in diesem Sinne [Online und Homeoffice] zu verändern. Ob dies auch für die Beschäftigten immer befriedigend ist, das ist vermutlich nur zum Teil der Fall.

Karin Gottschall
Karin Gottschall, Professorin an der Universität Bremen

Davon profitierten sicherlich diejenigen, die großzügige Wohnverhältnisse und zeitliche Spielräume hätten, also ein größeres Haus und lockere Fristen. "Also diejenigen, die ohnehin schon davor bessere Arbeitsbedingungen hatten. Das verstärkt die Ungleichheit zwischen Beschäftigtengruppen", so Gottschall.

Auf der sozialen Ebene hätte die räumliche Trennung zwischen Mitarbeitern ebenfalls Auswirkungen. "Der Betrieb ist auch ein sozialer Ort, die Alltagskommunikation trägt zum Betriebsklima bei – und das fällt jetzt weg. Dies führt zur Vereinzelung. Das virtuelle Treffen kann die Begegnung in Präsenz nicht ersetzen", sagt die Soziologin. Spontane Begegnungen und die Identifikation mit dem Betrieb schwänden, auch Konflikte zu regeln werde schwieriger.

IT-Spezialist: Die Möglichkeiten nehmen zu

Dass die digitale Kommunikation Begegnungen in Präsenz nicht vollständig ersetzen kann, weiß auch Christoph Schneider, Leiter des Produktmanagements beim IT-Unternehmen Teamviewer, dem auch die Bremer Firma Ubimax gehört. "Ich glaube, dass es immer mehr in Richtung "hybride" Arbeitsmodelle gehen wird. Jeder hat inzwischen die Vorteile des Homeoffice entdeckt, sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber", sagt er. Komplett remote werden jedoch nur die Wenigsten arbeiten können. "Denkbar wäre, dass man zum Beispiel nur an einigen Tagen ins Büro geht."

Technologisch gesehen sei heute vieles möglich – auch, wenn man sich keine teure 3D-Technologie leisten könne. "Beim Kundendienst, zum Beispiel: Man kann mit dem Smartphone beispielsweise einen Augmented-Reality-gestützten Videocall starten und dem Servicetechniker damit direkt das zu reparierende Objekt zeigen. Der Techniker kann wiederum Markierungen im Video setzen, die an den Objekten haften bleiben, und so die Person in Echtzeit anleiten."

Die größten Hürden sind für Schneider nicht technologischer, sondern sozialer Natur, denn die Technologie kann das Gefühl von Zusammenhalt und die physische Anwesenheit – zumindest noch nicht – wirklich ersetzen. Sein Unternehmen habe jedenfalls eine gestiegene Nachfrage nach IT-Produkten erlebt, sagt er. "Es hat eine Verdreifachung der Verbindungen in unserem Netzwerk gegeben."

Doch wer bezahlt?

Wenn ein Arbeitnehmer ins Homeoffice geschickt wird, muss er nicht für die Kosten aufkommen. "Der Arbeitgeber hat dann die Aufwendungen zu erstatten, die für die Ausübung der Arbeit notwendig sind. Er kann zum Beispiel nicht verlangen, dass ich mein privates Telefon benutze", sagt Kaarina Hauer, Leiterin der Rechtsabteilung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Auch könne man nicht gezwungen werden, ins Homeoffice zu gehen, für die Dauer der Pandemie gebe es jedoch eine Ausnahme: Die Beschäftigten haben das Angebot, aus dem Homeoffice aus zu arbeiten, anzunehmen, wenn ihrerseits keine Gründe dagegen sprechen.

Wenn, im Gegenteil, der Arbeitnehmer nach Ende der Pandemie ins Homeoffice bleiben möchte und der Chef darüber nicht erfreut ist, wird die Lage komplizierter. "Den Beschäftigten einfach so wieder aus dem Homeoffice zurückzuholen ist nicht so ganz einfach. Es kommt darauf an, was vereinbart wurde. Ist nichts vereinbart, bedarf es einer umfassenden Interessenabwägung und ist immer eine Einzelfallprüfung." Wer bereits weiß, dass er nach der Pandemie im Homeoffice bleiben möchte, könnte eventuell schon jetzt das Gespräch mit dem Betriebsrat suchen. Für Coworking-Spaces gebe es hingegen keine gesetzliche Regelung. Wenn der Arbeitgeber damit einverstanden sei, trage er die Kosten für diesen Arbeitsplatz.

Meine vorsichtige Prognose aufgrund der Beratungen, die wir führen, ist: Das Homeoffice wird sich stärker als in der Vergangenheit durchsetzen, weil viele ganz zufrieden damit sind. Wir haben bisher wenige Beschwerden gehabt. Aber es müssen Regelungen gefunden werden, vieles läuft derzeit 'freestyle'.

Kaarina Hauer
Kaarina Hauer, Leiterin Rechtsabteilung bei Arbeitnehmerkammer Bremen

Rückblick: So läuft die Arbeit im Homeoffice

Video vom 28. März 2020
Die Geschäftsführerin der Metropolregion Nordwest Anna Meinckes, die an ihrem Laptop im Home Office arbeitet.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. April 2021, 19:30 Uhr